Rehberg: Hoffen auf 05-Reaktion gegen "neuen" SV Werder

Sieg in Chemnitz, Jubel nach dem ersten Spiel auf der Werder-Bank: Trainer Viktor Skripnik (rechts). Foto: dpa

In diesem Heimspielpaket steckt sehr viel drin. Mainz 05 erwartet Werder Bremen. Eine Reaktion nach der Niederlage in Wolfsburg wird erwartet. Und das gegen einen Gegner, dessen...

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. Eigentlich müsste die Coface Arena an diesem Samstag bis auf den letzten Platz besetzt sein. Denn in diesem Heimspielpaket steckt sehr viel drin. Neue Hoffnungen, Selbstfindungsprozesse, Comeback-Erwartungen, Druckgefühle, insgesamt sehr unterschiedlich gelagerte Emotionen, fehlende Leistungsträger, ein Trainer, der mit seiner Spielidee das Auto noch nicht in der Garage hat, ein Überraschungstrainer, der das erste Bundesligaspiel seines Lebens coacht. Eine Fundgrube für Fußballanalytiker und Küchenpsychologen (ein zuweilen miteinander sehr verwandtes Beobachterklientel).

Reaktion auf erste Niederlage ist gefragt

Die 05er haben eine Prüfung zu bestehen: Das Team von Kasper Hjulmand spürt den Auftrag, nach der ersten Liganiederlage, die nach einer schwachen Vorstellung in Wolfsburg sehr deutlich ausfiel, eine willensstarke Reaktion zu zeigen. Wenn die Spieler ihre 14 Punkte aus den ersten acht Begegnungen mehr glücklichen Umständen - nennen wir es einen Ergebnislauf - zugeschrieben haben, dann kann das 0:3 vom vergangenen Sonntag etwas ausgelöst haben. Zum Beispiel: Zweifel an der tatsächlichen Leistungsstärke. Dann braucht es jetzt einen ausgeprägten Widerstandsgeist.

Und das gegen einen Gegner, der vor gar nicht mal so langer Zeit noch um goldene Teller und Pokale gespielt hat, der inzwischen wirtschaftlich erheblich zurückstecken muss, sportlich abgerutscht ist bis auf den letzten Tabellenplatz, der in Folge dieser Negativentwicklung gerade die Trainercrew um Robin Dutt beurlaubt hat und in Mainz das Bundesligadebüt des vom U23-Coach zum Profichef beförderten Viktor Skripnik erlebt. Und der mit Ex-Nationalspieler Marco Bode auch noch einen frisch gewählten neuen Aufsichtsratsvorsitzenden auf der Tribüne sitzen hat. Und daneben mit dem früheren Fußballprofi und Eishockeymanager Thomas Eichin einen Geschäftsführer Sport, der nach seinen paar Monaten im Klub ob des bislang nicht zu stoppenden Niedergangs zumindest nicht mehr unumstritten ist. In Bremen steht in diesem Moment der gesamte Klub auf dem TÜV-Prüfstand.

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Skripnik - der Meister von 2004

Als die 05er erstmals in die Eliteliga aufgestiegen sind, da logierte Werder Bremen wirtschaftlich und sportlich noch auf einem ganz anderen Planeten: Deutscher Meister 2004 (mit sechs Punkten Vorsprung vor dem FC Bayern) und DFB-Pokalsieger. Heute wehrt sich die Weser-Elf gegen den Abstieg in die Zweite Liga. Mit dem herrlich unaufgeregten, ausgesprochen sympathisch wirkenden Ukrainer Viktor Skripnik - der nach dem Double 2004 seine große Karriere als Linksverteidiger in Bremen beendet und einen Trainerjob in der Nachwuchsabteilung angenommen hatte. Zehn Jahre später ist er ganz oben angekommen. Wie so oft in diesen Fällen in einer schuftig schwierigen Situation.

Die 05er müssen mit ihrem neuen Trainer das erste Misserfolgserlebnis im Ligabetrieb verdauen, wieder aufstehen - und das nicht mit der bestmöglichen Aufstellung. Die abgehängten Bremer wähnen sich mit ihrem ganz neuen Vordenker im Aufwind. Nach einem ungefährdeten 2:0-Sieg im DFB-Pokal beim Chemnitzer FC - der in der ersten Runde auf spektakuläre Art und Weise die noch unsortierten Mainzer rausgekegelt hatte.

