Rehberg: Der Video-Beweis wird eine Hilfe sein

Mainz 05-Stürmer Pablo de Blasis diskutiert mit Schiedsrichter Robert Hartmann. Foto: dpa

In dieser Bundesliga-Vorrunde haben sich spielentscheidende Fehlurteile der Schiedsrichter gehäuft. Dabei stehen im Vordergrund: Torentscheidungen, Elfmeterentscheidungen,...

Anzeige

. Nicht nur die 05er werden aufatmen. Der Videobeweis ist in Vorbereitung. Dieses technische Hilfsmittel, das die Schiedsrichter bei ihrer heiklen und komplizierten Arbeit im gut bezahlten Nebenjob unterstützen soll, wird zur kommenden Saison in der Bundesliga eingeführt. Das hat am vergangenen Wochenende der DFB-Schiedsrichter-Manager Hellmut Krug durchblicken lassen. So ganz nebenbei hat der langjährige Unparteiische auch verraten, dass der Videobeweis in der laufenden Spielzeit bereits „offline“ geübt werde.

Wie und in welcher Form, das wissen wir nicht. Krug ließ nur verlauten, dass zur nächsten Saison „die Verbindung zwischen Schiedsrichter und Video-Assistent hergestellt“ werde – und dass der Video-Assistent dann die Möglichkeit habe, „auf die Entscheidungen des Schiedsrichters Einfluss zu nehmen“. Darüber berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrer Montagausgabe.

Etwas mehr Transparenz wäre wünschenswert in diesem Entwicklungsprozess. Wer übt da mit wem? Und in welcher Form? Und wer diskutiert mit wem die Zwischenergebnisse? Welches Gremium entscheidet wann über die Endfassung des Videobeweises? Wären die jüngsten Fälle von Schiri-Irrtum mit dem Videobeweis tatsächlich korrigiert worden? Warum darf die Öffentlichkeit nicht Anteil nehmen an diesem Findungsprozess? Vielleicht wird in der anstehenden Winterpause darüber gesprochen.

Fünf knifflige Szenen innerhalb von 14 Tagen

Anzeige

In dieser Vorrunde haben sich spielentscheidende Fehlurteile der Schiedsrichter gehäuft. Dabei stehen im Vordergrund: Torentscheidungen, Elfmeterentscheidungen, Abseitsentscheidungen und Platzverweise – und nicht selten ist das miteinander verwoben. Nur ein paar markante Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit: Die Schwalbe des Leipziger Stürmers Timo Werner (der den unberechtigten Strafstoß beim Sieg gegen Schalke 04 auch noch selbst verwandelte), der nicht geahndete Ellenbogenschlag des Frankfurter Innenverteidigers David Abraham gegen Sandro Wagner beim 0:0 am vergangenen Freitag gegen die TSG Hoffenheim, der diskussionswürdige Strafstoß beim 1:0-Siegtor des SC Freiburg gegen Darmstadt 98, der verweigerte Handelfmeter für die 05er beim 0:1 in Gladbach plus das nicht anerkannte einwandfreie Tor von Pablo de Blasis in selbiger Partie. Alleine das sind schon fünf Szenen binnen 14 Tagen, die sich mit Hilfe des Video-Assistenten hätten aufklären lassen. In Freiburg womöglich nicht zweifelsfrei, aber eine Entscheidung nach einer Video-Überprüfung lässt sich sicher leichter ertragen.

Der jetzige Zustand ist unbefriedigend. Dass sich von den Schiedsrichtern verursachte Ungerechtigkeiten für einen Klub im Laufe einer Saison ausgleichen, ist nicht mehr und nicht weniger als eine unbrauchbare Floskel. Gehen wir zurück zum zweiten Spieltag. Die 05er führten in der Opel Arena gegen die TSG Hoffenheim zur Pause mit 4:1. Dann kassierte Gaetan Bussmann in der 58. Minute die Rote Karte. Kein krasses Fehlurteil, aber eine ausgesprochen enge Regelauslegung. In Überzahl schafften die Hoffenheimer noch ein 4:4. Wenn man so will, warten die 05er seitdem vergeblich auf ein Spiel, in dem sie „als Ausgleich“ begünstigt worden wären von einer ähnlich fragwürdigen Regelinterpretation.

