Rehberg: Klopp könnte der erste deutsche Trainer sein, der in...

Die ganz große Zeit der "Reds" liegt lange zurück. Kann Jürgen Klopp sie wieder aufleben lassen? Foto: dpa

So richtig erfolgreich war bislang kein deutscher Trainer in der Premier League. Bei Jürgen Klopp könnte das anders werden, meint AZ-Kolumnist Reinhard Rehberg. Denn Klopp...

Anzeige

. Nicht ein einziger deutscher Trainer hat bis heute in einer der europäischen Topligen in Spanien, Italien oder England eine Ära begründet. Der große Hennes Weisweiler heuerte 1975 mal beim FC Barcelona an. Nach einer Saison war Schluss. Der deutsche Startrainer stolperte über den eigenwilligen holländischen Starstürmer Johan Cruyff. Udo Lattek trainierte Barca von 1981 bis 83, dann war Schluss. Lattek gewann mit den Katalanen auf Anhieb den Europapokal der Pokalsieger. In der Saison darauf stolperte er über den neu verpflichteten Stürmerstar Diego Maradona: Die Diva aus Argentinien kam zu spät zum Mannschaftsbus, Lattek fuhr ohne Maradona ab, der beschwerte sich beim Vorstand – Lattek flog raus.

Heynckes hinterließ die größten Spuren

Jupp Heynckes, der als Spieler bei Borussia Mönchengladbach unter Weisweiler und Lattek seine größten Erfolge gefeiert hatte, hat noch die größten Spuren im Ausland hinterlassen. Bei Athletico Bilbao und bei CD Teneriffa erwarb sich Heynckes einen guten Ruf als Trainer in Spanien, 1997 rief ihn Real Madrid. Der Deutsche gewann in jener Saison mit den Königlichen die Champions League, doch weil Real nicht Landesmeister wurde, musste Heynckes nach einem Jahr schon wieder gehen.

Und nun probiert es Jürgen Klopp in England, in der Premier League. Seit gestern Abend ist der am Mainzer Bruchweg zur Kultfigur aufgestiegene 48-Jährige verantwortlich für den FC Liverpool. Jüngere Fußballfans werden sagen: Manchester United, Manchester City, FC Chelsea, okay, aber Liverpool? Die ganz große Zeit der „Reds“ liegt lange zurück. Für Menschen meiner Generation verbinden sich mit dieser Zeit allerdings große Emotionen.

Anzeige

1965 entschied das Los

Das begann 1965. Der 1. FC Köln stand im Viertelfinale des europäischen Landesmeisterpokals. Gegner: der FC Liverpool. 0:0 in Köln. Am Aschermittwoch mussten die Kölner an der Anfield Road antreten. Ein Schneesturm jagte über das Stadion, 20 Minuten vor dem Anpfiff wurde die Partie abgesagt. 14 Tage später: 0:0 in Liverpool, der überragende Kölner Torhüter Anton „Toni“ Schumacher hatte tausend Hände. Entscheidungsspiel auf neutralem Gelände in Rotterdam: 2:2 nach Verlängerung. Das Los musste entscheiden. Schiedsrichter Robert Schaut, ein Belgier, warf keine Münze, sondern eine kleine Holzscheibe mit einer weißen und einer roten Seite. Der erste Wurf: Das Scheibchen blieb senkrecht im Matschboden stecken. Der zweite Wurf: Rot. Der FC Liverpool zog ins Halbfinale ein.

Ein Jahr später gewann Borussia Dortmund als erste deutsche Mannschaft einen europäischen Wettbewerb, den Europapokal der Pokalsieger: 2:1 n. V. im Finale von Glasgow - gegen den FC Liverpool.

Viele Fäden führen zu Mainz 05

1977. Borussia Mönchengladbach war in der Vorsaison letztmals unter Hennes Weisweiler Meister geworden. Nachfolger Udo Lattek führte die Mannschaft um Torjäger Jupp Heynckes in das Finale des Europapokals der Landesmeister. 1:3 in Rom gegen den FC Liverpool, dessen Torjäger Kevin Keagan danach vom Hamburger SV verpflichtet wurde. Als Mainzer hatte man auf diese Partie ein besonderes Auge geworfen. Denn im Gladbacher Tor stand als Nachfolger des großen Wolfgang Kleff ein in Zornheim aufgewachsener Riese: Wolfgang Kneib – der 1,96 Meter große Hüne spielte von 1972 bis 75 im Kasten des FSV Mainz 05. Ein Jahr bevor die 05er 1976 als erster deutscher Fußballklub aus wirtschaftlichen Gründen freiwillig ihre Zweitligalizenz zurückgaben, war Kneib zum damals finanzkräftigen Oberligisten SV Wiesbaden gewechselt. Dort wurde der Zornheimer von den Gladbachern entdeckt. Erste Saison: Europacupfinale - gegen den FC Liverpool.

Anzeige

Und nun leitet also der Ex-05er Jürgen Klopp diesen großen englischen Traditionsklub an, der zwischen 1973 und 1990 nicht weniger als elf Mal Meister auf der Insel war. Der zweite deutsche Trainer in der Premier League. Felix Magath war mit dem FC Fulham sang- und klanglos abgestiegen und nach ein paar Monaten direkt wieder gefeuert worden.

Nachfolge von Trainerlegenden

Klopp tritt in der Arbeiterstadt an der Flussmündung des Mersey die Nachfolge von Trainerlegenden an: Bill Shankly (1959 bis 74), Bob Paisley (1974 bis 83), der Schotte Kenny Dalglish (1985 bis 91), der Franzose Gérard Houllier (1998 bis 2004), der Spanier Rafael Benitez (2004 bis 2010). Der Deutsche Klopp hat gemeinsam mit seinen unverzichtbaren Co-Trainern Zeljko Buvac und Peter Krawietz einen Drei-Jahres-Vertrag unterschrieben. Mag sein, dass der charismatische Fachmann aus dem Schwarzwald der erste deutsche Trainer ist, der in einer der europäischen Topligen eine Erfolgsära begründet.

Eine Weltklassemannschaft hat Klopp da nicht übernommen. Die Aufgabe gleicht sehr der Situation von 2008 in Dortmund. Der FC Liverpool kann aktuell mit den Spitzenteams nicht mithalten. Die Abwehr mit dem belgischen Torhüter Simon Mignolet und den drei Innenverteidigern Emre Can (der in Frankfurt aufgewachsene deutsche Nationalspieler), dem Tschechen Martin Skrtel sowie dem Franzosen Mamadou Sakho steht noch ganz gut. Das Mittelfeld um den brasilianischen Techniker Coutinho, dem Klopp den für 41 Millionen Euro von der TSG Hoffenheim verpflichteten Landsmann Roberto Firmino zur Seite stellen könnte, sowie die englischen Renner James Milner und Adam Lallana (lange verletzt) funktioniert leidlich. Im Angriff herrscht Flaute. Der lange Belgier Christian Benteke hat noch nicht eingeschlagen, der junge Engländer Danny Ings muss noch lernen, der erfahrenere Daniel Sturridge steckt im Formtief.

Eines steht fest: Klopps tempogeladener Pressing- und Umschaltfußball passt in die Premier League - um eine Phase mit geduldiger Aufbauarbeit wird der 48-Jährige aber nicht herumkommen. Doch das war in Dortmund nicht anders, bevor es Titel regnete.