Rehberg in Evian: Nachvorneverteidigung am See

Verschieben, pressen, anlaufen: Martin Schmidt gibt Anweisungen. Foto: René Vigneron

Am Pressing du lac kommt Reinhard Rehberg täglich vorbei, und er übersetzt das ganz frei mit "aggressive Nachvorneverteidigung am See". Und ungefähr das trainiert auch Martin...

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. Beim kurzen Spaziergang nach dem Frühstück durch unsere Fußgängerzone in Evian komme ich immer an einer Reinigung vorbei. "Pressing du lac" heißt der Laden. Frei übersetzt: Aggressive Nachvorneverteidigung am See. Das beschreibt sehr gut den aktuellen Themenschwerpunkt in der Arbeit der 05er.

Martin Schmidt schult jetzt am Genfer See die Grundprinzipien gegen den Ball. Die Spielformen sind immer komplex, aber der Trainer coacht in erster Linie die Balleroberung. Das sind sehr intensive Einheiten auf unterschiedlich kleinen Feldern, kurze, in der Belastung sehr genau geplante Reize. Da kann sich kein Spieler verstecken, da kann keiner abschalten, da ist ständige Präsenz die Grundvoraussetzung, das Gruppenniveau zu halten.

Gegner ständig unter Zeit- und Entscheidungsdruck setzen

Balljagd basiert auf dem Grundgedanken, dass der Gegner auf Ballhöhe ständig unter Zeit- und damit Entscheidungsdruck stehen muss. Dann macht der Gegner Fehler. Ein Bundesligaspieler ist mit seinen technischen Fähigkeiten immer in der Lage, mit der Kugel am Fuß einen Gegenspieler auszuwackeln oder einen sicheren Pass am Gegenspieler vorbeizulegen. Hat er zwei Gegenspieler vor sich, wird das schon schwieriger, werden diese zwei Attackierer auch noch seitlich oder im Rücken von nahe postierten Kollegen abgesichert, dann wird es eng. Also lautet ein wichtiges Prinzip bei der Balljagd: Überzahl herstellen und enge Abstände einhalten.

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Ein Beispiel: Die 05er verlieren im Angriff im rechten Halbraum den Ball, dann kann man sofort die Rückwärtsbewegung einschalten und sich in die defensive Blockstellung zurückziehen - man kann aber auch impulsartig, die Trainer sprechen da gerne von einem Stromschlag, die nächste Balljagd eröffnen. Das nennt man Gegenpressing. Da wird der Spieler des Gegners, der gerade in Ballbesitz gekommen ist, regelrecht überfallen.

In diesem Kampfraum entstehen dann Subsysteme, den großen Grundordnungen nicht mal unähnlich. Etwa eine Miniraute: Einer stürzt sich in den Zweikampf, zwei Spieler verengen seitlich von links und rechts den Raum, ein Spieler sichert dieses Dreieck in nahem Abstand im Rücken ab. Was passiert im Idealfall: Der Gegner verliert die Kugel wieder binnen der nächsten drei, vier Sekunden (und dann lässt sich die nächste eigene Angriffsaktion starten, und das in einer vorteilhaften Nähe zum gegnerischen Strafraum und mit genügend eigenen Spielern im torgefährlichen Raum) - oder der Gegner keult die Kugel in der Pressignot unkontrolliert lang nach vorne (und das lässt sich dann leicht regeln über aufmerksame, weit nach vorn verschobene Innenverteidiger).

Wagenburg in unterschiedlichen Tiefen

Eingeübt werden muss natürlich auch die defensive Blockstellung. Die gesamte Mannschaft formiert sich auf 25 mal 25 bis 30 mal 30 Metern, und dann muss der Gegner einen immer zur Ballwanderung hin verschiebenden engen Wall ausspielen, seitlich umspielen oder hoch überspielen. Da wo das Tor steht, also im Zentrum, wird extrem kompakt gearbeitet, da wird attackiert, abgesichert, da werden Passwege zugestellt. Die Abläufe innerhalb dieser organisierten Schwarmbewegungen sind dann denen im Gegenpressing nicht unähnlich.

