Rehberg: In der 05-Krise sind klare Ansagen wichtig

05-Manager Christian Heidel. Foto: Sascha Kopp

Die große Stärke bei Mainz 05 war immer die Ruhe im Klub in schwierigen Phasen. Darauf konnten sich Spieler, Trainer und Anhänger verlassen. Dass die Diskussion um die...

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. Der Trainerstab und viele Spieler werden sich am Mittwochabend eine DFB-Pokalpartie mit ganz besonderem Interesse und sicher nicht emotionslos angeschaut haben. Und am Ende werden sich die Beobachter aus Mainz wahrscheinlich mit einer Mischung aus Verwunderung, Bewunderung und Neid gesagt haben: Aha, so kann man das also auch lösen… Da hat der Bundesligaletzte FC Augsburg, der in dieser Saison erst ein Ligaspiel gewonnen und schon sieben verloren hat und mit wechselndem Erfolg in der Europaliga herumturnt, dem Zweitliga-Spitzenreiter SC Freiburg in dessen Stadion nicht die Spur einer Chance gelassen.

FCA nutzt Pokal als Reha-Maßnahme

Die Mannschaft von Trainer Markus Weinzierl hat in diesem Alles-oder-Nichts-Spiel zugeschlagen: Selbstbewusst, systemsicher, laufstark, aggressiv, ballsicher, passsicher, tempogeladen, zielstrebig, in der die Weichen stellenden ersten Halbzeit extrem dominant – und am Ende hieß es 3:0. „Die waren einfach besser“, knurrte der desillusionierte Freiburger Trainer Christian Streich. „Da konnten wir heute nichts machen.“

Am kommenden Samstag empfangen die Augsburger die in der Tabelle fünf Punkte entfernten 05er. Das Erstliga-Schlusslicht hat die unangenehme Pokalaufgabe im Schwarzwald als Reha-Maßnahme genutzt, gut für die Spielerseele, gut für den Teamgeist, gut für den Trainer, gut für die Stimmung im Klub und in der gesamten Stadt. Die 05er? Die haben sich am Dienstagabend im eigenen Stadion vom in Punktspielen noch sieglosen Tabellenvorletzten der Zweiten Liga aushebeln lassen. 1:2 gegen den TSV 1860 München. Nach einem glücklosen, überwiegend desolaten, leblosen Auftritt. Und nun geht es in einem emotional aufgewühlten, sportlich instabilen und auf der Führungsetage des Klubs unruhigen Zustand nach Augsburg.

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Die beiden beschriebenen Situationen sind derart gegensätzlich, dass die 90 Liga-Minuten am Samstag schon wieder ihren ganz besonderen Reiz haben: Der FCA will den Aufwind nutzen und den letzten Platz verlassen - die angeknockten Mainzer werden ihren Stolz, ihren Widerstandsgeist, ihren Comeback-Willen, ihren Zusammenhalt beleben und betonen. Welches Motiv wirkt stärker?

Heidels Gespür für Bewertung von Situationen

Die große Stärke der Mainzer war immer die Ruhe im Klub in schwierigen Phasen. Darauf konnten sich Spieler, Trainer und Anhänger verlassen. In den 23 Jahren seines Wirkens hat Christian Heidel ein nahezu untrügliches Gespür für die Bewertung von Situationen und für die angemessenen Maßnahmen entwickelt. Da hat der Manager zuweilen auch Entscheidungen getroffen, die bundesweit Kopfschütteln ausgelöst haben. Am Ende wurde Heidel nahezu immer bestätigt.

Im Moment beschäftigt sich der 52-Jährige mit Gedanken um eine berufliche Veränderung. Dass Heidel deshalb in seinem Heimatklub nicht entschlossen und mit höchstem Einsatz an allen Stellschrauben drehen würde, das ist eine absurde Vorstellung. Dass diese Diskussion um die Zukunft des Klubs allerdings nicht eben stimmungsaufhellend wirkt, dass sich die 05-Profis unter der Woche mit dem für den Manager und ersten Ansprechpartner entstandenen Entscheidungsdruck beschäftigen, das dürfte ebenso außer Frage stehen. Bleibt der unendlich erfahrene, in unterschiedlichsten Situationen gestählte Macher – oder geht die 05-Impulszentrale, die weit mehr ist als ein Transferspezialist? Und wie ginge es dann weiter?

Daraus lässt sich folgern: Sollte sich die sportliche Krise weiter zuspitzen, dann braucht es am Bruchweg in naher Zukunft klare Ansagen. Führungsqualität. Wasserstandsmeldungen geben wir nicht ab, wir werden sehen, was die Zeit so bringt…, das ist keine Ansage. Die Führungsriege steht in der Verantwortung für das Wohl dieses Vereins, der in Wahrheit ein 100 Millionen schweres Fußballunternehmen geworden ist. Das bedingt auch persönlich komplizierte bis unangenehme Entscheidungen – in die eine oder in die andere Richtung. Eine sicher nicht in wenigen Wochen zu bewerkstelligende, aber in Angriff genommene Erneuerungs- und Umstrukturierungsphase auf der Leitungsebene (gleich, ob der Manager bleibt oder nicht) ließe sich moderieren, ein in dieser Frage sich noch Monate hinziehendes Entscheidungs- und Handlungsvakuum nicht. Schon gar nicht in sportlichen Krisenzeiten.