Rehberg: Drei Punkte gegen die "Clubber" waren viel mehr als...

Shinji Okazaki (2. r.) bejubelt seinen Treffer zum 1:0 gegen den 1. FC Nürnberg zusammen mit Christoph Moritz (v. l.), Yunus Malli und Stefan Bell

Die 05er haben geliefert und gegen den 1. FC Nürnberg drei Punkte geholt. Die Erfüllung einer reinen Pflichtaufgabe? Nein, meint Autor Reinhard Rehberg und erinnert daran,...

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. Dieses 2:0 gegen den 1.FC Nürnberg war ein besonderer Moment in der Coface Arena. Vielleicht nicht auf den ersten Blick, denn da haben die 05er auf ihrem Weg nach Europa ja "nur" ihre Pflicht getan mit drei Punkten gegen den taumelnden Tabellenvorletzten. Auf den zweiten Blick offenbarte sich dann erst, wie ganz anders solche vermeintlichen "Pflichtaufgaben" laufen können. Drei Spieltage vor Schluss hatte der "Club" den Trainer gewechselt. Die letzte Patrone im Abstiegskampf. Roger Prinzen, der neue Feuerlöscher und Nothelfer für die in sich gespaltene Nürnberger Mannschaft, hatte kurz zuvor als Trainerstudent bei Thomas Tuchel hospitiert. All das muss rein faktisch gar nichts bedeuten. Aber man kennt aus der Vergangenheit Beispiele dafür, wie sich im Fußball ähnliche Konstellationen schon aufgebaut haben zu einer emotionalen Aufwallung, zu einem dramatischen kollektiven Kick im Überlebenskampf - und dann haben sportlich Totgesagte tatsächlich noch mal ihre letzte Chance genutzt.

Die Entscheidungstage haben begonnen

Diese Möglichkeit wird auch in den Köpfen der 05-Profis gewabert haben. Und dass mit den verletzten Joo-Ho Park und Nicolai Müller zwei Stammspieler und Leistungsträger fehlen, die in den Segmenten Ball- und Passsicherheit sowie Tempo und Torgefährlichkeit Lücken reißen in der Startelf, "da haben wir uns ja angewöhnt, überhaupt nicht mehr drüber zu sprechen", sagte Tuchel nach dem Abpfiff. Das stimmt. Und eine gewisse nervliche Belastung kam auch noch dazu. Drei Spieltage vor Schluss lassen sich Aussetzer in der Regel nicht mehr korrigieren, jetzt haben die Entscheidungstage begonnen: Machen und abliefern - oder "sterben" vor der Tür mit der Aufschrift "Außergewöhnlicher Saisonerfolg".

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Die 05er haben geliefert. Den Spielern war anzumerken, dass sie unterwegs beißen mussten. Einiges fiel nicht leicht an diesem Tag. Eine lange halbe Stunde lang bäumte sich der "Club" auf, seelisch und taktisch erneuert, mutig, gut geordnet, enorm laufstark, aggressiv, offensiv. Die 05er waren nicht so kompakt wie gewohnt, etwas unruhig, zu hektisch im Passspiel, der gewohnte dynamische, wuchtige, von Überzeugung getragene Heimspielrhythmus wollte sich nicht einstellen. Mit der Nürnberger Mittelfeldraute - die mag sich Prinzen tatsächlich bei Tuchel abgeschaut haben -, kamen die Gastgeber im Feld auch nicht so gut klar. Insbesondere der technisch starke und wendige Zehner Hiroshi Kiyotake fand bespielbare Räume. Aber die 05er kämpften, sie rannten, sie verteidigten in dieser problematischen Startphase exzellent; die Innenverteidiger Nikolce Noveski und Stefan Bell fraßen den von europäischen Spitzenklubs umworbenen Club-Torjäger Josip Drmic auf.

