Rehberg: Bundesliga, wo bleibt dein Unterhaltungswert? Ach, da...

Künftig Standard in den Bundesliga-Stadien: Zur kommenden Saison gibt es die Torlinientechnik auch in der höchsten deutschen Spielklasse. Foto: dpa

Bayern wird Meister, die Champions-League-Plätze sind auch schon vergeben, Aufsteiger FC Ingolstadt und Darmstadt 98 sind die favorisierten Abstiegskandidaten und so weiter....

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. Der FC Bayern München wird Deutscher Meister. Der VfL Wolfsburg, Borussia Mönchengladbach, Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund streiten sich um die restlichen Champions-League-Plätze. Der FC Schalke 04 zieht in die Europaliga ein. Der FC Augsburg führt das Tabellen-Mittelfeld an, in dem sich Werder Bremen und die TSG Hoffenheim auf einstelligen Rängen einpendeln. Der VfB Stuttgart, die Frankfurter Eintracht und der 1. FC Köln haben nichts mit dem Abstiegskampf zu tun. Für den Hamburger SV wird es wieder eng, doch der Uwe-Seeler-Klub kann nicht absteigen, weil dem HSV die Kraft dazu fehlt, endlich mal loszulassen von der ewig tickenden Stadionuhr. Die Aufsteiger FC Ingolstadt und Darmstadt 98 sind die favorisierten Abstiegskandidaten, weiter reihen sich Hertha BSC Berlin und Hannover 96 ein in die Gefährdungsklasse A+.

Das ist eine grobe Übersicht über die Prognosen für die am kommenden Wochenende beginnende Bundesligasaison 2015/16. Experten und Satiriker haben im Fernsehen, im Blätterwald und im Internet in die Glaskugel geschaut und die wahrscheinlichen Endplatzierungen verteilt. Ach ja, die 05er fehlen noch. Rang 9 bis 11 wird der Mannschaft von Trainer Martin Schmidt grob überschlagen zugetraut. Wenn man das alles so liest, dann könnte man annehmen: Wird ganz schön langweilig, da kommt ja gar nichts Neues auf uns zu! Wo bleibt da der Unterhaltungswert, wenn sich die Endtabelle nahezu von alleine aufstellt?

Nichts Neues? Stimmt nicht

Abwarten. Der Titelkampf war in den vergangenen drei Jahren in der Tat nicht überragend spannend. Aber so lange die Bayern nicht zehn Punkte Vorsprung haben, wird es genügend Experten geben, die auch in dieser Spielzeit wieder Woche für Woche einen „Bayern-Jäger“ ausmachen. Und dann werden mit einem Mikrofon bewaffnete, dauerlächelnde Innenraummädels den „Verfolgern“ immer wieder die Frage stellen („Nur mal so unter uns…!“), ob sich diese Klubs auch zu ihrem Verfolgerstatus beziehungsweise zu ihren Meisterambitionen bekennen. Das beginnt nach dem ersten Spieltag. Und das gilt auch für den Abstiegskampf. Da müssen wir uns keine Gedanken machen, an der Spannung wird tagtäglich gestrickt, auf allen Kanälen.

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Nichts Neues? Stimmt nicht. Das „Hawk-Eye“ ist neu. Das ist ein System mit 14 Kameras unterm Stadiondach. Zwölf Kameras nehmen das Geschehen auf dem Platz in normaler TV-Geschwindigkeit auf. Zwei Kameras überwachen explizit die Torlinien, in Hochgeschwindigkeit, sie zeichnen die Bewegung des Balles mit mehreren hundert Bildern pro Sekunde auf. Mittels eines dreidimensionalen Bildes und mit einer Messgenauigkeit von weniger als zwei Zentimetern kann bestimmt werden, ob der Ball tatsächlich die Torlinie vollständig überschritten hat – und das meldet das System über ein Signal auf die spezielle Armbanduhr am Handgelenk des Schiedsrichters. Auf dem großen Display dieser Uhr erscheint dann ein zuckendes „Goal“ und gleichzeitig springt an der High-Tech-Watch der Vibrationsmotor an.

