Rehberg: Ein Tag für die Geschichtsbücher

Yannik Huth und seine Mannschaftskollegen feiern mit den Fans den Klassenerhalt. Foto: Sascha Kopp

Manches wirkte unwirklich an diesem Tag für die Geschichtsbücher. Es begann als Gruselfilm, der nahm die Wendung zu einem Thriller und dieser endete als Liebesstreifen mit...

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. Stoff für Drehbücher mit „Unglaublich-Prädikat“ haben die 05er schon mehrfach produziert. Nach dem Abpfiff im Kreis auf dem Rasen stehen und am Handy eine entscheidende Nachspielzeit in einem anderen Stadion abwarten zu müssen, das haben Mainzer Spieler beim dramatischen Nichtaufstieg 2003 in Braunschweig erlebt. Das dauerte damals gut vier Minuten. Und dann flossen bittere Tränen.

14 Jahre später war das in der Opel Arena nach dem Abpfiff eine dritte Halbzeit nach dem dramatischen 4:2-Sieg im Derby gegen die Eintracht. Ein fast 40-minütiges Happening im Gras nahm seinen Anfang. Ein angespanntes, die Nerven strapazierendes Warten in der frühen Abendsonne auf das möglicherweise alles entscheidende Ergebnis aus dem verregneten Wolfsburg. Der Ort, an dem ein wasserreiches Gewitter mit Hagelschauer eine Spielunterbrechung nötig gemacht hatte. Kurz vor 18 Uhr hatte das 1:1 in Wolfsburg Bestand. Und in der Mainzer Arena flossen die Freudentränen. Beginn der Nichtabstiegs-Party mit Tanz und Gesang.

Vom Gruselfilm über den Thriller zum Liebesstreifen

Manches wirkte unwirklich an diesem Tag für die Geschichtsbücher. Es begann als Gruselfilm, der nahm die Wendung zu einem Thriller und dieser endete als Liebesstreifen mit Happy End. Mal wieder ein Drehbuch für ein großes emotionales Sportepos. Kritiker würden nach der Uraufführung urteilen: Ja, schon gut und spannend aufgezogen, aber leicht übertrieben, kitschig, zu weit entfernt von der Realität – dieser Regisseur hat noch nie in kurzen Hosen und mit Stollenschuhen an den Füßen gegen einen Ball getreten. Aber das ist alles so passiert. Am 13. Mai 2017.

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Das Rhein-Main-Derby. Die 05er rannten der Eintracht die Bude ein. Entschlossen, leidenschaftlich, aggressiv, tempogeladen. Aber spielerisch holprig. Es ereigneten sich kaum echte Torchancen. Ergebnis nach 50 Minuten: 0:2. Da waren die 05-Profis für ein paar Momente mausetot. Da krachte das System zusammen. Nichts deutete auf eine Wendechance hin. Auf der Haupttribüne waberten erste Abstiegsszenarien. Ein wenig Halt gab der 0:1-Rückstand des HSV auf Schalke.

Sportliche Zufälligkeiten

Und dann kamen zwei Minuten, die am Ende in den Diskussionen am Tresen darüber entscheiden, ob ein Trainer von dieser Sportart Ahnung hat und ob ein Manager vernünftige Arbeit macht. Sportliche Zufälligkeiten. Jhon Cordoba durfte aus einer leichten Abseitsstellung heraus von der Mittellinie aus losziehen, der Kolumbianer ließ sich quälend lange Zeit mit seiner Abschlussentscheidung, dann drosch er die Kugel ins Netz. Der Anschlusstreffer. Und die Depression im Stadion verwandelte sich in einen lärmenden Sturm der Hoffnung. Kaum zwei Zeigerumdrehungen später eine simple Freistoßflanke. Stefan Bell, nicht unbeteiligt an beiden Gegentoren, rammte das Spielgerät mit der Stirn vor sich in den Boden. Von dort eierte die Kugel in einem weiten Bogen ins entfernte Toreck. Das 2:2. Und das Gefühl brandete auf: Das wird die nur noch im Verwaltungsmodus aktive Eintracht nicht halten können.

Und dann kam das Dribbling des an diesem Tag großartig aufspielenden Bojan, seine weiche Flanke – und zwischen zwei riesigen Innenverteidigern schraubte sich der kleine Yoshinori Muto in die Höhe, sein Kopfball landete im Torwinkel. Das erlösende 3:2. Taktische Analysen? Lassen wir das. Kurz darauf verkündete 05-Stadionsprecher Klaus Hafner die unmittelbar bevorstehende Rettung. Doch während Pablo de Blasis in der zweiten Nachspielminute den Elfmeter zum 4:2 verwandelte, traf auf Schalke der eingewechselte HSV-Mittelstürmer Pierre-Michel Lasogga zum 1:1. Sekunden später riss auf der Mainzer Pressetribüne Felix Ahns, der ehemalige Medienberater von Thomas Tuchel, sein Handy in die Höhe: „Unfassbar, unfassbar, 2:1 für Schalke in der 94. Minute!“ Wir wissen: Der Treffer von Sead Kolasinac wurde nicht anerkannt. Die 05er waren also nicht gerettet.

Geduldsprobe

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Danach begann die Geduldsprobe. Yunus Malli, der mit seinen sechs Hinrundentreffern im 05-Trikot immer noch der beste Mainzer Saison-Torschütze ist, bemühte sich in Wolfsburg um das Siegtor. Unwirklich. Eine finale Topchance für Mario Gomez blieb fast mit dem Abpfiff in einer Wasserlache hängen. Und dann wurde in der Opel Arena gefeiert.

Der HSV und die Wolfsburger spielen am letzten Tag den Relegationsrang im direkten Duell wohl unter sich aus. Die 05er spielen 2017/18 ihre elfte Bundesligasaison. Und die Eintracht? Da drehte sich alles um das Abseitstor von Jhon Cordoba. Das kommentierte ein Freund aus Frankfurt mit trockenem Humor: „Wenn man alle Fehlentscheidungen der Schiedsrichter einbezieht, dann ist die Eintracht für ihre Fans seit 1963 im Feld ungeschlagen.“