Rehberg: Hoeneß ist zurück - da wird alles andere zur Nebensache

Wieder da: Uli Hoeneß. Foto: dpa

Hoeneß ist zurück: Da hätte ungefähr alles Erdenkliche oder auch Undenkbares passieren können in der Bundesliga, es hätte wohl niemand bemerkt. Das meint Reinhard Rehberg...

Anzeige

. Am vergangenen Wochenende hätten in der Bundesliga Tore im Minutentakt fallen können, es hätte in den Stadien tonnenweise Pyro-Material gezündet werden können, der ebenso unbeliebte wie beneidete Spitzenreiter RB Leipzig hätte mit dem Verzicht auf jeden Cent aus dem TV-Geld-Topf eine Sympathiewelle auslösen können, die Schiedsrichter hätten nicht einen einzigen zweifelhaften Elfmeter pfeifen können (zugegeben, Letzteres ist jetzt zu viel der Übertreibung) – das Medienthema Nummer eins wäre dennoch ein anderes geblieben. ULI HOENESS ist zurück! Der Mann, der am 13. März 2014 wegen Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt worden und am 2. Juni 2014 in die Vollzugsanstalt Landsberg eingerückt war, thront seit dem vergangenen Freitagabend wieder auf dem Präsidentensessel des FC Bayern München. Das ist am Wochenende nicht weniger gewesen als die aufregendste Resozialisierungsstory in der Geschichte dieser Republik.

Auf dem Weg dahin stechen zwei Termine hervor, die man nur als Mainzer wahrgenommen hat. Als Freigänger arbeitete der Sträfling Hoeneß in der Nachwuchsabteilung des FC Bayern. Sein erster Termin, den der so tief Gefallene in diesem Job in der Öffentlichkeit wahrgenommen hat, das war die U19-Bundesligapartie des FC Bayern in Mainz. Da saß Hoeneß, an der Seite von Chefscout Michael Reschke, ganz oben auf der Haupttribüne des nahezu leeren Bruchwegstadions. Unbeachtet. Er sah die Tore von Lucas Scholl und Michael Eberwein zum 2:0-Sieg der Bayern-Talente, er wechselte ein paar freundliche Worte mit dem ehemaligen Präsidentenkollegen Harald Strutz, dann fuhr er wieder nach Hause. Das war am 1. März 2015, ein Sonntagvormittag. Am Abend musste Hoeneß wieder an der Pforte der Justizvollzugsanstalt Landsberg anklopfen.

Seit März wieder in der Arena

Zum ersten Mal in der Allianz Arena ließ sich der am 29. Februar 2016 auf Bewährung entlassene Hoeneß wieder blicken fast auf den Tag ein Jahr nach dem Besuch am Bruchweg. 2. März 2016. Der Bundesligagast? Mainz 05. Die Mannschaft von Martin Schmidt schaffte in München die Sensation. 2:1 gegen die Weltauswahl von Pep Guardiola, das Siegtor schoss der eingewechselte Jhon Cordoba. Und wo erlebt Hoeneß, inzwischen 64 Jahre alt, sein erstes Auswärtsspiel als alter und neuer Präsident des deutschen Branchengiganten? In Mainz. Am Freitagabend. In der Opel Arena.

Anzeige

Im Februar 1982 hat Uli Hoeneß in der Nähe von Hannover einen Flugzeugabsturz überlebt. In einer zweimotorigen Propellermaschine. Auf einem Privatflug von München nach Hannover zu einem Länderspiel gegen Portugal. Drei Freunde und der Pilot, der ehemalige Skirennläufer Klaus Junginger, starben. Uli Hoeneß war der einzige Überlebende. Weil er unangeschnallt auf dem Rücksitz saß und beim Aufprall aus der Maschine geschleudert wurde. Ein Förster fand den Bayern-Manager, der dieses Amt 1979 im Alter von 27 Jahren angetreten hatte, wie dieser blutüberströmt und orientierungslos durch den Wald kroch. Dieser Uli Hoeneß hat viele Leben. Als er am 2. Mai 2014, gut zwei Wochen nach seiner Verurteilung, alle seine Ämter beim FCB niederlegte, da verabschiedete er sich bei den Mitgliedern mit den Worten: „Wenn ich zurück bin, werde ich mich nicht zur Ruhe setzen. Das war´s noch nicht!“ Daran hatten viele Experten ihre Zweifel. Aber zweieinhalb Jahre später ist Hoeneß wieder da. Meinungsstark wie eh und je.

