Rehberg: Der Anfang ist gemacht

Benjamin Pavard und Leroy Sané im Zweikampf. Foto: dpa

Die Leistung der deutschen Nationalmannschaft beim 1:2 in Frankreich war ein Schritt in die richtige Richtung.

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. Der Bundestrainer hat sich bewegt. Jogi Löw hat die Grundordnung verändert, er hat die Spielweise flexibler gestaltet, er hat mit personellen Änderungen mehr Geschwindigkeit in die vorderen Reihen gebracht.

Das Ergebnis mag unverdient sein. Sicher auch ärgerlich für alle Beteiligten. Zudem wäre der mögliche Abstieg in der Nations League, der dem DFB-Team künftig zweitklassige Gegner beschweren würde in diesem (unnötigen) Wettbewerb, kein Ruhmesblatt für den Weltmeister von 2014. Aber zum ersten Mal seit dem WM-Desaster von 2018 hat der sportliche Vordenker erkennen lassen, dass er gewillt ist, in Teilen einen neuen Weg zu beschreiten. Und wenn dem so ist, dann bekommt dieser nötige Neuorientierungsprozess auch in der öffentlichen Wahrnehmung die nötige Entwicklungszeit.

Ob sich Löw nun bei seinen Entscheidungen hat treiben lassen von den Kritikern, oder ob er tatsächlich mit Überzeugung umgedacht hat nach dem 0:3 in Holland, das ist zweitrangig. Das werden die nächsten Monate zeigen. In Paris war die deutsche Elf dem Weltmeister in weiten Phasen dieser unterhaltsamen Partie ebenbürtig. Was die Franzosen den Deutschen aktuell voraus haben? Didier Deschamps kann auf zwei Weltklassestürmer bauen: Antoine Griezmann und Kylian Mbappé.

Konkurrenzkampf ist eröffnet

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Löw wird sich in Geduld üben müssen, bis seine junge Angreifer-Auswahl mit Timo Werner, Leroy Sané, Serge Gnabry und Julian Brandt das internationale Topniveau der beiden französischen Ausnahmestürmer erreicht hat. Griezmann ist ein Abschluss-, Mbappé ein Geschwindigkeitsmonster. Diese Sonderklasse in der vordersten Linie, da, wo das Ergebnis gemacht wird, muss sich das deutsche Team neu erarbeiten. Das kann ein, zwei oder auch drei Jahre dauern.

Der Anfang ist gemacht. Ältere Stürmer wie Thomas Müller und Marco Reus müssen sich ab sofort dem Leistungsprinzip stellen. Der Konkurrenzkampf ist eröffnet. Sané und Gnabry haben mit Ihrer Technik, Schnelligkeit und Wendigkeit die Defensive der Franzosen gefordert. Werner hatte keinen guten Tag in Paris, das passiert, aber der Sprinter von RB Leipzig kann mit beiden Füßen und mit dem Kopf Tore machen. Und vielleicht schafft es ja auch der inzwischen beim FC Fulham wieder zum Stammspieler aufgestiegene André Schürrle noch mal in den Kreis der Nationalmannschaft.

Was die neue Stürmergeneration braucht, das sind Umschaltimpulse aus dem Mittelfeld heraus. Auch das sah in Paris besser aus als noch beim Weltturnier in Russland oder zuletzt in Holland. Toni Kroos spielte schnellere Pässe, Joshua Kimmich spielte flotter und geradliniger. An den Seitenlinien zogen auch die aggressiv nach vorn verteidigenden Außenverteidiger Nico Schulz und Thilo Kehrer Tempo auf. Als die deutsche Mannschaft nach rund einer Stunde gegen schärfer pressende Franzosen wieder in den Kurzpasstrott verfiel, da zeigte sich der Unterschied: Die Wege zum gegnerischen Strafraum wurden weit und komplexer; die Torgefahr aus der sehr guten, mit viel Energie, Schnelligkeit und Zielstrebigkeit in die Tiefe verbundenen Offensivleistung aus der ersten Halbzeit war weg.

Löw wird flexibel

Drei Innenverteidiger, auch das bleibt eine Option. Niklas Süle, Mats Hummels und Matthias Ginter gestatteten der hochkarätigen Offensivabteilung der Franzosen nur wenige klare Torchancen. Das deutsche Zentrum war dicht gegen den wuchtigen Arbeitsmittelstürmer Olivier Giroud und den listigen, wendigen, oft nicht greifbaren Griezmann. Auch die Konterabsicherung gegen den Turbosprinter Mbappé funktionierte.

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Ansonsten sollte man der Grundordnung keine überragende Rolle zuweisen. Trainer entscheiden das nach den Stärken und Schwächen des eigenen Personals, nach der Spielidee, nach der Ausrichtung des Gegners. Taktische Flexibilität wird immer gefragt sein auf dem höchsten Niveau. Löw, bisher eher unflexibel in der Systemwahl, hat gezeigt, dass er sich auch auf diesem Gebiet bewegt. Das weist in die Zukunft.