Rehberg: Der sechste Platz ist Gold wert für Mainz 05

Abschied: Christian Heidels hinterlässt ein werthaltiges Vermächtnis. Archivfoto: dpa

Ab heute beginnt beim FSV Mainz 05 eine neue Zeitrechnung. Auf zwei Ebenen. Zum ersten Mal in der 111-jährigen Vereinsgeschichte darf der Klub planen für die Bundesliga, für...

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. Ab heute beginnt beim FSV Mainz 05 eine neue Zeitrechnung. Auf zwei Ebenen. Zum ersten Mal in der 111-jährigen Vereinsgeschichte darf der Klub planen für die Bundesliga, für den DFB-Pokal und für mindestens sechs Spiele in der Gruppenphase der Europaliga. Ein gigantischer Erfolg, eine riesige Herausforderung. Gelingen muss dieser Hausbau ohne den Chefarchitekten, der nach 24 Jahren Aufbauarbeit nach dem 0:0 im Saisonfinale gegen Hertha BSC in der Coface Arena mit einer hoch emotionalen Feier verabschiedet worden ist. Ab heute ist Christian Heidel verantwortlich für den FC Schalke 04.

Das Motiv „röhrender Hirsch“ gilt in der Kunst als Kitsch. Im Fußball stehen dafür die bekannten sentimentalen Lieder. Heidel erlebte seinen letzten Gang als 05-Manager in seiner Heimatstadt und in seiner Heimatarena mit einem 111 Zentimeter hohen Silberpokal in den Armen, das Abschiedsgeschenk seiner Vorstandskollegen, und zu den Klängen von „Ich werde immer, ich werde immer, ich werde immer Mainzer sein…“, „Im Schatten des Doms“, „Olé, olé, Fiesta, Fiesta hier am Rhein“ – und am Ende natürlich auch noch: „An Tagen wie diesen…“. Das war emotional, das war sentimental, das war tränenreich, das war kitschig – und genau deshalb schön für alle, die dabei waren. Und das waren eine halbe Stunde nach dem Abpfiff immer noch mehr als 20.000 singende, hüpfende, tanzende und rhythmisch klatschende Mainzer. Ein großer Tag, der auf einer Stufe steht mit der 100-Jahr-Feier, mit dem Auszug aus dem Bruchwegstadion, mit dem Abschied von Jürgen Klopp, mit dem Einzug in die Coface-Arena. Eine Zäsur. Eine Zeitenwende.

Heidel mit idealem Timing

Christian Heidel geht exakt an dem Punkt, an dem dieser Klub sportlich und wirtschaftlich einen Höhepunkt seines Wirkens erreicht hat. Ein besseres Timing hätte es nicht geben können. Dieses werthaltige Vermächtnis mit einem Umsatz von 100 Millionen Euro und Reisen durch Europa liegt künftig in den Händen von Rouven Schröder. Der am kommenden Dienstag im Medienraum der Coface Arena offiziell als Heidels Nachfolger vorgestellt wird. Das Rad dreht sich weiter. Die Mainzer Spielstätte wird künftig Opel-Arena heißen. Das bekannteste Opel-Gesicht ist aktuell ein Mainzer Kulttrainer, der am Samstag über die Videowand seinem Freund Heidel bewegende Worte übermittelte: Jürgen Klopp. Im Tor von dessen FC Liverpool, so melden es englische Zeitungen, soll künftig Loris Karius stehen. Dass Heidel unter der Woche noch den Schalker Trainer André Breitenreiter über dessen Aus im Pott informiert hat, das zeigt, wie unermüdlich und rasend schnell sich dieses Geschäftsrad dreht. Es geht immer weiter. Auch am Bruchweg.

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Die Mannschaft und ihr Erfolgstrainer Martin Schmidt kamen in der rauschenden Abschiedsparty etwas zu kurz. Aber das ließ sich wahrscheinlich nicht verhindern. Und es gehört auch zu den Mainzer Besonderheiten, dass die Zuschauer in den letzten Minuten dieser für die 05er wackligen Hertha-Partie weniger zitterten um die große Erfolgschance, als mehr um den Sekundeneinsatz des scheidenden Publikumslieblings Elkin Soto. Die Berliner vergaben noch in der Nachspielzeit durch Salomon Kalou eine riesige Siegchance. Und doch winkte der Trainer vor seiner Bank den schon zur Einwechslung bereit stehenden Abwehrhünen Leon Balogun wieder zurück. Soto rannte aufs Feld – und der in sein Heimatland zurückkehrende und von den Fans lautstark geforderte und bejubelte Kolumbianer bekam nach neuneinhalb Jahren im 05-Trikot seine Bühne. An diesem Tag hat mal wieder alles gepasst in Mainz. Punktgenau.

Am Ende hilft Matchglück

Der Einzug in die EL-Gruppenphase hing am seidenen Faden. Die Hertha, die über zwei Drittel dieser Saison sogar auf Champions-League-Kurs gesegelt ist, muss nun in die EL-Qualifikation. Die Berliner vergaben gegen die 05er, denen eine Endspiel-Beklemmung deutlich anzumerken war, zu viele klare Torchancen. Niko Bungert rettete auf der Torlinie, Stefan Bell rettete vor dem leeren Kasten, Keeper Loris Karius packte drei große Paraden aus. Die Mainzer, die sich in ihrem nicht eng genug verschiebenden Defensivblock zumeist vergeblich darum bemühten, Balleroberungen zu organisieren, kamen ab der großen, knapp neben den Pfosten gesetzten Kopfballchance für Jhon Cordoba (59.) nicht mehr in die Nähe des gegnerischen Strafraums. Die Hertha dominierte, die Hertha war spielerisch besser, die Hertha zeigte Behauptungswillen. Die auf Konter eingestellten, mehr leidenschaftlich, denn sicher und konsequent verteidigenden 05er wankten. An Tagen wie diesen half am Ende auch das Matchglück. Den verpassten fünften Platz kann die Schmidt-Elf verschmerzen. Den haben sich nun die Schalker geschnappt. Und damit wechselt Christian Heidel zu einem Großklub, der vor den 05ern rangiert.

Die 05er haben nun Planungssicherheit. Keine stressige Qualifikationstortour mit all den sportlichen Unwägbarkeiten, keine Unterbrechung der Sommer-Vorbereitung. Dafür Sponsorenaufschläge für die Europapokalteilnahme, 2,4 Millionen Euro Antrittsgeld für das Erreichen der Gruppenphase, mindestens drei internationale Heimspiele mit Einnahmen aus dem Eintrittskartenverkauf und der Vermarktung plus Prämien für Siege und Unentschieden - und ganz am Ende wird auch noch europäisches Fernsehgeld verteilt unter den deutschen Europapokal-Teilnehmern. Dieser sechste Platz in der Bundesliga ist für diesen Mittelstandsklub Gold wert. Die Aufgabe wird lauten, diese Kohle so gezielt einzusetzen, dass die Mannschaft in den drei Wettbewerben eine gute Rolle spielen kann – ohne dass sich der Klub im Hinblick auf die Folgesaison von Einnahmen aus dem Europapokal abhängig macht. Wenn Christian Heidel eines hinterlässt in diesem Ausbildungs- und Weiterbildungsverein, dann ist es die realistische und instinktsichere Bewertung von Situationen.