Rehberg: Deutschland und die Kreativspieler

Bundestrainer Joachim Löw. Foto: dpa

Im Fußball ereignen sich immer wieder interessante Entwicklungen. Als der Deutsche Fußball-Bund vor zehn, zwölf Jahren das Projekt "Nachwuchsleistungszentren" anschob, da...

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. Im Fußball ereignen sich immer wieder interessante Entwicklungen. Als der Deutsche Fußball-Bund vor zehn, zwölf Jahren das Projekt "Nachwuchsleistungszentren" anschob, da mangelte es in diesem Lande an den sogenannten Kreativspielern. Offensive Mittelfeldspieler, die technisch perfekt sind, die sich schnell drehen können, die passsicher sind, die kombinieren können, die dribbeln können, die ein Auge für das Anspiel in die Tiefe haben, die sich mit Ball am Fuß auf engen Räumen behaupten und die torgefährliche Situationen einfädeln und/oder abschließen können. Das Nachwuchskonzept hat gegriffen. Deutschland wird inzwischen in der Welt beneidet für die Ausbildung dieser Spielertypen, die auf der Zehnerposition und auf den offensiven Außenbahnen höchste Qualität verkörpern. Und die Bundesliga schiebt ständig neue Talente nach.

Außenverteidiger und Mittelstürmer

Kaum noch produziert werden dagegen: Außenverteidiger und Mittelstürmer. Schauen wir auf die Nationalmannschaft. Joachim Löw ist Weltmeister geworden mit dem Stopperhünen Benedikt Höwedes als Linksverteidiger. Und nach dem Rücktritt von Philipp Lahm hat der Bundestrainer mit Sebastian Rudy einen Mittelfeldspieler und mit Antonio Rüdiger einen Innenverteidiger ausprobiert auf der rechten Defensivseite. Mit durchwachsenem Erfolg. Auch der Kaderweltmeister Eric Durm ist spielerisch und taktisch noch nicht so weit, dass man von einer starken Lösung auf der linken Seite sprechen könnte. Und nach dem Rücktritt von Miroslav Klose und der Verletzung von Mario Gomez hatte Löw nicht einen einzigen klassischen Zentrumsstürmer mehr am Start beim 0:2 im EM-Qualifikationsspiel in Polen. Der kleine Offensivallrounder Mario Götze musste aushelfen. Mit durchwachsenem Erfolg. Die Bundesliga gibt da aktuell nicht viel her, seitlich hinten nicht und zentral vorne nicht.

Schauen wir auf den FSV Mainz 05. Links hinten stehen mit Junior Diaz und Joo-Ho Park zwei ausländische Profis. Rechts hinten haben die 05er mit Daniel Brosinski in der Zweiten Liga einen veranlagten deutschen Spieler gefunden, immerhin. Der schon 26 Jahre alte Brosinski hat sich nach anfänglichen Problemen zügig reingespielt in die Mannschaft, vor allem auf der Basis seiner extremen Geschwindigkeit und seines Lerntempos in der Defensivarbeit.

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Talente?

Mittelstürmer? Da hat der Japaner Shinji Okazaki mit großem Erfolg die Rolle des Ungarn Adam Szalai übernommen. Der deutsche Mittelstürmer Sebastian Polter ist an Union Berlin ausgeliehen worden, der Typ mit der Figur eines Zehnkämpfers hatte nicht die nötigen technischen Voraussetzungen für den Durchbruch in der Bundesliga. Der Kollege Dani Schahin, stark am Ball, physisch und mental aber nicht robust genug, ist zum SC Freiburg weitergezogen. Talente? Petar Sliskovic (23), der so oft verletzte lange Stürmer aus der eigenen Jugendabteilung, kämpft um den Anschluss, er ist auf einem guten Weg, geschafft hat er es bis heute nicht in der Ersten oder Zweiten Liga.

Schnelle Außenstürmer haben auch die 05er produziert. André Schürrle ist inzwischen Weltmeister. Dann kam Shawn Parker, der am Bruchweg stagniert hat, der bei seinem Wechsel zum FC Augsburg nun aber noch eine stattliche Ablöse von 1,6 Millionen Euro gebracht hat. Die 05er konnten sich diesen Abgang leisten, denn mit dem jüngeren Bruder Devante Parker, der noch bei den A-Junioren stürmen könnte, der aber schon den Sprung in das Drittligateam geschafft hat, steht auf der Talentposition schon der Nachfolger im Profikader bereit. Und dazu kommt Patrick Pflücke, ebenfalls noch für die U19 spielberechtigt, auch schon etabliert in der Drittligamannschaft, ein wendiger Techniker und Passgeber, der prädestiniert ist für die Zehnerposition.

Beim Testspiel der 05-Profis in der vergangenen Woche in Darmstadt hat Kasper Hjulmand nun zwei Spielern aus der von Sandro Schwarz trainierten U19 eine Einsatzchance gegeben, die vielleicht auf den genannten "Problempositionen" eine Perspektive haben. Vom kleinen Rechtsverteidiger Malte Moos war der Trainer sogar beeindruckt. Der jüngere Bruder des Mainzer Spitzenruderers Moritz Moos ist zwar ein körperlich kleiner Kerl, aber in seinen physischen Daten ist er in Riese: Malte Moos kann laufen, er kann viel laufen, er kann sehr schnell laufen, er kann sehr oft sehr schnell laufen - ohne Ermüdungserscheinungen. Moos ist technisch gut ausgebildet, er ist passsicher, er ist giftig im Zweikampf. "Ein sehr interessanter Spieler", lobte Hjulmand den 18-Jährigen. Defensivtaktisch müsse sich der junge Mann noch verbessern, sagte der Däne am Böllfenfalltor. Aber ansonsten…, ja, da sei schon viel zu sehen gewesen. Moos fiel in seinen 80 Einsatzminuten nicht ab im Vergleich zu den Profis; diese schnelle Anpassungsfähigkeit an das höhere Niveau ist auch ein Zeichen für Talent.

Und dann wäre da noch Aaron Seydel, der Mittelstürmer, der groß gewachsen ist, der schnell ist, der mit seiner Technik auch mit dem Rücken zum Tor sehr gut Bälle verarbeiten und weiterleiten kann, der mit seinem starken linken Fuß stark im Abschluss ist. Dem schlaksigen Kerl fehlt es noch an der nötigen Körperspannung, an der Wettkampfhärte, am unbedingten Durchsetzungswillen im offensiven Zweikampf. Aber Talent hat der 18-Jährige, der in seinem Bewegungsablauf manchmal an den großen Kanu erinnert. Auch Seydel fügte sich nach seiner Einwechslung in Darmstadt gut ein.

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Vielleicht fehlen im Moment auf diesen Positionen auch die großen deutschen Vorbilder. Es gab Zeiten, da wollten Buben werden wie Paul Breitner und Manfred Kaltz - oder wie Gerd Müller und Horst Hrubesch. Heute wollen alle werden wie Götze und Özil. Wir werden beobachten, was sich die deutschen Leistungszentren einfallen lassen, um wieder mehr talentierte Außenverteidiger und Mittelstürmer zu produzieren. Am Bruchweg könnte ein Anfang gemacht sein.