Und ob diese Wagenburg dann als Gesamtkonstrukt sehr tief steht, mehr auf ein Mittelfeldpressing aus ist oder in einer weit nach vorn verschobenen Stellung das Angriffspressing favorisiert, das ändert an den nötigen Prinzipien wenig. Pressing heißt immer: Den ballführenden Gegenspieler anlaufen (also verunsichern, stören, dessen Passverhalten beeinflussen, im Idealfall sogar in eine bestimmte Richtung lenken), attackieren, zustechen, absichern und dahinter kollektiv nachschieben.

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Schmidt baut diese Abläufe auf über die kleinste Einheit (Zwei gegen Zwei - ein Spieler führt den Zweikampf, der Kollege sichert ab), und dann geht es weiter über Vier gegen Vier, Sechs gegen Sechs und am Ende Zehn gegen Zehn. Und wenn diese Klein- und Großgruppenprinzipien mal sitzen, dann lassen sich diese in jeder Grundordnung entfalten. Meistens verteidigen die 05er in einem flachen 4-4-2, das Angriffspressing ist oft wirkungsvoller in einem 4-3-3, aus der Mittelfeldraute ergibt sich gegen den Ball zuweilen auch ein 4-3-1-2.

Jeder Pass löst ein neues System aus

Die Grundordnungen im eigenen Ballbesitz pendeln zwischen 4-2-3-1, 4-4-2 mit Mittelfeldraute und 4-3-3. Aber das alles sind akademische Diskussionen. Rollt die Kugel mal, dann löst jeder nächste Pass und jeder kleine Laufweg ein neues System aus. Tatsächlich entscheidender sind die Subsysteme und Prinzipien, die eine Grundordnung und einen Matchplan mit Leben füllen, auch durch tief verankerte Muster und Automatismen.

Wir halten fest: Die 05er sind auf einem guten Weg, die Trainingseinheiten hier am Genfer See haben eine hohe Intensität und eine beachtliche Qualität. Läuferisch, Zweikampfverhalten, Raumverhalten, Passqualität, Handlungsschnelligkeit, Zug in den Handlungen, kollektive Energie - all das macht einen guten Eindruck. Und es gibt keine Spieler, die da nachhaltig abfallen. Man beobachtet natürlich noch unterschiedliche Gewohnheiten, aber das ist normal, gerade bei Neuzugängen.

Ob auf den einzelnen Positionen dann bald der hochkarätige Betrieb herrscht, den sich der Trainer nach diesen Trainingsleistungen vorstellt, das weist erst der Wettkampf aus. Da geht es dann um Festigkeit, um Verlässlichkeit, um Konstanz in den Handlungen - und natürlich um Ergebnisse. Und die sind nicht selten abhängig von Unwägbarkeiten. Aber eine Topvorbereitung erhöht immer die Erfolgswahrscheinlichkeit.

Gestählt für die kommende Saison

Das gilt übrigens auch für uns Schreiber. Wer bei 40 Grad im Schatten noch konzentriert die Subsysteme verfolgen und dann bei 80 Grad im stickig-heißen Hotelzimmer auf einem heiß laufenden, kurz vor der Explosion stehenden und vom von der Stirn tropfenden Schweiß getränkten Laptop Sätze formulieren kann, der ist gestählt für die kommende Saison. Das gibt Selbstvertrauen. Wie würde der Fußballprofi floskeln, auch hier am schönen Westufer des Genfer Sees: Wichtig ist, dass ich meiner Mannschaft helfen kann… Nein, no, non, das will ich nie wieder hören. Der Mannschaft helfen…, na was denn sonst (für 100.000 Euro im Monat)?!

Ehrlich gesagt: Im Moment hat man am Genfer See Mühe, sich selbst zu helfen, da fallen einem schon die zwei, drei Schritte zum nächsten kühlen Getränk schwer…