Rehberg: Das intensive Schuften des FC Liverpool

Jürgen Klopp. Foto: dpa

Der FC Liverpool auf dem Weg zum Meistertitel in England: Die Erfolgsmixtur des Teams von Trainer Jürgen Klopp beschreibt unser Experte Reinhard Rehberg.

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. 1990 war der FC Liverpool letztmals Englischer Meister. In diesen langen 29 Jahren, die gepflastert waren mit vielen Tiefen, haben sich an dieser Mission große Trainer versucht: Graeme Souness, Roy Evans, Gérald Houllier, Rafael Benitez, Roy Hodgson, Kenny Dalglish (der Meistertrainer von 1990), Brendan Rodgers. Die FC-Fans verzehren sich nach der Meisterschaft. In dieser Saison dominieren die „Reds“, die seit ihrer Gründung im Jahr 1892 an der legendären Anfield Road ihre Heimspiele austragen, die Premier League. Der Mann, der den traditionsreichen Klub wieder auf den Titelpfad geführt hat: Jürgen Klopp.

Guardiola: Liverpool extrem stark und stabil

20 Spiele ohne Niederlage in der wirtschaftlich betrachtet stärksten Liga auf diesem Erdball. Erst kurz nach Weihnachten musste die „Klopp-Armee“ ein 1:2 wegstecken. Beim Titelverteidiger Manchester City. Das war Schwerstarbeit für die in der Vorsaison so überlegene Weltklasseauswahl von Pep Guardiola. Die den Rückstand auf die Liverpooler damit auf vier Punkte verkürzt hat. Aber selbst Guardiola räumt ein, dass die Chancen auf den Meistertitel nicht mehr rosig sind. Weil der FC Liverpool extrem stark und stabil sei, „sehr konstant auf einem sehr hohen Niveau“.

Was macht die „Reds“ im dritten Jahr unter Klopp so stark? Die Antwort ist ebenso einfach wie komplex. In der Premier League wird ein hoch intensiver Fußball gepflegt. Aber keine andere Mannschaft schuftet derart intensiv wie die Liverpooler. Das betrifft die Spielweise, das betrifft die Mentalität. Und der Einzug in das (gegen Real Madrid verlorene) Finale der Champions League 2018 hat den Glauben der Spieler an das System Jürgen Klopp weiter befeuert. Diese Profis wollen gar nicht mehr anders spielen als 90 Minuten plus Nachspielzeit am Anschlag.

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Klopp hatte nie ein Interesse daran, Mannschaften zu übernehmen, die bereits auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft stehen. Der langjährige Mainzer Kulttrainer ist ein Entwickler. Er will aus guten Spielern sehr gute machen. Er will aus einer guten Mannschaft eine sehr gute machen. Er will Profis, die noch nicht viel gewonnen haben in ihrer Karriere, zu erfolgshungrigen, leidenschaftlich um Siege ringende Typen formen. Er will aus Außenseitern von Überzeugung beseelte Favoriten machen. Er will, dass sich seine Fußballer bedingungslos dem Ziel verschreiben: In jedem Spiel auf der Basis klar definierter spielerischer und taktischer Prinzipien alles rausfeuern, was Geist und Körper an diesem Tag hergeben.

Nah an Klopps Vision

Der FC Liverpool nähert sich in dieser Saison dem Idealzustand von Klopps Vision von ebenso begeisterndem wie erfolgreichem Alarmfußball. Gnadenlose Vorwärtsverteidigung. Pressing und Gegenpressing als eine konsequente Balljagd, die den Gegner zermürbt und irgendwann zerstört. Balleroberungen in relevanten Zonen ummünzen in rasante offensive Umschaltüberfälle - auf dem möglichst kürzesten und schnellsten Weg zum gegnerischen Tor. Also die bestmögliche Paarung von Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit in die Tiefe des Angriffsraums. All das in dem Gefühl, dass es für ein - mit Starkstrom aufgeladenes - Kollektiv möglich ist, deutlich mehr zu sein als „nur“ die Summe der Einzelteile.

Mentale Bereitschaft, physische Wucht, Wille, Leidenschaft, Tempo, Abschlussgier. Die Mannschaft mit dieser Ausstrahlung hat sich Klopp in Liverpool gebaut. Das hat auf dem Transfermarkt viel Geld gekostet. Da steht etwa zwischen den Pfosten mit Allison Becker der teuerste und aktuell beste Torhüter der Welt. Virgil van Dijk ist der teuerste und inzwischen auch einer der besten Innenverteidiger im internationalen Fußball.

Seit diesen beiden Verpflichtungen ist das in den Vorjahren anfällige Abwehrzentrum eine Macht. Für Außenverteidiger hat Klopp schon zu den Dortmunder Meisterzeiten nicht viel Geld ausgegeben. In Liverpool spielen an den Außenbahnen der aus dem eigenen Nachwuchs hochgezogene Trent Alexander-Arnold (20) und der vom kleinen Hull City für schmale zehn Millionen Pfund verpflichtete Schotte Andrew Robertson (24). Der Trainer hat die beiden Talente zu giftigen und offensivstarken Verteidigern geformt, die ihre Gegenspieler gerne schon jenseits der Mittellinie attackieren.

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Malocher wichtiger als Edeltechniker

Im Mittelfeld sind Klopp laufstarke und kampfbereite Malocher mit solidem Passspiel wichtiger als Edeltechniker und Starstrategen: James Milner, Jordan Henderson und Georginho Wijnaldum verkörpern individuell keine (spielerische) Weltklasse, aber sie bereiten mit ihrer Aggressivität, mit ihrem Willen, mit ihrer physischen Dominanz die Umschaltwucht vor. Die veredelt wird von dem in dieser Zusammensetzung genialen Angriffstrio um Sadio Mané, Roberto Firmino und Mohammed Salah. Wieselflinke Techniker, Dribbler, Sprinter. Die in der Lage sind, auch in höchstem Tempo ihre Abschlussqualität zur Geltung zu bringen.

Nun wartet auf den FC Liverpool im Achtelfinale der Champions League der FC Bayern. Die Auswahl von Niko Kovac wird in der Geschwindigkeit nicht mithalten können. Aber an guten Tagen sind die Bayern im kontrollierten Ballbesitz immer noch höher einzustufen als die „Reds“. Zudem dürften die Münchner nach der deutschen Winterpause ausgeruhter sein als die auch über Weihnachten und Silvester strapazierten „Power-Reds“, die einen Tempomat nicht kennen.

Was den Ausschlag geben mag: Womöglich sind die einstigen Außenseiterprofis von Klopp wilder, entschlossener, erfolgshungriger als einige der Bayern-Stars. Die schon Weltmeister und Champions-League-Sieger auf ihrer Visitenkarte stehen haben.