Rehberg: Die Zitterhand beim Matchball

05er Loris Karius kann den Ball von Änis Ben-Hatira zum 2:1-Endstand nicht festhalten. Foto: dpa

Vergebene Matchbälle. Das Phänomen kennen wir aus dem Tennis. Unzählige Spiele sind noch komplett vergeigt worden nach einem oder einer Serie von nicht verwandelten...

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. Vergebene Matchbälle. Das Phänomen kennen wir aus dem Tennis. Unzählige Spiele sind noch komplett vergeigt worden nach einem oder einer Serie von nicht verwandelten Matchbällen. Die 05er hatten jetzt zwei Chancen, das Europaligageschäft festzuzurren. 2:0 geführt im Heimspiel gegen den 1. FC Köln, 2:3 verloren. 1:0 geführt in Frankfurt, 1:2 verloren. Das passiert. Was die Spieler aber ärgern wird, das ist die Tatsache, dass beide Gegner nicht unbedingt hätten gewinnen müssen. Die eine Halbzeit lang schwachen Kölner haben mit hoher Abschlusseffizienz eine kurze Phase des Aufwinds genutzt. Die Frankfurter haben nur hart gekämpft. Dazu kam, dass die Mainzer die Erfolge der Gegner mit unerzwungenen Fehlern im Abwehrverhalten und auch mit vergebenen Torchancen massiv unterstützt haben.

Gibt Christian Heidel doch die Euro League als Ziel aus?

Ein Muster ist nicht erkennbar. Gegen die Kölner haben die 05er ihr Lauf- und Kampfspiel aufgegeben, in Frankfurt hat die Mannschaft von Martin Schmidt in einem wilden Raufspiel zu wenig Fußball gespielt. Die Ursachenforschung ist schwierig. Ist die Elf aus dem Tritt geraten wegen der anhalten Diskussionen um Champions-League- und/oder Europaligachancen? Im Training hat der Cheftrainer in seinem Kader keine Anzeichen wahrgenommen von gestiegenen Druckgefühlen. Möglich ist es dennoch, dass bei den Kölnern und bei der Eintracht das Nichtabstiegsmotiv mehr Biss, mehr Widerstandsgeist, mehr Leidenschaft erzeugt hat als bei den Mainzern das eher ungewohnte Europa-Motiv. Oder anders ausgedrückt: Die neue Situation, aus einer sehr guten eine außergewöhnliche Saison machen zu können, hat die Gedanken nicht mehr auf den jeweiligen Gegner gelenkt, sondern mehr auf die Tabellenlage.

Was raten die psychologisch geschulten Trainer?

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Und da mag sich das Gefühl eingenistet haben: Es kann doch nicht sein, dass wir dieses Gala-Menü, das da mundgerecht auf dem Teller liegt, unverspeist stehen lassen, weil wir plötzlich Messer und Gabel nicht mehr sortiert bekommen. Soll heißen: Das Gefühl, nicht etwas gewinnen zu können, sondern möglicherweise eine große Chance ungenutzt vom Tisch rutschen zu lassen, führt dazu, dass diese Mannschaft sichere taktische Abläufe und ureigene Stärken nicht mehr in der Intensität auf den Platz bekommt, wie es für die Qualität dieser Spieler nötig ist. Im Tennis würde man das nennen: Die Zitterhand beim Matchball. Was raten da die psychologisch geschulten Trainer? Ein Matchball ist faktisch nicht anders zu bewerten als der erste Ball in einem Spiel – besinnen auf die tausendmal abgerufenen Bewegungsmuster und einfach nur machen. Die abgezockten Grand-Slam-Sieger haben darin Erfahrung. Unerfahrene Spieler schaffen das oft nicht, und wenn doch, dann mit einem Gefühl von Leichtigkeit und Unbekümmertheit.

Diese Gelegenheit bietet sich den 05ern nun wieder im Heimspiel gegen den Hamburger SV. Der Gegner ist nicht die Tabelle. Der Gegner ist diese wankelmütige Elf von Bruno Labbadia. Besinnen auf die taktischen und spielerischen Prinzipien, Bälle jagen und erobern, rennen, sprinten und machen. Nur von dem Gedanken beseelt, in diesen 90 Minuten diesen Gegner zu bezwingen. Danach spuckt der Computer einen neuen Tabellenstand aus. Und das Leben geht weiter. So oder so. Wenn sich die 05-Profis nun ständig in eine Endspielstimmung drängen lassen, dann geht die Unbekümmertheit flöten. Bereitschaft und Konzentration auf die Inhalte des eigenen Spiels, das ist der Weg zum Ergebnis. Es gibt keinen anderen.

