Rehberg: Heidel bei Tedesco zu großzügig?

Christian Heidel. Foto: dpa

Wenn in Mainz Trainer nicht funktioniert haben, hat Christian Heidel als Manager kompromisslos reagiert. Auf Schalke hat er bei Markus Weinzierl ähnlich gehandelt. Bei Domenico...

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. Das wirkte am frühen Samstagabend schon ein wenig skurril. Opel Arena. Für dieses Bauwerk hat Christian Heidel in seinen 25 Jahren als Manager in Mainz gekämpft wie ein Löwe, auch gegen den zähen Widerstand vieler Stadtpolitiker. In der tiefen Überzeugung, dass Mainz 05 ohne ein neues Stadion keine Chance haben würde auf ein wirtschaftliches und sportliches Überleben in höheren Fußballgefilden. Und nun stand der 54-Jährige in den Katakomben genau in dieser Arena - vor der Sponsorenwand seines Heimatklubs - und verkündete/erklärte seinen bevorstehenden Rücktritt als Sportvorstand des FC Schalke 04.

15 Punkte liegt S04 in dieser Saison hinter dem VfL Wolfsburg, neun hinter Werder Bremen, sieben hinter Mainz 05, fünf Punkte hinter Fortuna Düsseldorf, vier hinter dem SC Freiburg. Der vorjährige Meisterschaftszweite ist abgestürzt. Man kann Heidels Transferpolitik rauf und runter diskutieren, man kann die erhebliche Verletzungsproblematik bei S04 anführen, eines darf man dennoch behaupten: In welcher Besetzung diese Mannschaft auch immer antritt – mehr als 22 Punkte kann man auch mit dieser Spielerauswahl nach 23 Spieltagen erreichen.

Ob in der Gruppe etwas nicht stimmt, ob da einige Typen nicht zueinanderpassen oder nicht zueinanderfinden – wie das Schalker Journalisten behaupten -, das lässt sich aus der Distanz nicht beurteilen. Das Phänomen, dass auch bei gut besetzten Mannschaften zuweilen eine Eigendynamik ihren Lauf nimmt, die eine Rückkehr zum Erfolg verhindert, auch das kennen wir. Unterm Strich muss die Spielweise, die Ergebnisse und die innere Dynamik der Gruppe der Trainer verantworten. Und damit sind wir bei Domenico Tedesco.

Der junge Mann hat den zweiten Platz vom Vorjahr am Gürtel, er hat diesen Überraschungserfolg angenehm gelassen moderiert, er hat die folgende Misserfolgsphase in der Öffentlichkeitsarbeit ohne Phrasen und Parolen moderiert. Aber: Die Spielweise dieser Mannschaft hat selten die Leute aus ihren Sitzschalen gerissen – das war im Erfolg wie im Misserfolg ein spielerisch sehr reduzierter Ansatz.

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Kurios: In Mainz hat es Tedesco mal mit Kombinationsspiel versucht – sein Team ist bei diesem 0:3 auseinandergefallen. Wahrscheinlich weiß der 34-Jährige sehr viel über Fußball, vielleicht sogar nicht weniger als die Startrainer dieser Branche, aber Tedesco steckt in diesem Fach noch am Anfang einer Entwicklung. Seit den fünf Startniederlagen im Sommer hat es der Übungsleiter nicht mehr geschafft, Stabilität in die Mannschaft zu bekommen, einen überzeugenden Turnaround zu schaffen.

Heidel konsequent pro Tedesco

Christian Heidel hat sich auf diesen Trainer und Menschen festgelegt. Der Sportvorstand steht nicht tuschelnd hinter dem Trainer, er steht wie eine Wand vor Tedesco. Man kann das vorbildlich nennen. Man kann das, gemessen an den Ergebnissen, als zu wenig konsequent einstufen. In Mainz hat Heidel mit großer Überzeugung Trainer ausgewählt. Wenn es nicht funktioniert hat, dann hat der Manager kompromisslos reagiert. Zum Beispiel beim Aufstiegstrainer von 2009, Jörn Andersen. Oder später bei Kasper Hjulmand. Dem Entdecker großer Persönlichkeiten wie Jürgen Klopp und Thomas Tuchel ist das nie leicht gefallen.

Auf Schalke hat Heidel bei seinem ersten Wunschcoach Markus Weinzierl ähnlich gehandelt. Bei Tedesco ist das anders. Da hat der Sportchef jüngst dem jungen Fachmann mit Seppo Eichkorn einen erfahrenen Co-Trainer zur Seit gestellt. Besser geworden ist es im Ergebnis nicht. Die sportliche Situation hat sich verschärft. Und dadurch auch die Atmosphäre in den Führungsgremien.

Heidel hat für die Misere die Verantwortung übernommen. Das ist konsequent. Aber wir dürfen davon ausgehen, dass der Cheftrainer nicht unbeteiligt war an der Kaderbildung. Und die Spielweise obliegt alleine dem Trainer. Mag sein, dass Heidel in diesem Fall zu großzügig war. Womöglich muss man sich in emotional aufgeladenen Großklubs wie S04 in der sportlichen Planung breiter aufstellen. Sportvorstand, Sportdirektor, Kaderplaner, Scoutingabteilung.

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Zusammenarbeit, ständige Fachdiskussionen, gemeinsame Entscheidungen, gemeinsame Verantwortung. Heidel hat in Gelsenkirchen große Baumaßnahmen angeschoben, den Kader verantwortet, die Trainerentscheidungen getroffen. Sehr viel Arbeit und Verantwortung in einem Büro. Mag sein, dass diese Zeit vorbei ist im wilden Profifußball-Geschäft.