Nach den Erfahrungen vom Pokal-Wochenende hier schon mal eine grundsätzliche Frage: Warum überwacht dieses 100.000-Euro teure „Hawk-Eye“, ähnlich wie beim Tennis in Wimbledon, nicht sämtliche Kreidelinien? Dass Ivicia Olic beim Erstrunden-Aus des Hamburger SV in Jena zum 1:1 ins Tor getroffen hatte, das haben wir auch mit unserer Augenkraft erkannt, dass die vorbereitende Flanke von Ivo Ilicevic aber deutlich von jenseits der Grundlinie abgesandt worden war, das hat das Schiedsrichtergespann nicht bemerkt. Herrlich, da ist Diskussionsstoff programmiert. Die Technik macht´s möglich. Ach ja, und die vielen engen Elfmeterentscheidungen, Hand oder nur ein bisschen unabsichtliche Hand, Vollkontakt beim Zweikampf im Strafraum oder nur ein Schwalbenflug, auch das bleibt spannend. Bis der Videobeweis eingeführt wird. Und dann gibt es immer noch diese Szenen, die auch 2.000 Bilder pro Minute in mehrdimensionaler Darstellung nicht zweifelsfrei auflösen können…

Keine Sorge, es gibt ja noch den HSV

Überhaupt, der HSV. Da müssen wir uns über mangelnde Überraschungsmomente überhaupt keine Sorgen machen. Da hat sich der Manager Peter Knäbel (angeblich) seinen Rucksack klauen lassen, den fand dann eine Altenpflegerin in einem Hamburger Park. Gefüllt war der Rucksack mit: der kompletten Gehaltsliste für den Spielerkader und die Trainercrew, den detailliert beschriebenen Vereinbarungen mit dem Zugang Emir Spahic, diversen Scouting-Reports und Papieren mit internem Schriftverkehr. Knäbel bekundete, er habe den Verlust des Rucksacks gar nicht bemerkt. Wunderbar. Und was twitterte die Geschäftsstelle: „Faktenorientierte Geschichte: Rucksack gestohlen, Strafanzeige gestellt, Dokumente zurück, Dank an die Finderin, besser Fußball spielen, aufgeklärt.“ Die Zahlen aus dem Diebesgut werden wir in den nächsten Wochen scheibchenweise in der „Bild-Zeitung“ zu lesen bekommen. Auch spannend.

Interessant wird auch sein zu beobachten, wie lange sich die Nachricht hält, Mainz 05 schwimme nach einem 260-Millionen-Deal über zehn Jahre im Geld. Lustig. Gut 20 Millionen Euro Marketingeinnahmen pro Jahr hat der Klub jetzt schon, auch ohne Vermarkter. Macht auf zehn Jahre gesehen rund 200 Millionen Euro, die der Klub sich so oder so als Minimaleinnahme zum Ziel gesetzt hätte im Werbebudget. Wenn wir nun großzügig feststellen, dass der Klub ab sofort jährlich vier bis fünf Millionen mehr zur Verfügung hat, dann ist das schönes Geld, das eröffnet Spielraum für die Erhöhung des Kaderhaushalts auf eine Summe jenseits von 30 Millionen. Aber auch das verringert nicht gravierend die gewaltige Kluft zu den Top-Sieben in der Finanz-Tabelle.

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05er festigen ihre wirtschaftliche Mittellage nachhaltig

Mit 30 bis 35 Millionen und vielleicht noch etwas mehr im Gehalttopf haben schon mal Werder Bremen, der VfB Stuttgart und Hannover 96 gegen den Abstieg angekämpft. Der HSV manövriert sich in diese Notlagen seit drei Jahren, mit mehr als 50 Millionen im Rucksack.

Die 05er haben ihre wirtschaftliche Mittellage nachhaltig gefestigt, über den möglichen sportlichen Erfolg gibt das aber nur bedingt Auskunft. Anzunehmen ist, dass es im oberen und im unteren Tabellenviertel wieder jeweils eine Überraschungsmannschaft geben wird. Nach den aktuellen Eindrücken sollten die Mainzer auf der Basis von Laufbereitschaft, Aggressivität, kollektiver defensiver Stabilität, offensiver Umschaltwucht und eines qualitativ breiten Kaders (Einschränkung: Julian Baumgartlinger sollte besser nicht über einen längeren Zeitraum ausfallen…) nicht zu den negativen Überraschungen zählen. Und das ist dann am Bruchweg immer ein Erfolg. Auch in der nun schon zehnten Bundesligasaison in der Klubgeschichte.

Die oben angeführte Prognosenliste? Kann man so stehen lassen. Aber es ist langweilig, jetzt schon den Endstand voraussagen zu wollen. Spannung erzeugt der Verlauf der Saison. Mit den Höhen- und Problemphasen der einzelnen Klubs. Freuen wir uns darauf, dass es endlich wieder losgeht.