Magischer Moment

Offensivstandards gehören von jeher nicht zu den Stärken des Tuchel-Teams. In einer angespannten Situation, tatsächlich unter Erfolgsdruck, lenkte ein Tor nach einem Freistoß von Johannes Geis mit anschließendem Kopfball von Shinji Okazaki das Geschehen in die gewünschten Bahnen. Unzählige Freistöße hat der junge Geis, der ansonsten eine überragende Saison spielt in sämtlichen Details, in den vergangenen Wochen zu nahe an den Torhüter geschaufelt. Dieser Ball hatte die ideale Flugkurve, die Kugel fiel in der Endphase runter wie ein Stein - und der kleine Okazaki erwischte im Sprung gegen die halbe Nürnberger Mannschaft den idealen Zeitpunkt. Das 1:0. Der Büchsenöffner, das Erweckungserlebnis, der Befreiungsschlag für das gesamte Team.

Von diesem magischen Moment an, der in der Coface Arena eine Hexenkesselstimmung erzeugte, gab es keinen Zweifel mehr, wer diese Partie für sich entscheiden würde. Die Nürnberger empfanden den Rückstand nach guter Leistung als Nackenschlag. Und die 05-Anhänger feierten jeden gewonnen Zweikampf von Junior Diaz, Christoph Moritz oder Elkin Soto, jeden aufopferungsvollen Sprint und jedes intelligente Dribbling von Zdenek Pospech, jede Ballbehauptung von Yunus Malli oder Shinji Okazaki wie den Einzug ins Europaligafinale. Nach 70 Minuten hätte es 3:0, 4:0 oder 5:0 stehen können. Die Arena bebte. Diese rauschende Atmosphäre trug die Mainzer Elf, die in den letzten 15 Spielminuten nach Atem rang wie nach einem Marathonlauf, ins Ziel. Das war an diesem schwülen Tag wahrscheinlich weniger die Folge einer physischen, denn eher einer nervlichen Erschöpfung. Diese "Entscheidungsspiele" sind anstrengend, auch für den Kopf. Die 05-Profis haben am Ende einer Saison, die gar nicht mehr als schlecht eingestuft werden kann, mit einer Willensleistung eine Prüfung bestanden. Gegen einen bis zum 0:1 sich mutig und tapfer wehrenden "Club". Der genügend fähige Fußballer in seinen Reihen hätte für eine deutlich bessere Platzierung.

Keine Einheit auf dem Platz

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Woran die Nürnberger nun wahrscheinlich scheitern werden, das offenbarten die Äußerungen von zwei Spielern nach dem Abpfiff. Torhüter und Kapitän Raphael Schäfer salbaderte, der beurlaubte Trainer Gertjan Verbeek habe zu viel Wert gelegt auf Spieleröffnung, Ballbesitz und Angriffsentwicklung, das sei der Grund gewesen für die vielen Gegentore. Torjäger Josip Drmic erzählte, der Holländer habe ihn zu einem guten Spieler gemacht, über die Tatsache, dass nun ein anderer Trainer die Verantwortung trage, könne man geteilter Meinung sein. Das belegt: Da steht seit Wochen keine Einheit auf dem Platz, die schlechten Ergebnisse haben eine Logik. Nothelfer Roger Prinzen wird daran wohl nichts mehr ändern können. In der zweiten Halbzeit ergaben sich die Nürnberger, wilder Widerstandsgeist war nicht mehr erkennbar. Ersatzspieler Markus Feulner, 2009 mit den 05ern in die Bundesliga aufgestiegen, schlich später in der Mixedzone umher wie ein geprügelter Hund.

Die 05er profitieren von ihrer Geschlossenheit, von ihrem gemeinschaftlich gelebten Ansatz, wie die Dinge auf dem Platz umgesetzt werden sollen und was. Und wenn es spielerisch mal holprig wird, dann entscheidet das wie: Emotionalität und Mentalität. Kilometer fressen, konsequent verteidigen, Zweikampfschärfe und Balleroberungen in den Mittelfeldzonen, Tempo bolzen in den Umschaltungen in beide Richtungen. Der britische Stil. Dafür können sich die Zuschauer in der Coface Arena nach wie vor begeistern, diese Art von Fußball wird hier nie langweilig.

Am kommenden Samstag steht nun der Kampf um Rang sechs auf dem Programm, in Mönchengladbach. Eine wunderbare Chance, dieser Saisonleistung die Krone aufzusetzen. Der große Druck lastet auf den Gladbachern. Für die Platz sieben eine Riesenenttäuschung wäre. Für die Mainzer nicht.