Rehberg: Das VfB-Missverständnis mit Reschke

Michael Reschke. Foto: dpa

Vieles läuft schief beim VfB Stuttgart. Ein Blick auf die schwäbische Krisenregion der Fußball-Bundesliga.

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. Normalerweise fliegt in Krisenzeiten der Trainer raus. In Stuttgart hat man anders entschieden. Dort sind die Vorstandsherren der in der Mercedesstraße 109 ansässigen VfB Stuttgart 1893 Aktiengesellschaft in der vergangenen Woche zu der Einschätzung gelangt: Der Sportdirektor hat die sportliche Schieflage zu verantworten. Also wurde Michael Reschke beurlaubt. Sein Nachfolger: Thomas Hitzlsperger, bis dahin im e.V. gewähltes Präsidiumsmitglied sowie Direktor des Nachwuchsleistungszentrums.

Transferausgaben in Höhe von rund 40 Millionen Euro

Reschke hat in seiner kurzen Amtszeit seit dem Sommer 2017 die Trainer Hannes Wolf und Tayfun Korkut entlassen und den (noch) amtierenden Cheftrainer Markus Weinzierl eingestellt. Zudem hat er im vergangenen Sommer den aktuellen Kader runderneuert mit Transferausgaben in Höhe von rund 40 Millionen Euro. Das Ziel waren die Europapokalplätze. Tatsächlich dümpelt der Schwabenklub auf dem Relegationsrang - mit nur noch einem Punkt Vorsprung vor einem direkten Abstiegsplatz. Die Mannschaft hat von 21 Saisonspielen 14 verloren und lediglich vier gewonnen. Ein sportliches Desaster.

Nun empfängt der VfB an diesem Samstag - nach dem trostlos-willenlos hingenommenen 0:3 in Düsseldorf - die stabile Elf von RB Leipzig. Sollte auch dann keine deutliche Leistungssteigerung erkennbar sein, dann könnte Hitzlsperger auf den Gedanken kommen: Weinzierl schafft das nicht - jetzt hilft uns nur noch ein neuer Trainer.

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Der meinungsfreudige frühere VfB-Profi Thomas Berthold ist der Meinung: Die Mannschaft taugt nichts, der gesamte Kader taugt nichts; es fehlt dramatisch an fußballerischer Qualität, natürlich auch an Führungspersönlichkeiten, die mal die Ärmel aufkrempeln. Was eben aus großer Entfernung so erzählt wird, wenn es ganz schlecht läuft.

Besonderer Blick für Talente

Nach der Gründung der Aktiengesellschaft im Jahr 2017 sollte mit dem Geld der schwäbischen Großindustrie in Stuttgart Großes entstehen. Das sportliche Hirn des Unternehmens sollte der vom FC Bayern abgeworbene Michael Reschke sein. So richtig stolz waren die AG-Entwickler um den Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Dietrich auf diese Verpflichtung. Heute sind sich alle einig: Es hatte seinen Grund, warum Reschke in seinen langen Jahren in Leverkusen und danach in München bis zu seinem 60. Lebensjahr immer nur in der zweiten Reihe gearbeitet hat. Der Mann, der mal Sport studiert hat und über ein Jahrzehnt ein erfolgreicher Nachwuchstrainer war, ist ein Perlentaucher; er hatte in der Ausbildung und im Scouting immer den besonderen Blick für Fußballtalente. An der Front, als Sportchef eines Bundesliga-Unternehmens, ist der 62-Jährige nach nur eineinhalb Jahren gescheitert. Warum? Aus der Distanz schwer zu beurteilen.

Gelernt hat Reschke bei Reiner Calmund. Das leutselige Schwergewicht hat in Leverkusen immer wieder gute Mannschaften gebaut. Aber Calmund war auch oft genug umstritten in seinem semi-seriösen Transfergebaren - und er war sehr großzügig im Umgang mit Geld. Unterm Strich hat es den Eindruck: Der profilierte Zuarbeiter Michael Reschke war in Stuttgart - trotz seiner immensen Erfahrung - als Alleinverantwortlicher überfordert.

Nun also Hitzlsperger. Der ARD-Fußballexperte hat in der Auswahl von Trainern und Spielern überhaupt keine Erfahrung. Der frühere Nationalspieler ist zweifellos ein kluger Kopf und rhetorisch begabt. Mit diesen Fähigkeiten kann er den angeschlagenen Trainer sicher unterstützen. Aber der Kader ist, wie er ist. Und der Druck wird immer größer. 14 Spiele hat Weinzierl seit Amtsantritt im Oktober 2018 verantwortet. Davon hat der grimmige Bayer zehn verloren. Bilanz Rückrunde: Drei Niederlagen, ein Heim-Remis. Die nächsten Aufgaben: Leipzig, in Bremen, Hannover, in Dortmund, Hoffenheim, in Frankfurt. Das Großprojekt Stuttgart könnte in der Zweiten Liga enden.