Rehberg-Blog: Ist der Bayern-Code geknackt?

Pep Guardiola und Franck Ribery. Foto: dpa

Der FC Bayern München war Real Madrid im Halbfinalrückspiel der Champions League klar unterlegen. Das 0:4 entspricht dem Spielverlauf. Und nun tobt die Diskussion: Haben die...

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. Das ist eine zugespitzte, sehr verkürzte Debatte. Fußball geschieht in bestimmten Situationen. Und da muss man zunächst einmal feststellen, dass Real Madrid in der Entscheidungsphase dieser Saison in Bestform ist, individuell und kollektiv - der Bundesligaseriensieger dagegen hat sich in eine spielerische und mentale Krise manövriert, individuell und als Kollektiv. Und dann sehen 90 Minuten exakt so aus wie an diesem Mittwochabend in der Allianz-Arena.

Zudem, und das hat der spanische Welttrainer auch unumwunden zugegeben, hat der taktische Ansatz nicht funktioniert. Das begann mit der Startaufstellung. Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos als zentrale Mittelfeldspieler, da fehlten die den Weltklassegegner beeindruckende und stoppende Physis, das läuferische Element, die Grund- und Handlungsschnelligkeit, die Balljagdmentalität, das Pressing- und Gegenpressingpotenzial in den zentralen Mittelfeldzonen. Da lag der Schlüssel gegen die im offensiven Umschaltspiel Tempo bolzenden Real-Stars. Dass den Bayern Form und Überzeugung abhanden gekommen sind, massierte Abwehrblöcke geduldig auszuspielen - mit Kreativität, Passsicherheit, Dribbelkunst und Laufwegen in die Schnittstellen der letzten Reihe -, das rächte sich an diesem Abend.

Nichts im Fußball überlebt ewig

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Grundsätzliche Überlegungen darf man dennoch anstellen. Die These, Guardiola fehle neben seinem dominanten Ballbesitz der Plan B, muss man differenziert betrachten. Die Bundesligagegner haben keine Antworten gefunden auf diesen einzigartigen Fußballansatz. Die europäischen Topklubs, in der individuellen Qualität auf Augenhöhe mit den Bayern, sind da auch taktisch einen Schritt weiter. Guardiola hat diese Konkurrenz mit dem FC Barcelona einige Jahre gedemütigt. Die gegnerischen Trainer haben Gegenmittel ausprobiert, lange erfolglos. Bis Jose Mourinho 2010 mit dem FC Chelsea im CL-Halbfinale mit dem Erfolg gegen Barca eine erste Blaupause lieferte: Tief verteidigen, massiert verteidigen, das Zentrum verrammeln, den Strafraum abriegeln mit hemmungsloser Überzahl, alle Stürmer in Defensivaufgaben einbinden, Auslaufräume begrenzen, Passwege zustellen - und gelegentlich kontern. Nach dieser Machart rang Real Madrid nun den im eigenen Ballbesitz eindrucksvoll überlegenen Bayern im Hinspiel den wichtigen 1:0-Sieg ab.

Nichts im Fußball überlebt ewig. Guardiolas Ballbesitzfanatismus hatte seine Zeit. Der Mythos, der viele Gegner blockiert hat, hat Risse bekommen. Der Vordenker braucht keinen grundsätzlichen Plan B, Guardiola wird flexibler werden müssen in seiner Spielweise. Die großen Gegner halten es aus, wenn die Bayern eine halbe Stunde in der gegnerischen Hälfte rund um den Strafraum ihr Passfestival zelebrieren. Sobald dieser Passexorzismus statisch wird, richten sich die Gegner mit ihren Weltklasseabwehrspielern ein; Angst und Schrecken verbreitet Guardiola auf der höchsten europäischen Bühne nicht mehr mit dieser Dominanz in torungefährlichen Räumen. Die Bayern werden auf höchster Ebene unabhängig von der jeweiligen Tagesform Rhythmuswechsel einbauen müssen, sie werden das offensive Umschaltspiel forcieren müssen, sie werden neue Wege in den gegnerischen Strafraum finden müssen, sie werden im Mittelfeld schnellere und/oder aggressivere Spieler für das Gegenpressing einbauen müssen. Javier Martinez war einer der zentralen Figuren in der Triplesaison, Guardiola sieht den konsequenten Balljäger mehr als Innenverteidiger.

05er sind variabler geworden

Am vergangenen Sonntag hat der FC Bayern mit einer spielerisch hoch talentierten U19-Bundesligamannschaft unter Trainer Heiko Vogel, der ehemalige Meister- und Champions-League-Trainer vom FC Basel, mit 0:1 in Mainz verloren. Mit Guardiola-Fußball. Toptalente wie die Söhne von Mehmet Scholl und Maurizio Gaudino oder der Bruder von Franck Ribery hatten am Bruchweg trotz ausgewiesener technischer Klasse im Kombinationsspiel nahezu keine Torchance. Die 05-U19 verteidigte eng und aggressiv, über das schnelle Umschaltspiel hätte die Partie auch leicht 2:0 oder 3:0 enden können. Die Bayern? Kein Tempowechsel, kein Rhythmuswechsel, eine sture Ballbesitzmaschine ohne Zielstrebigkeit, ohne Torgefährlichkeit - trotz des veranlagten Spielmachers Lucas Scholl, trotz des unermüdlichen Ankurblers Gianluca Gaudino, trotz des Flügelsprinters Steeven Ribery, trotz des körperlich robusten und technisch versierten Mittelstürmers Michael Eberwein.

Ballbesitzdominanz ohne Variationsmöglichkeiten - und ohne einen Lionel Messi im Angriff - ist nicht die letzte Antwort in der Fußballentwicklung. Das zeichnet sich ab. Thomas Tuchel hat sich darauf eingestellt. Der von Guardiola inspirierte Trainer der Bundesligaüberraschungsmannschaft FSV Mainz 05 hat seinen hohen Anspruch an Dominanz über eigenen Ballbesitz in dieser Saison modifiziert. Die 05er sind variabler geworden. Ballbesitzphasen wechseln sich ab mit Umschaltphasen. Die 05er können je nach Spielentwicklung hoch verteidigen und tiefer verteidigen, das Team kann geduldig kombinieren, aber nach Balleroberungen im Mittelfeld auch schnell in die Spitze spielen. In der Rückrunde der vergangenen Saison hatten die 05er die Europaligachance noch verpasst, unter anderem in Heimspielen mit hoher Ballbesitzquote, aber wenig Torgefahr.