Das Gegenteil ist der Fall. Beim 1:2 in Berlin pfiff der Schiri einen möglichen Strafstoß nicht – und die Gelb-rote Karte für Jean-Philippe Gbamin war wieder extrem hart. Beim 1:3 gegen den FC Bayern pfiff der Schiri vor dem Gegentor zum 1:1 ein Foul von Philipp Lahm nicht – und beim Stand von 1:2 verzichtete der Schiedsrichter darauf, Javi Martinez nach einem Handspiel (als letzter Mann) vom Feld zu stellen. Letzteres waren keine klassischen, in Echtzeit deutlich erkennbaren Fehlentscheidungen, aber zwei 50:50-Aktionen, die für den Gegner ausgelegt wurden. Und nun die beiden – in der Endbeurteilung sehr klaren - Szenen in Gladbach.

Benachteiligungen lassen sich nicht mehr ausgleichen

In dieser Häufigkeit wird sich das gar nicht mehr ausgleichen lassen in der Restsaison. Davon abgesehen: Warum sollte irgendeiner der kommenden Gegner dafür büßen müssen, dass die Mainzer zuvor mehrfach nicht begünstigt bis benachteiligt worden sind? Wünschenswert im Sinne des Sports wäre das nicht. Die Gladbacher haben am vergangenen Sonntag behauptet, sie hätten nach viel Pech in der Vorrunde diese Glücksmomente einfach mal verdient gehabt. Ihr Glück ging zu Lasten eines Gegners, der bislang sehr viel Pech hatte mit Schiri-Entscheidungen…

Anzeige

Was mental und emotional hängen bleibt bei einer Mannschaft von diesen und ähnlichen Ungerechtigkeiten? Schwer zu sagen. Wie wäre die Vorrunde verlaufen (inklusive Europaliga-Gruppenphase), hätten die 05er das erste Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim gewonnen? Wie wären die 05er aufgetreten im Borussia-Park mit einem Auswärtserfolg gegen die Hertha im Rücken? Welche Auswirkungen haben die Gladbach-Ereignisse auf das kommende Heimspiel gegen den Hamburger SV? Interessante Fragen. Die nicht beantwortet werden können. Wir ahnen nur: Der Video-Beweis wird eine Hilfe sein.

Nach drei Bundesliganiederlagen hintereinander steht die Elf von Martin Schmidt nun schon ein wenig unter Druck gegen den HSV. Auch das Jahresabschlussspiel bei der extrem aggressiv auftretenden Frankfurter Eintracht wird kein Ausflug in eine Wellness-Landschaft. Und am Tabellenende tobt gerade die Phase, in der sich bislang erfolglose Mannschaften aufbäumen. Der FC Ingolstadt, der HSV und Werder Bremen haben ihr Punktekonto aufgestockt. Darmstadt 98 schrammte unter dem aus Mainz stammenden Interimstrainer Ramon Berndroth in Freiburg nur sehr knapp an einem Punktgewinn vorbei. Der VfL Wolfsburg wird mit seiner individuellen Ausstattung sicher nicht dauerhaft im Keller abhängen.

Konkurrenten stellen sich auch neu auf. Der HSV kommt mit dem neuen Vorstandsboss Heribert Bruchhagen in die Opel Arena; der langjährige Eintracht-Vordenker wird auch noch einen neuen Sportdirektor bestellen. Die Wolfsburger haben am Montag ihren Manager Klaus Allofs entlassen; in der Winterpause wird wahrscheinlich auch noch Valérien Ismael durch einen neuen Trainer ersetzt. Die „Lilien“ werden die Rückrunde angehen mit einem neuen Übungsleiter. Alles ist im Fluss. Wie auch immer: Jeder Klub weiß, dass er seine Punkte in jedem Fall selbst einsammeln muss.