Rehberg: Jürgen Klopp, der Meister des Wiederaufstehens

Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool, spricht bei einer Pressekonferenz am Melwood Training Ground vor dem Champions League Finale gegen Tottenham Hotspur. Das Endspiel ist am 01. Juni in Madrid.  Foto: dpa

Es gibt gewisse Parallelen. Zwischen dem Aufstieg des FSV Mainz 05 und einem möglichen Champions-League-Gewinn des FC Liverpool am Samstag, analysiert unser Kolumnist.

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. Noch immer, hat Jürgen Klopp dieser Tage in England erzählt, betrachte er den Bundesligaaufstieg mit dem FSV Mainz 05 als den größten Erfolg in seiner Trainerkarriere. Sollte er an diesem Samstag in Madrid mit dem FC Liverpool das Champions-League-Finale gegen Tottenham gewinnen und den Henkeltopf in die Höhe strecken, erst dann müsse er über seine persönliche Erfolgs-Rangliste womöglich noch mal neu nachdenken.

Für den Fußball-Standort Mainz waren diese Worte des einstigen 05-Kulttrainers eine hohe Auszeichnung. Und das zeigte: Der in Liverpool geliebte und verehrte Klopp weiß noch immer, wo er herkommt, wo er begonnen hat, wo er die erste Bestätigung dafür bekommen hat, dass er an schlechten wie an guten Tagen eine besondere Wirkung auf Menschen entfalten kann. Er hat die Gabe, selbst die bittersten Enttäuschungen umzuwandeln in das Gefühl: Wir stehen gerade auf dem Sprung in ein nicht sonderlich weit entferntes Paradies.

Sechs Endspiele hat Klopp zuletzt verloren. Zwei davon in der Champions League - 2013 mit Borussia Dortmund, 2018 mit dem FC Liverpool. 2019 steht er wieder im Finale. Mit den „Reds“. Große Niederlagen sind für diesen Fußballlehrer ein Antrieb: Niemals liegen bleiben, noch härter und klüger arbeiten, immer wieder zurückkommen, Überzeugung und Glauben hochhalten, besser werden, Spiele gewinnen – die nächste große Chance ist immer das Produkt einer kämpferischen, konstruktiven und optimistischen Grundhaltung.

In diesen Tagen ist Union Berlin in die Bundesliga aufgestiegen. Natürlich hat das in Mainz und auch bei Klopp Erinnerungen geweckt. Da ist klar geworden, dass bei diesem Trainer alles angefangen hat, mit abgrundtiefen Enttäuschungen am Ende eines außergewöhnlichen Erfolgsweges. 17 Jahre ist das nun her, als die 05er am letzten Zweitliga-Spieltag zu Union fuhren und für den Aufstieg nur einen Punkt benötigten. Es war für Klopp die erste vollständige Saison als Jungtrainer.

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5. Mai 2002. 1:3-Niederlage an der Berliner Wuhlheide. Der VfL Bochum stieg auf – mit dem heutigen 05-Sportdirektor Rouven Schröder im Kader. Als Jürgen Klopp nach der Pressekonferenz in einem Zelt vor die Kameras des ZDF treten musste, da wurde er von einem Weinkrampf geschüttelt. Ein seelischer Zusammenbruch. Inmitten von Häme, von Hassgesängen aus dem Union-Lager. Noch heute ist es nicht nachvollziehbar, warum sich die Berliner Anhänger so sehr darüber gefreut haben, die Mainzer psychisch zerstört am Boden liegen zu sehen. Niemand hatte an diesem Tag das Gefühl, Mainz 05 könnte sich von diesem Schock noch einmal erholen.

Klopp nahm die Niederlage auf seine Kappe. Er habe seiner Mannschaft für dieses „Endspiel“ nicht das mitgeben können, was sie gebraucht habe. Am Tag, als die Bochumer auf Mallorca ihre feucht-fröhliche Aufstiegsparty feierten, da verkündete der verkaterte Klopp in Mainz trotzig: „Wir werden es wieder versuchen...!“

Ein Jahr später gewannen die 05er am letzten Spieltag mit 4:1 bei Eintracht Braunschweig. Aber im Aufstiegs-Fernduell hatte die punktgleiche Eintracht ein einziges Tor zu viel geschossen. Die Frankfurter zogen in die Bundesliga ein. Und spätestens jetzt dachte man in Mainz ob der erneut verpassten Chance und der leeren Vereinskasse: Das war es mit dem Bundesligatraum. Einer dachte anders. Jürgen Klopp. Und wieder ein Jahr später stiegen die Mainzer am letzten Spieltag in die Eliteliga auf.

Das ist die Geschichte des Jürgen Klopp. Comeback-Mentalität. Und wenn er an diesem Samstag in Madrid den Henkeltopf gewinnen sollte, dann wird er auch diesen Triumph erst im dritten Anlauf geschafft haben. Und spätestens zwei Tage nach der Jubelfeier wird der Unbeugsame nichts anderes im Kopf haben, als den ersten Titelgewinn in der Premier League.

Diesmal hat Klopp mit gigantischen 97:98 Punkten gegen Manchester City und Pep Guardiola „verloren“. Eine einzige Niederlage in 38 Ligaspielen – und nur Zweiter. Es gibt Trainer, die daran zerbrechen. Für Klopp sind große und schmerzende Niederlagen der Antriebsmotor, es immer wieder neu zu versuchen. Mit noch mehr Energie. Und mit der rhetorischen Fähigkeit, alle Spieler, alle Mitarbeiter und die gesamte Stadt auf diese Chance einzuschwören.