Rehberg: Das Rotationsprinzip funktioniert bei Mainz 05

Jubel nach dem 1:0 in Augsburg: Jhon Cordoba, Yunus Malli und Levin Öztunali. Foto: dpa

Das erste Ziel hat Martin Schmidt bereits erreicht: Das Rotationsprinzip im Team greift offenbar. Und die Mannschaft von Mainz 05 schafft es aktuell, die Stressserie mit drei...

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. Der erste Plan von Martin Schmidt in dieser Drei-Wettbewerbe-Spielzeit ist aufgegangen. Die 05er haben die zweite Runde im DFB-Pokal erreicht, der Klub hat in der Bundesliga nach drei Spieltagen ordentliche vier Zähler auf dem Konto – und in der Europaliga hat das 1:1 gegen Saint-Étienne auch nichts kaputt gemacht. Der wichtigste Aspekt dabei: Das – immer mit Risiko verbundene - Rotationsprinzip greift. Nach dem Europapokalabend hat der 05-Chefcoach sechs Positionen verändert. Und die Mannschaft hat zweieinhalb Tage nach dem unglücklichen Ausgleichstreffer für die Franzosen in der Opel Arena mit der bislang stärksten Saisonleistung den verdienten 3:1-Sieg in FC Augsburg geschafft. An diesem Mittwochabend geht die Stressserie weiter. Auftritt unter Flutlicht beim noch punktlosen SV Werder Bremen.

Emotional liegen Welten zwischen diesen beiden Mannschaften. Die 05er haben in Augsburg mit einer starken Defensive und guten Passpassagen lange das Spiel kontrolliert, sie haben in ihrer schwächeren Phase den Ausgleich kassiert und sie haben direkt im Anschluss daran eine explosive Reaktion folgen lassen mit zwei Treffern binnen sechs Minuten. Diese Moral, dieser Behauptungswille, diese Comebackmentalität hat der Mannschaft Zutrauen eingeimpft. Mentale Kraft. Das war auch gut für den Gemeinschaftsgeist. Da wächst etwas zusammen. Und fußballerisch war das ein Beleg für Qualität im Kader. Mit einem Fabian Frei, der sich ganz neu erfunden hat. Mit einem Levin Öztunali, der zuvor im Werder-Trikot nie diese überzeugenden Leistungen abgerufen hat wie aktuell im Mainzer Team.

Kaum ein gesunder Stürmer beim SV Werder auf der Tafel

Die Bremer? Die haben die sportlich katastrophale erste Halbzeit in Gladbach im Rucksack, dazu die null Punkte und den letzten Platz in der Tabelle, dazu kaum einen gesunden Stürmer auf der Tafel. Und obendrauf ist noch Trainer Viktor Skripnik gefeuert worden. Und der neue Manager Frank Baumann hat dabei überhaupt kein gutes Bild abgegeben: Zunächst Skripniks Vertrag verlängert, nach dem 0:6 bei den Bayern eine Jobgarantie ausgesprochen – und dann die Entlassung im Bus auf der Heimfahrt von Gladbach. Die Bremer stehen vor einem Scherbenhaufen.

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Aber wir wissen, dass Stimmungen im Fußball nicht immer Spiele entscheiden. Zumal dann, wenn bei der einen Mannschaft ein neuer Trainer Hand anlegt. Aber was sollte Alexander Nouri an der Weser von Montag bis Mittwochabend groß initiiert haben? Klar, viele Einzelgespräche, emotionale Aufbauarbeit, maximal drei von neuen taktischen Inhalten geprägte Trainingseinheiten. Aber reicht das für einen über 90 Minuten stabilen Auftritt in der Bundesliga, reicht das für einen Wende-Kraftakt? Sagen wir es anders: Die 05er wissen, dass der Gegner auch an diesem Abend Probleme mitschleppen wird – aber wichtiger wird sein, welche Qualität die Schmidt-Elf auf den Rasen feuert. Die Leistung der Mainzer wird darüber entscheiden, ob sich die Werderaner in ihrer misslichen Lage auflehnen können.

Nouris Bremer Fightnight mit eigener Einstellung begegnen

Nouri wird versuchen, eine Fightnight zu organisieren. Mit Appellen an die Laufbereitschaft, an die Zweikampfaggressivität, an den Teamgeist, an die feurige Mobilisierung der Zuschauer. Lassen die 05er im Vergleich zur Augsburg-Partie auch nur ein wenig nach in der Konzentration und in der Konsequenz ihres Handelns, dann ist es möglich, dass Werder die Tür aufstößt. Dann kann diese Partie eine Eigendynamik bekommen, die im Stadion eine besondere Atmosphäre entstehen lässt, die dem angeschlagenen, personell dezimierten, kurzfristig auf Widerstand und Wiederauferstehung getrimmten Bremer Kampfteam einen Weg weist. Haben wir alles schon erlebt.

Von daher ist es ratsam, wenn sich Schmidt und seine Auswahl genau auf das besinnen, was beeinflussbar ist. Und das ist die eigene Einstellung, die eigene Leistung, die lebendige Umsetzung des eigenen Matchplans. Der wird wahrscheinlich nicht dramatisch anders aussehen als in Augsburg. Viel laufen, schnell laufen, oft schnell laufen – in beide Richtungen. Aggressiv und eng nach vorn verteidigen, Gegner vom eigenen Strafraum weghalten, im eigenen Ballbesitz ruhigere Phasen einstreuen, nach Balleroberungen in relevanten Zonen offensive Umschaltüberfälle starten. Treffsicherheit. Gut möglich, dass Schmidt noch mal die siegreiche „Augsburg-Startelf“ antreten lässt. Und dann wirft der Trainer für die Heimpartie am kommenden Samstag gegen Bayer Leverkusen wieder die Rotationsmaschine an.

José Rodriguez wird in nächster Zeit nicht auf diesem Karussell sitzen. Das knüppelharte Foul am Augsburger Dominik Kohr, der nun mehrere Wochen ausfallen wird, hat bundesweit hohe Wellen geschlagen. An dieser Szene gibt es nichts zu relativieren. Aber in vielen Äußerungen dokumentierte sich doch ein hohes Maß an Populismus. Als ob ein Profi seinem Gegenspieler absichtlich das Schienbein aufschlitzen wollte… Andeutungen in diese Richtung sind absurd. Der ob seiner vorherigen Nichtberücksichtigungen gefrustete, emotional auf die Geisterfahrerspur geratene Rodriguez hat mit seinem Tritt einen möglichen Beinbruch bei seinem Gegenspieler in Kauf genommen. Beabsichtigt hat das der - im Alltag ausgesprochen besonnen, intelligent und sympathisch auftretende - Kerl nicht.