Rehberg: Kann Jogi Löw der Bundesliga helfen?

Nun hat sich auch Joachim Löw geäußert zur spielerischen und taktischen Qualität in der Bundesliga. Zu wenige Mannschaften, sagt der Bundestrainer, hätten Lösungen am...

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. Löw arbeitet nicht mit einer Klubmannschaft. Löw arbeitet mit den 22 besten Profifußballern des Landes. Und deren Qualität erlaubt es seit einigen Jahren, die Kugel laufen zu lassen, geduldig über die einzelnen Positionen Flachpasskombinationen aufzuziehen, Laufwege in die Tiefe vorzubereiten, geduldig auf den richtigen Moment für den Lückenpass zu warten. Der Regisseur dieser Kunst ist Toni Kroos. Und der ist ein Weltklassespieler, dessen Ruhe und Selbstverständnis auch daher rührt, dass er mit Real Madrid Jahr für Jahr nationale und/oder internationale Titel abräumt.

In der Bundesliga hat der Welttrainer Pep Guardiola diese Spielweise beim FC Bayern verankert. Jupp Heynckes hat seine eigene Sicht auf die Dinge. Aber Elemente aus der Guardiola-Zeit sind bis heute erkennbar. Borussia Dortmund war unter Thomas Tuchel auf einem ähnlichen Weg, doch der kreative Fußballdenker hat sich mit seinem eigenwilligen Verhalten selbst aus der schwarz-gelben Umlaufbahn geschossen. Dass Tuchel dennoch nach wie vor als Nachfolger von Heynckes auf dem Zettel der Münchner Bosse steht, zeigt, wie schwierig es ist, einen Übungsleiter zu finden, der das Wissen hat und den Mut aufbringt, eine Spitzenmannschaft konsequent Fußball spielen zu lassen.

Eine Koryphäe wie etwa José Mourinho hat daran überhaupt kein Interesse. Der einfach strukturierte Defensiv-Stil von Manchester United bringt in der Liga Ergebnisse, aber im Achtelfinale der Champions League fiel der Mourinho-Elf nicht mehr viel ein im Duell mit dem krassen Außenseiter FC Sevilla.

Der Argentinier Mauricio Pochettino spielt mit den Tottenham Hotspurs einen begeisternden, weil tempogeladenen Ballbesitzfußball. Doch als es im Achtelfinale in die Entscheidung ging, da setzte sich in London der brutale Ergebnis-Fußball von Juventus Turin durch. In der Europaliga scheiterten die Dortmunder mit ihren lausigen Bemühungen um Kombinationsgeschick am leidenschaftlichen Pressingfußball des FC Salzburg. Und an diesem Sonntag schlug in der Bundesliga die Lauf-, Zweikampf- und Umschaltmaschine von RB Leipzig den unter Heynckes nahezu als unbezwingbar geltenden FC Bayern mit 2:1.

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Nichts gegen die besondere Bereitschaft, die physische Wucht und die Tempoqualität der Leipziger, aber gegen diese Mannschaften, die ausschließlich auf die Zerstörung des gegnerischen Aufbauspiels setzen, die mit Pressing auf jedem Fleckchen des Rasens den Ballführenden und den ersten Passadressaten Mann gegen Mann unbarmherzig unter Zeit- und Entscheidungsdruck setzen, ist jede Art von Ballbesitzfußball im Nachteil. Kompakt verteidigen, aggressive Balljagd bis an die Grenzen der Regelauslegung und kontern, das ist und bleibt einfacher, als die Kugel strukturiert und konstruktiv über die Breite und Länge des Platzes bis in den gegnerischen Strafraum zu kombinieren.

Liga-Trend: Fehler beim Gegner provozieren

Und nun soll dieses Kunststück einem mittelprächtig besetzen Bundesligateam gelingen. Vor dem Hintergrund, dass bis auf den Tabellenführer alle Konkurrenten den Akzent setzen auf die Arbeit gegen den Ball, auf engmaschige Defensivblöcke in der eigenen Spielhälfte und auf schnell angelegte Konterzüge. Wer sich da mit seinen spielerischen Ansprüchen zu weit aus dem Fenster lehnt, der begeht aktuell fußballerischen Selbstmord. Im Moment weist die Statistik einen Trend aus: Die Mannschaften mit weniger Ballbesitzzeit schnappen mehr Punkte. Beim Gegner Fehler zu provozieren und diese hoch effizient auszunutzen, das ist der Liga-Trend.

Volker Finke hatte mal mit dem SC Freiburg eine Ballbesitz-Ära begründet. Ohne internationale Topspieler, auch ohne internationale Topstürmer ließ Finke seine Mannschaften konsequent kombinieren bis zum Torabschluss. Das war allerdings zu einer Zeit in den 90ern, als noch nicht viele deutsche Teams die Raumverengung über soldatischen Kettenverschiebefußball so gut beherrschten wie heute.

Man möchte Jogi Löw gerne erleben, wie er bei den aktuellen Bedingungen in der Bundesliga einem Mittelklasseklub den Kombinationsfußball mit herauskombinierten Torchancen beibringt - und damit auch noch Erfolg hat. Wünschenswert wäre das. Beispiele dafür existieren aber nicht in diesen Zeiten. Und Löw wird sich dieser Aufgabe auch nie stellen. Zumindest nicht beim FC Augsburg, beim SC Freiburg, bei Hannover 96, bei Hertha BSC, bei Werder Bremen, beim VfB Stuttgart oder beim FSV Mainz 05.