Rehberg: Flexibler WM-Favorit liefert ab

Hatte mit seinen zwei Toren großen Anteil am Sieg über Argentinien: Frankreich-Stürmer Killian Mbappé. Foto: dpa

Frankreich hat seine Favoritenrolle bei der WM in Russland eindrucksvoll untermauert. Das 4:3 gegen Argentinien war ein Spektakel. Und es ist erkennbar, dass die Equipe...

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. Achtelfinale. Einer der Favoriten hat sich eindrucksvoll positioniert: Frankreich. Einer der Topfavoriten hat sich verabschiedet: Spanien.

Fangen wir hinten an. Man könnte darüber philosophieren, womit sich Russland den Einzug ins Viertelfinale verdient hat. Dann dürfte man den läuferischen und kämpferischen Elan der Gastgeber anführen, die taktische Defensivdisziplin, fünf nervenstarke Elfmeterschützen und einen sehr guten Torwart. Mehr war da nicht bei den Russen. Spanien? Hoch überlegen, Ballbesitz ohne Ende, angekommene Pässe am Fließband. Aber langweilig. Ohne Tempo, ohne Inspiration, ohne Tiefe im Angriffsspiel, ohne Torgefahr. Wenn sich die Deutschen beim Aus gegen Südkorea in der Tempo-30-Zone eingerichtet hatten, dann haben sich die Spanier maximal in einer Tempo-50-Zone aufgehalten. Ob der Trainerwechsel drei Tage vor Turnierbeginn eine Rolle gespielt hat, dass diese hoch talentierte Mannschaft ohne Herzblut und erkennbaren Siegeswillen nur pflichtbewusst ein Passprogramm abgespult hat, das sei dahingestellt. Die Russen haben dieses Spiel nicht gewonnen, die Spanier haben die Viertelfinalchance liegengelassen.

Flexible Franzosen

Ganz anders die Franzosen. Das 4:3 gegen Argentinien war ein Spektakel. Da hat man gespürt, dass Trainer Didier Deschamps seinen Laden im Griff hat. Und es ist erkennbar, dass die Equipe tricolore noch lange nicht ihre Grenzen erreicht hat. Kritiker maulen, diese hochkarätig besetzte Mannschaft spiele nicht filigran, setze nur auf Umschaltfußball. Doch das stimmt nicht so ganz.

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Deschamps weiß, dass seine antrittsschnellen Angreifer Antoine Griezman und Kylian Mbappé Raum benötigen. Also lassen die Franzosen dem Gegner gerne auch längere Ballbesitzphasen. Nach Balleroberungen in relevanten Zonen ergibt sich dann die Möglichkeit, die Sprinter mit Steilpässen in geöffnete Räume auf die Reise zu schicken. Gegen Argentinien war Mbappé der entscheidende Mann, der 19-Jährige war mit seinen Antritten, Tempodribblings und Sololäufen nie zu kontrollieren.

Aber die Franzosen spielen das sehr flexibel. Nach der 1:0-Führung setzte das Team auf defensive Ordnung und Konterspiel. Beim Stand von 1:2 nach der Pause demonstrierte die Deschamps-Elf, dass in dem System auch Ballbesitzstruktur steckt. Kurzpassspiel bis in die gegnerische Hälfte, dann kam die Temposteigerung mit Tiefenpässen und Sprints am Flügel. Die folgenden drei Treffer waren überragend herausgespielt. Da ist erkennbar: Deschamps hat ein Gefühl für Flexibilität, für die Mischung aus Turnier-Pragmatismus, Rhythmuswechseln und punktueller spielerischer Qualität. Und der Anführer, der als Spieler und Kapitän 1998 Weltmeister war, hat seinem von den Typen her nicht unkomplizierten Kader Teamgeist und Erfolgswillen eingeimpft.

Was machen die Franzosen so viel besser als Deutschland?

Man stellt sich die Frage: Was machen die Franzosen in ihrer Fußball-Ausbildung so viel besser als die Deutschen? Da spielt der Innenverteidiger Raphael Varane (25) bei Real Madrid und der Kollege Samuel Umtiti (25) beim FC Barcelona – und mit Benjamin Pavard (22) läuft ein stabiler Rechtsverteidiger auf, der im Abwehrzentrum eher noch besser seine Fähigkeiten ausspielen könnte. Da beherrschen N´golo Kanté (27) vom FC Chelsea und Paul Pogba (25) von Manchester United das Mittelfeld – und dahinter lauern die kaum schwächeren Corentin Tolisso (24) vom FC Bayern und Steven N´Zonzi (30) vom FC Sevilla auf ihre Chance; das Toptalent Adrien Rabiot (23) vom FC Paris St. Germain hat es nicht mal in den WM-Kader geschafft. Und wenn demnächst mal der linke Flügelarbeiter Blaise Matuidi (31) von Juventus Turin seine Karriere beendet, dann stehen Thomas Lemar (22) vom AS Monaco, Nabil Fekir (24) vom Olympique Lyon und Ousmane Dembelé (21) vom FC Barcelona in den Startlöchern, mit unterschiedlichen Profilen.

Die Tiefe im Sturm muss man gar nicht mehr erwähnen, da haben es internationale Klasseleute nicht in den WM-Kader geschafft. Generell: Frankreich ist im Moment für Talentscouts und Aufkäufer der interessanteste Markt in Europa. Nach der Finalniederlage bei der EM 2016 ist die Equipe gewachsen. Ein WM-Favorit, der abliefert. Und Varane, Umtiti, Kanté, Pogba, Griezman oder Mbappé haben in dieser Saison nicht weniger Pflichtspiele in den Knochen als Mats Hummels, Jerome Boateng, Joshua Kimmich, Sami Khedira oder Thomas Müller.