Baumgartlinger ist gesperrt

Nun ist der Kapitän gesperrt. Julian Baumgartlinger hat sich im Rhein-Main-Derby die fünfte Gelbe Karte eingehandelt. Auch das muss kein Grund sein, von diesem Pfad abzuweichen. Das kann sogar die Sinne eher noch schärfen. Wenn ein Leistungsträger und Anschieber fehlt, dann ist klar, dass dies durch erhöhte Bereitschaft und Intensität kompensiert werden muss. Danny Latza sollte am Freitagabend wieder einsatzfähig sein. Und der junge Suat Serdar hat sich in Frankfurt bei seiner ersten Startelfnominierung wacker geschlagen. Der Deutsch-Türke ist am 11. April mal gerade 19 Jahre alt geworden. Als Kind ausgebildet bei Hassia Bingen, seit der U12 am Bruchweg, DFB-Auswahlspieler seit der U16, zuletzt sieben Einsätze in der deutschen U19. Serdar, der nach wie vor in der U19-Bundesliga eingesetzt werden könnte, ist ein ganz großes Talent.

In der Jugend hat Serdar im Mittelfeld gespielt, mal defensiv mal offensiv, er ist auch als Zehner aufgelaufen, auch als Halbstürmer. Der Mann ist taktisch flexibel. Und er ist mental stark. Er ist ein Dauerläufer, ein giftiger Balleroberer, ein Tempomacher. Ein mannschaftsdienlicher Arbeiter, der ankurbelt. Serdar hat nicht die Antrittsschnelligkeit eines Baumgartlinger, aber Serdar kann die Kugel schnell machen. Und er kann kluge Pässe spielen. Das war in diesem merkwürdigen Kampfspiel in Frankfurt weniger erkennbar. Aber da hat die gesamte Mannschaft zu selten das konstruktive Aufbauspiel gepflegt, auch nicht das schnelle Umschaltspiel. Da kann man von einem 19-Jährigen nicht erwarten, dass er sich vor 50.000 Leuten in einer hitzigen Atmosphäre und in einer Mannschaft, die den Stecken zwischen den Speichen hat, zum Navigationschef aufschwingt.

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Hack und Serdar: Erfolg für die Arbeit im Nachwuchsleistungszentrum

Tatsache ist, dass sich da nach Innenverteidiger Alexander Hack der nächste Nachwuchsmann anbietet als vollwertige Alternative für die Bundesliga-Startelf. Ein großer Erfolg für die Arbeit im Mainzer Nachwuchsleistungszentrum. Suat Serdar kann jetzt genau der Spieler sein, der wieder die nötige Unbekümmertheit einbringt. Raushauen und machen, was der Körper hergibt.

Passt Frei zu Mainz?

Und Fabian Frei? Womöglich war der Königstransfer vom vergangenen Sommer nicht die richtige Wahl für eine klassische - den Ball jagende und Tempo bolzende - Umschaltmannschaft. Der Schweizer passt als nicht überragend aggressiver und in der Geschwindigkeit überschaubarer Stratege wahrscheinlich besser in eine Ballbesitzmannschaft. In einem 4-1-4-1-System kann er der ideale Absicherer und Quarterback zwischen den beiden Viererlinien sein. In Schmidts 4-2-3-1-Grundordnung fehlt Frei im defensiven Mittelfeld das Zweikampfgift, als Zehner mangelt es ihm in den engen Räumen an Dynamik. Was nichts daran ändert, dass der Champions-League-erfahrene Profi fußballerisch und charakterlich über jeden Zweifel erhaben ist. Aber seine Spielweise muss zur Mannschaft passen. Am Bruchweg ist das offensichtlich nicht der Fall.

Da überzeugt der junge Nachwuchsmann Serdar den Trainer mehr als der erfahrene ehemalige Schweizer Nationalspieler. Wobei man immer anmerken muss: Suat Serdar steht noch ganz am Anfang einer möglichen Topkarriere, man muss ihm die nötige Zeit geben für eine kontinuierliche Entwicklung.