Rehberg-Blog: Die Rückkehr des Libero

WM-Endspiel 1974 in München: Libero Franz Beckenbauer klärt den Ball vor Hollands Stürmer Johann Cruyff. Archivfoto: dpa

Eine Abwehrreihe mit drei Innenverteidigern ist der aktuelle Trend in der Bundesliga. Eine taktische Revolution ist das nicht. Ganz im Gegenteil. Im Prinzip ist das ein Griff in...

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. Der Trend in der Bundesliga geht zu einer Abwehrreihe mit drei Innenverteidigern. Die TSG Hoffenheim praktiziert diese Variante seit Monaten, der FC Schalke 04 fühlt sich damit wohl, der VfB Stuttgart, Werder Bremen, die Frankfurter Eintracht, der VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen und auch der FSV Mainz 05 haben am vergangenen Wochenende diese Option gezogen. Und auch Weltmeistertrainer Jogi Löw behält es sich vor, je nach taktischer Ausrichtung seine Nationalelf mit einer Dreier-Abwehrreihe auflaufen zu lassen.

Eine taktische Revolution ist das nicht. Ganz im Gegenteil. Im Prinzip ist das ein Griff in die Mottenkiste. Das gab es in Deutschland schon mal vor gut 25 bis 30 Jahren. Als Wolfgang Frank am Bruchweg mitten im Zweitligaabstiegskampf als einer der ersten Trainer in diesem Land die Raumdeckung, die Viererabwehrkette und das Mittelfeldpressing einführte, da löste er genau das ab, was heute wieder als modern gilt: Fünf Spieler in der letzten Reihe - wenn der Gegner Ballbesitz hat. Damals war das die Zeit, als die Mittelstürmer/Torjäger ausgestorben waren. Die meisten Mannschaften agierten mit zwei Sturmspitzen. Das war das Ende der kantigen Vorstopper, die keine andere Aufgabe hatten, als dem gegnerischen Mittelstürmer, dessen Aktionsraum der Strafraum war, in der Gesäßtasche zu sitzen.

Beckenbauer als Libero-Erfinder

Gegen zwei Spitzen nominierten die Trainer dann zwei Manndecker, die im Zentrum abgesichert wurden durch den Libero. Zu den drei Zentrumshünen gesellten sich zwei – mal mehr, mal weniger offensiv ausgerichtete - Außenverteidiger. In den Anfängen dieser Fünferabwehr rannten die Manndecker noch kreuz und quer einem ihnen fest zugeordneten Stürmer hinterher. Salopp formuliert hieß das damals: Der Manndecker folgt dem zu bewachenden Stürmer bis auf die Toilette.

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Als sich international immer mehr die Raumdeckung etablierte, wagten die deutschen Trainer einen ersten kleinen Schritt in diese Richtung: Es gab fortan einen rechten und einen linken Manndecker, der in seinem Raum den Stürmer bewachte, der dort gerade auftauchte. Das war eine Fünferabwehrreihe in einer Mischung aus Mann- und Raumdeckung.

Der Libero? Der bügelte in der Mitte aus, was die beiden Manndecker nicht geregelt bekamen. Je nach individueller Klasse und taktischer Ausrichtung bewegte sich dieser „freie Mann“ als Absicherung hinter den beiden Manndeckern, auf einer Höhe oder auch davor. Als der Erfinder der Liberoposition, Franz Beckenbauer, als deutscher Teamchef vor der WM 1986 keinen spielerisch starken „freien Mann“ mehr fand in der Bundesliga, da nominierte er im Defensivzentrum drei klassische Knochenbrecher: Karlheinz Förster, Ditmar Jakobs und Nobert Eder. Rechts verteidigte Thomas Berthold, links Andy Brehme. Diese technisch nicht überragend talentierte deutsche Mannschaft wurde auf der Basis defensiver Sicherheit immerhin Vize-Weltmeister.

Hoffenheim nicht weit entfernt von der Libero-Variante

Am Beispiel der TSG Hoffenheim lässt sich belegen, dass die heutige Fünfabwehrreihe (gegen den Ball) nicht überragend weit entfernt ist von der damaligen Variante mit Libero. Trainer Julian Nagelsmann hat den FC Bayern bezwungen mit dem rechten Innenverteidiger Emir Bicakcic und dem linken Innenverteidiger Benjamin Hübner. Dazwischen stand der gelernte defensive Mittelfeldspieler Havaard Nordtveit. Der ersetzte den verletzten Kevin Vogt, ebenfalls ein gelernter defensiver Mittelfeldspieler.

Man erkennt, dass Nagelsmann im Abwehrzentrum Wert legt auf einen Mann, der nicht nur die Innenverteidiger absichert und Zweikämpfe gewinnt, sondern auch fußballerische Stärken hat für die Spielereröffnung bis hin zum Aufbauspiel. Wer will, der kann Nordtveit oder Vogt einen Libero nennen. Und das gilt auch für Sven Bender in Leverkusen oder für Camacho in Wolfsburg - und letztlich auch für Naldo auf Schalke, Lamine Sané in Bremen, David Abraham in Frankfurt oder Stefan Bell in Mainz. Und ein Mats Hummels nimmt sich bei den Bayern die Freiheit, auch in einer Viererkette zu spielen wie einst der große Libero Franz Beckenbauer.