Devisentermingeschäfte und Wassergehalt von Wurst

Über die Vontobel-Bank in der Schweiz hat Hoeneß jahrelang Devisentermingeschäfte abgewickelt. 2003 soll er mal 58 Millionen Gewinn erwirtschaftet haben, 2007 sogar mal 78 Millionen. Alles nicht versteuert. Unter „Börsensucht“ habe er gelitten, erklärte Hoeneß vor Gericht. Inzwischen hat er 50 Millionen an das Finanzamt überwiesen. Geldsorgen hat er deshalb nicht. Nicht zuletzt seine in Nürnberg ansässige, von seinem Sohn geführte Wurstfabrik ist eine verlässlich sprudelnde Einnahmequelle.

Als eines der Produkte kürzlich bei einer Blindverkostung auf einem Bratwurst-Wettbewerb in München von einem Spitzenkoch nur ins Mittelfeld eingereiht wurde, da meldete sich Hoeneß am nächsten Tag bei der größten Münchner Tageszeitung und hielt am Telefon aufgeregt einen Fachvortrag: über den Wassergehalt von Würstchen, über adäquate Grills, über richtige und falsche Zubereitungsarten - und über die möglichen wirtschaftlichen Folgen von unsachgemäßen Produkttests. Den Zeitungsredakteur nebst Ehefrau lud der Firmeninhaber umgehend zu einer Verkostung in den Garten seines Eigenheims am Tegernsee ein. Da wurde dann sachgemäß gegrillt. Diese Würstchen bekamen sehr gute Noten. Champions League, war zu lesen. Hoeneß ist ein Marketingmeister. „Gutsherr und Gutmensch“, schrieb die Zeitung.

Warum hat Hoeneß auch den „Steuer-Absturz“ überlebt? Wahrscheinlich, weil er nach 45 Jahren in der Öffentlichkeit mehr als Mensch, denn als ehemaliger Weltmeisterkicker, Fußballfunktionär, Unternehmer, Geldvermehrer oder Besserwisser wahrgenommen wird. Und als Mensch erzählen alle, die ihn gut kennen, nur Gutes über Uli Hoeneß. Da geht es nicht nur um sein mal mehr, mal weniger stilles soziales Engagement. Selbst der Bremer Willi Lemke, der über Jahrzehnte mit diesem übermächtigen Konkurrenten klassenkämpferische Auseinandersetzungen hatte, nennt sich heute einen Freund von Hoeneß. Weil der Bayern-Boss nicht nur intelligent, sondern auch authentisch, warmherzig und verlässlich sei.

Anzeige

Kurios: Ausgerechnet in der Zeit, als der soziale Kapitalist Hoeneß im Knast saß und sich in seiner Zelle in schlaflosen Nächten am Minifernseher durch unzählige Talkshows zappte, hat sich der Fußball zu einem Turbokapitalismusgeschäft entwickelt. Hoeneß hat angekündigt, der FC Bayern müsse in diesen Zeiten wieder familiärer werden, wieder näher an die Menschen herantreten, auch wieder mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Und der Klub müsse zur Stiftung von Identität wieder mehr Profis aus der eigenen Nachwuchsabteilung nach oben bringen. Das vom Freigänger Hoeneß initiierte neue Nachwuchsleistungszentrum soll 2018 bezogen werden. Spannend zu beobachten. Mag sein, dass die 05-Verantwortlichen am Freitagabend in der Opel Arena ein paar interessante Gespräche haben werden mit dem Mann, der sicher nicht resozialisiert werden muss.