Rehberg: Klarer Sieg in einer komplizierten Partie als...

Niko Bungert jubelt nach seinem Führungstor. Foto: Harald Kaster

Mainz 05 besiegt den FC Augsburg, liegt auf Europapokal-Kurs. Ein klares 3:0 in einer Partie, die relativ kompliziert begonnen hatte. Für Reinhard Rehberg ein Schlüsselmoment...

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. Das ist nicht immer klar zu definieren. Aber wahrscheinlich war es so vor dem Anpfiff, das Bauchgefühl der 30.000 Menschen in der Coface Arena und der Kicker auf dem Rasen: Wer heute verliert, der wird zumindest sehr viel Mühe haben, ausgangs der Zielgeraden in dieser Bundesligasaison dranzubleiben im Kampf um die international bedeutsamen Ehrenurkunden. Das Spiel zuvor hatten beide Klubs verloren. Also lautete die Frage: Wer bleibt am Boden liegen - und wer steht in einem wichtigen Moment sofort wieder auf? An dieser Wegegabelung hat der FSV Mainz 05 den zuvor in acht Auswärtsspielen hintereinander unbesiegten Tabellennachbarn FC Augsburg in einem typischen "Mentalitätsspiel" mit 3:0 bezwungen.

Die Chancen der 05er auf ein ganz besonderes Saisonendergebnis sind damit enorm gestiegen. Gar nicht mal nur tabellarisch gesehen, sondern vor allem auch emotional: Die Mannschaft von Thomas Tuchel hat nach zwei Niederlagen in Folge einen negativen Ergebnistrend gestoppt, das schlechte Gefühl nach dem 1:3 beim Tabellenletzten Eintracht Braunschweig ausradiert - und damit die Voraussetzungen geschaffen für einen selbstbewussten Auftritt am kommenden Samstag im spannungsgeladenen Derby bei der Frankfurter Eintracht.

Gefühl, eine echte Prüfung bestanden zu haben

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Den 05-Trainer hat man nach einer eher durchwachsenen spielerischen Vorstellung seiner Elf elten so glücklich, so befreit erlebt. Tuchel hat spürbar das Gefühl umgetrieben, dass seine Elf gegen diesen zähen, unbequemen FC Augsburg eine echte Prüfung bestanden, eine innere Hürde überwunden, einen Meilenstein gesetzt hat. Ein Schlüsselmoment im gerade begonnenen langen Endspurt, wenn es darum geht, Stolperer wegzustecken, die Ellenbogen auszufahren, zu rangeln, zu rempeln und zu stoßen, Stärke und Selbstbewusstsein auszustrahlen und sich willensstark zu behaupten im Kampf um die besten Ausgangspositionen.

Da haben die Mainzer Widerstandsgeist bewiesen in einer Partie, in der zwei Mannschaften mit taktisch extrem ähnlichen Ansätzen antraten. Und in der die Augsburger in den ersten 20 Minuten Vorteile hatten. Markus Weinzierl hatte seine laufstarke und wehrhafte Einheit gut eingestellt auf die bekannt konstruktive Spieleröffnung der Mainzer. Der FCA-Trainer hatte seine Elf noch kurz vor Verlassen der Kabine darauf hingewiesen, dass die Mainzer Probleme bekommen könnten. Weil sich Nikolce Noveski während des Aufwärmprogramms verletzt hatte und Niko Bungert den Abwehrchef vertrat, auch als Kapitän. Mittelstürmer Raul Bobadilla sollte Bungert scharf anlaufen und zu Fehlern provozieren, Zehner Halil Altintop sollte im Zentrum die Spieleröffnung von Johannes Geis behindern, die offensiven Außen André Hahn und Tobias Werner pressten weit nach vorn verschoben gegen die 05-Außenverteidiger Zdenek Pospech und Jo-Hoo Park. Das erzielte Wirkung.