Werder: Taktisch und personell umgekrempelt

Skripnik hat sein Team in Karl-Marx-Stadt taktisch und personell komplett umgekrempelt. Die Werder-Fans erlebten die Wiedergeburt der (einst von Thomas Schaaf eingeführten) "Meisterraute" im Mittelfeld. Mit dem 23 Jahre alten Ersatzspieler Felix Kroos als Sechser und mit dem 20 Jahre alten U23-Stammspieler Levent Aycicek als Zehner. Und mit dem bisherigen Außenverteidiger Clemens Fritz auf der rechten Halbposition; das ist ein Routinier, der schon vor 13 Jahren gegen eine Mainzer Mannschaft gespielt hat, in der Zweiten Liga, als Außenstürmer im Trikot des Karlsruher SC. Und auf der linken Halbposition kurbelte im Pokal Fin Bartels die Aktionen an, ein Techniker, der schon als schlampig-unproduktives Talent abgestempelt war. Im Abwehrzentrum überzeugte mit Alejandro Galvez ein langer Spanier, den Dutt lieber im Mittelfeld oder auf der linken Verteidigerposition sah. Und im Sturm wirbelte Neuzugang Izet Hajrovic, den Dutt als Mittelfeldmann einstufte, und das zuletzt auch nur noch als Einwechselspieler. Neuer Trainer, neue Chancen.

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Werder wirkte in Chemnitz offensiv munter und laufstark, gegen den Ball aggressiv und gut geordnet. Gegen einen an diesem Abend überforderten Drittligisten. Wie stabil, wie widerstandsfähig das neue Fundament schon ist, das wird man in der Coface Arena sehen. Die 05er können mit einer Comeback-Mentalität, mit Zweikampfschärfe, Tempo und Angriffsdruck dafür sorgen, dass bei den Bremern schnell wieder die alten schlechten Gefühle das Seelenkorsett belagern. Das ist die Aufgabe.

Mit Jara im Mittelfeld?

Sollte Hjulmand tatsächlich neben dem operierten Jonas Hofmann auch wieder auf Julian Baumgartlinger und Christoph Moritz verzichten müssen, dann wird der 05-Trainer wohl neu auf die Suche gehen nach einem Nebenmann für den strategisch begabten Johannes Geis. Elkin Soto spielte unglücklich in Wolfsburg, dem Kampftechniker, zuletzt weit hinten im Personaltableau, fehlte die frühere Sicherheit im Ballbesitz und in den defensivtaktischen Abläufen. Gut möglich, dass der erfahrene Allrounder Gonzalo Jara, ein gnadenloser Balleroberer und guter Passspieler, im Mittelfeld seine Chance bekommt. Der Chilene kann einem Gegner weh tun.

Im Angriffszentrum hatte Shinji Okazaki zuletzt zwei schwächere Spiele, doch der Japaner ist ehrgeizig und willensstark, ein Tor, und alles ist wieder gut. Filip Djuricic und Sami Allagui sind Wackelkandidaten, beide haben bislang keine gute Quote in der Ballbehauptung. Da mangelt es an Durchsetzungskraft in den offensiven Zweikämpfen. Der elegante Techniker Djuricic muss mehr Physis und Emotionalität aktivieren, Allagui ist die Form abhanden gekommen. Jairo Sampeiro ist der Mann, der die in Wolfsburg vermisste Ballsicherheit und Geschwindigkeit in den Angriff bringen kann. Und vielleicht schlägt ja schon die Stunde des jungen Devante Parker, der im Drittligateam große Fortschritte macht. Pablo de Blasis, ein Dauerläufer und Sprinter, lässt sich mit seinen unkonventionellen Laufwegen und Finten noch nicht richtig einschätzen.

Wichtiger als Personalentscheidungen sind aber die kämpferischen, spielerischen und taktischen Aspekte. Rückkehr zur gut organisierten defensiven Umschaltung in engen Abständen, Aggressivität, Passgenauigkeit, Tempo und Raumgewinn im Aufbauspiel, Zielstrebigkeit Richtung gegnerischen Strafraum. Mannschaftliche Geschlossenheit, kollektive Kampfbereitschaft und Überzeugung. Da liegen die Schlüssel, mit denen sich die nicht vor Selbstvertrauen berstende Werder-Elf knacken lässt. Ein Mainzer Führungstor, auch das hätte eine Bedeutung in dieser spannungsgeladenen Partie.