Rehberg: Die WM und ihr Einfluss auf den Bundesligafußball

In Mainz ausgebildet, nun Weltmeister: André Schürrle. Foto: dpa

Die WM ist gelaufen. Und viele Underdogs haben mit einer Spielweise punkten können, die auch bei Mainz 05 künftig dominieren wird. Derweil freuen sich die Mainzer über die...

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. Der Jubelsturm in Deutschland um die Nationalmannschaft des DFB hat auch einen Mainzer Aspekt. Die 05er dürfen künftig anführen, dass mit André Schürrle und Erik Durm zwei Weltmeisterspieler am Bruchweg ausgebildet worden sind. Das spricht für die Sichtung und für die Arbeit am Nachwuchsleistungszentrum, das spricht für die beteiligten Trainer, das spricht im Falle Schürrle auch für den Mut, überragende Talente früh in der Bundesliga zum Einsatz zu bringen.

Bei Durm bleibt es ein Ärgernis, dass es dem Klub damals nicht gelungen ist, den physisch überragenden, technisch aber nur mittelprächtig begabten Spieler in Mainz zu halten; auf der anderen Seite war es sicher schwer, vorauszuahnen, dass in dem schnellen und athletischen Spieler ein künftiger Klasseverteidiger steckt. Sein heutiger Lehrmeister Jürgen Klopp hat schon mehrfach erwähnt, dass auch die Dortmunder Trainercrew ein Jahr benötigt hat, diese Außenverteidigerfähigkeiten von Durm zu entdecken.

Hilfreich bei Gesprächen mit Talenten

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Für den 05-Briefkopf taugen die beiden Weltmeister nicht. Schürrle als Vorbereiter des Finalsiegtors von Mario Götze, das lässt sich neben dem Klubemblem nicht platzieren. Aber Manager Christian Heidel wird die Entwicklungen von Schürrle und Durm in künftigen Gesprächen mit umworbenen Spitzentalenten sehr nützlich einbauen können in seine Kennenlern- und Verhandlungsgespräche. Zwei in Mainz gescoutete und ausgebildete Spieler im Weltmeisterkader, das ist schon ein Gütesiegel, das so manchen von mehreren Klubs angesprochenen jungen Spieler und dessen Berater interessieren dürfte.

Welche Auswirkungen die WM 2014 auf die nächste Bundesligasaison haben wird, darüber wird jetzt schon diskutiert. Festhalten darf man, dass sich viele Außenseiter nachdrücklich in Szene gesetzt haben bei diesem Turnier. Die Eigenschaften, die erfolgreiche Underdogs auszeichnen, sind bekannt, diese WM hat aber noch mal Belege in der Praxis geliefert. Viel rennen, schnell rennen, oft schnell rennen, Systemsicherheit, gute Defensivorganisation mit Raumverengung, Überzahlverhalten und Zweikampfgift, schnelles, präzises und zielstrebiges offensives Umschaltspiel, Leidenschaft, Überzeugung und Mut - das gleicht die individuelle Überlegenheit der Favoriten immer wieder aus. Das ist und bleibt auch eine Bestätigung für die typische 05-Spielphilosophie.

Der Experte Ralf Rangnick geht in einem Beitrag im Fachmagazin "kicker" sogar so weit, zu behaupten, dass es im heutigen Fußball fast nicht mehr möglich ist, über reinen Ballbesitzfußball Tore zu erzielen. Es bleibe dabei, sagt der Sportdirektor im Red-Bull-Fußballkonzern, dass die überragende Mehrzahl aller Tore sich ereignen in den ersten zehn Sekunden nach gegnerischem Ballverlust, also in jenen kurzen Momenten, in denen der Gegner defensiv noch nicht wieder in Quantität und Qualität optimal organisiert ist. Die WM-Statistik legt Beweise vor für diese Analyse.

Eine reine Umschaltmannschaft hat es künftig schwer

Und dennoch greift diese These zu kurz. Eine reine Umschaltmannschaft wird es künftig nicht einfach haben, weil viele Trainer auch für diese Variante längst ein Gegenmittel gefunden haben. Das heißt Gegenpressing, der Gegner wird von auf diesem Gebiet gut geschulten Teams (wie etwa Borussia Dortmund) nach eigenem Ballbesitz binnen zwei, drei Sekunden schon wieder per Balljagd unter Druck gesetzt. Die Zukunft dürfte also in einer Mischung aus Ballbesitz- und Umschaltfußball liegen, je nach Spielsituation und je nach Spielverlauf.

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Nur ein Beispiel: Wenn der Gegner am Tor der Kontermannschaft vorbei schießt, dann muss die Kontermannschaft eine Antwort darauf haben, wie sie gegen den längst wieder defensivtaktisch toporganisierten Gegner die Spieleröffnung betreibt, den Spielaufbau, den Spielfluss im Angriffsdrittel. Auch für diese Situationen braucht es spielerische und taktische Lösungen. Da liegt der Fokus auf den entscheidenden Mitteln, und das sind ein sicheres kreatives Passspiel, ein kreatives Freilaufverhalten, abgestimmte Laufwege und flexible Positionsrochaden. Wer diese Elemente nicht in seinem Handwerkskoffer hat, der wird in der Bundesliga nicht überragend viele Spiele gewinnen. Selbst wenn der Balleroberung in relevanten Zonen und der Präzision und dem Tempo im offensiven Umschaltung immer mehr Bedeutung zukommen wird.

Ballbesitz als Selbstzweck taugt nicht

Eines zeigt sich seit knapp zwei Jahren: Auch die reinen Ballbesitzmannschaften haben es immer schwerer, und zwar dann, wenn sie ihre Passfolgen als Selbstzweck betreiben, wenn mittels des Kombinationsspiel mangels Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit kein Raumgewinn erfolgt und keine Lücken aufgerissen werden und wenn leichtfertige Ballverluste in relevanten Zonen den Gegner zu Kontern einladen. Nehmen wir als Beispiel den jüngsten 4:1-Sieg des FSV Mainz 05 gegen den Schweizer Pokalsieger FC Zürich. Gegen einen individuell besser besetzten Bundesligagegner hätten die 05er in der ersten Halbzeit womöglich längst mit 0:2 zurückgelegen. Die Schweizer überwanden in einigen Szenen nach Mainzer Ballverlusten in der gegnerischen Hälfte relativ leicht den ersten Gegenpressingwall, dahinter öffneten sich große Räume, doch der FC Zürich hatte nicht die Qualität, diese Umschaltgelegenheiten bis vors gegnerische Tor auszuspielen. Insbesondere an den Seiten befanden sich die 05er da öfters in Unterzahl, zuweilen sogar in den torgefährlichen Räumen.

Auch für die Mainzer liegt der Schlüssel in einer gut abgestimmten Mischung aus Ballbesitz mit guter rückwärtiger Absicherung und einem überfallartigen offensiven Umschaltspiel aus einer massierten Deckung nebst aggressiver Nachvorneverteidigung heraus. Die Mannschaft scheint unter Kasper Hjulmand in vielen Bereichen auf einem guten Weg zu sein, an den defensiven Abläufen muss insgesamt noch gearbeitet werden. Aber es kommen ja mit den WM-Fahrern und dem Neuzugang aus Chile auch noch wichtige Spieler dazu.