FCA: Mehr Ballbesitz, aber keine Torgefahr

Selten hat man 05-Torhüter Loris Karius so viele lange Bälle schlagen gesehen wie an diesem Tag gegen die Zustelltaktik des FCA. Normalerweise hätte Tuchel geschimpft ob dieser Hoch-weit-Verlagerung unter Missachtung eines strukturierten Spielaufbaus von hinten raus. Diesmal nahm der 05-Coach das bewusst in Kauf. Der eigene Ballbesitz lahmte zwar, aber die Augsburger kamen nicht über Balleroberungen in den kritischen Zonen zu ihren gefürchteten schnellen Umschaltzügen. Die Gäste hatten mehr Ballbesitz, sie nutzten die Breite des Spielfelds, aber sie kamen nicht in die Tiefe, sie wurden nie torgefährlich. Auch, weil die 05er nach den Aussetzern in Braunschweig wieder hoch konzentriert, konsequent, konstant stabil verteidigten. Das war die Basis. Und das wird das entscheidende Fundament bleiben bis zum Ende dieser Erfolgssaison. Die Augsburger hatten ihre ersten beiden echten Torchancen in den letzten drei Minuten - beim Stand von 0:3. Da sangen die 05-Fans längst: "Europapokal, Europapokal!"

Den Wagen sicher in die Garage gebracht

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Den 05ern gibt es zudem ein gutes Gefühl, wenn sich auch das Spielglück mal wieder einstellt. Der von Weinzierl als Pressingopfer auserkorene Bungert gelang technisch sehenswert nach einer Ecke die befreiende 1:0-Führung, die zu diesem Zeitpunkt gar nicht in der Luft lag. Dann musste Weinzierl den verletzten Innenverteidiger Rangnar Klavan und den angeschlagenen Offensivsprinter Tobias Werner auswechseln. Dann bescherte ein kurioses Eigentor den Gastgebern das 2:0. Danach brachten die 05er ihren Wagen - sehr überlegt, defensiv gut organisiert und mit verbessertem Ballbesitz - sicher in die Garage. Die Sache, die relativ kompliziert begonnen hatte, war mit dem 2:0 im Prinzip schon gelaufen. Den Augsburgern fehlte nach dem 1:3 im Heimspiel gegen Bayer Leverkusen der Punch, die kollektive Energie für ein Comeback. Während die 05er an Überzeugung und Glauben in die Mission zulegten.

Die besten Mainzer im eigenen Ballbesitz waren die Außenverteidiger Pospech und Park sowie Johannes Geis als dominanter Sechser. Maxim Coupo-Moting hielt den linken Flügel konstant besetzt, der ballsichere Dribbler erarbeitete viele Eckbälle mit seinen Dribblings. Bleibt noch ein Hinweis auf die verbesserte Leistung von Ja-Cheol Koo. Der Zehner rannte viel bis zur Pause, aber wenig effektiv. Der Südkoreaner sucht seine Form. Bis zur Pause lief Koo vorne nicht gut an, dadurch stellte sich kein kompaktes Pressingverhalten ein in der gegnerischen Hälfte. Und die Mitspieler fanden den wendigen Techniker zu selten im Zentrum.

In der zweiten Halbzeit steigerte sich Koo, gegen den Ball und mit Ball. Das war wichtig. Koo attackierte aggressiver, weiter nach vorn verschoben. Jetzt wurde auch die FCA-Abwehr dazu gezwungen, oft zum Torhüter zurückzuspielen, nun musste auch Marvin Hitz die Bälle ständig lang nach vorne schaufeln. Viele der abgewehrten Bälle kassierten die Mainzer. Und jetzt war Koo auch anspielbar, ohne spektakuläre Szenen hatte er eine Bedeutung als ruhiger Ballverteiler. Der Held des Tages war der kompromisslose Niko Bungert, der beim 0:3 in Wolfsburg an der Seite von Stefan Bell noch gewackelt hatte.