Rehberg: 75 Millionen, 86 Millionen, 94 Millionen - Der...

Kevin de Bruyne. Foto: dpa

Manche sprechen von „Monopoly“, andere von „schwindelerregendem Wahnsinn“, wieder andere von „Financial-Fairplay-Farce“, auch von einem „Gaukler-Geschäft“ war...

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. Dass Spitzenspieler teuer sind, das ist nicht neu. Viele der wirtschaftlich hochwertigsten Transfers sind älteren Datums: Die 94 Mio. für Cristiano Ronaldo, die 91. Mio. für Gareth Bale, die 86 Mio. für Neymar, die 81 Mio. für Luis Suarez, die 80 Mio. für James, die 75 Mio. für Zinedine Zidane, die 65 Mio. für Kaka, die 64 Mio. für Edison Cavani, die 60 Mio. für Radamel Falcao, die 58,8 Mio. für Luis Figo oder die 58 Mio. für Fernando Torres.

Jetzt sind 75 Mio. für Kevin de Bruyne oder für Angel di Maria gezahlt worden, auch die 61 Mio. für das Talent Raheem Sterling stechen hervor. Und Manchester United berappt 50 bis 80 Mio. (die Angaben schwanken, je nach Einbeziehung von optionalen Erfolgszahlungen) für den 19 Jahre alten Anthony Martial vom AS Monaco. „Kann ein Fußballer so viel wert sein?“, hat heute eine Boulevardzeitung mit riesigen Überschriftenbuchstaben gefragt.

Diese Frage lässt sich gar nicht beantworten. Kann ein Klubwechsler eine Million wert sein, zehn Millionen, 50 Millionen, 100 Millionen, demnächst vielleicht 150 oder 200 Millionen? Pustekuchen. Das regelt der Markt. Wenn ein Fußballer auf der Basis von Nachfrage auf dem Markt diesen „Produktwert“ hat und wenn ein Fußballunternehmen diese Kohle aus Einnahmen aus dem Fußballgeschäft investieren kann und will, dann ist diese Entwicklung nicht zu stoppen.

Millionen von Euro für englische Klubs durch Fernsehgelder

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Wenn die Kohle von schwerreichen russischen Oligarchen, arabischen Scheichs oder amerikanischen Investfonds stammt, oder wenn Klubs horrende Bankschulden aufbauen für solche Transfers, dann sollte das ja über das neu eingeführte Financial Fairplay geregelt werden. Ob das funktioniert, das werden wir erst in einigen Jahren beurteilen können.

Eine neue Qualität erhält das Transfergebaren durch die Millionen, die der englischen Premier League zur Verfügung stehen. Zwei profitabel arbeitende Bezahlsender haben auf der Insel die Einnahmen aus dem Fernsehgeldtopf in eine Höhe geschraubt, die das Ergebnis der deutschen Bundesliga um mehr als das dreifache übersteigt. Also muss man sich daran gewöhnen, dass in England entsprechend höhere Ablösesummen und entsprechend höhere Gehälter gezahlt werden. Und zwar nicht nur für Weltstars, sondern auch für viele mittelprächtig begabten Profis. Das ist die Herausforderung, der sich die deutschen Klubs zu stellen haben.

Die Antwort kann nicht lauten, zwanghaft mit den englischen Finanzdimensionen mithalten zu wollen. Das wird nicht funktionieren, so lange in Deutschland nicht mehr als rund 4,5 Millionen Menschen bereit sind, für Fußball im Fernsehen monatlich 30 bis 50 Euro auf den Tisch zu legen - und so lange im TV-Bieter-Wettbewerb nur der Monopolist „Sky“ antritt.

Identifikationsfiguren werden niemals unmodern

Die Antwort kann nur lauten, sich die Transfers nach England möglichst prächtig bezahlen zu lassen und mit diesem Zaster eine qualitativ hochwertige Aufbauarbeit zu leisten. Das betrifft das Scouting, das betrifft die Nachwuchsentwicklung mit noch mehr fachkundigen Trainern, das betrifft die Infrastruktur der Klubs. Dass die Premier League die deutsche Bundesliga in Zukunft komplett leer kauft, das ist nicht zu erwarten.

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Wobei man eine Gefahr nicht verkennen sollte: Wenn deutsche Klubs irgendwann nur noch der Durchlauferhitzer für talentierte Fußballersternchen sein sollten, dann kann das beim Zuschauer zu einem Identifikationsproblem führen. Wenn Klubwechsel in eine immer kürzer getaktete Beliebigkeit ausarten, stattliche Transfereinnahmen hin oder her, dann kann der Konsument müde werden, dann kann die emotionale Bindung zum Fußballbetrieb abkühlen. Identifikationsfiguren in einem Klub, die nicht ständig auf dem Absprung stehen und die nicht jedem – mal mehr, mal weniger besseren - Angebot hinterher rennen, werden niemals unmodern.

Das kann auch für die 05er eine Aufgabe sein. In diesem Transfersommer hat der Klub mit Johannes Geis, Joo Ho Park und Shinji Okazaki drei anerkannte und beliebte Leistungsträger für großes Geld verkauft. Sportlich ist und bleibt das Jahr für ein Jahr ein Drahtseilakt. Das gilt auch für die Emotionalität der Fans, die sich leichter tun mit einer gewachsenen Mannschaft, der Identifikationsspieler über mehrere Jahre erhalten bleiben. Das ist diesmal in den Fällen Julian Baumgartlinger und Yunus Malli gelungen. Das war wichtig.

Die Klubs haben immer eine Wahl

Die zweite Gefahr im Fußball besteht darin, dass die Konsumenten irgendwann nicht nur von einer ausartenden Wechselbeliebigkeit irritiert sind, sondern auch von diesen tatsächlich schwindelerregenden Transfer- und Gehaltsdimensionen. Wenn sich der Fußball, vor allem in wirtschaftlich allgemein schwieriger werdenden Zeiten, von der gesellschaftlichen Realität auf eine absurd erscheinende Art und Weise abkoppelt, wenn der Fußball finanziell in ein nicht mehr greifbares und nicht mehr begreifbares Paralleluniversum abdriftet, dann werden die Menschen nachdenklich. Eines der besten Gegenmittel: von Überzeugung getragene intensive, werthaltige und nachhaltige Nachwuchsarbeit - mit entsprechenden Aufstiegschancen und Aufstiegsstrukturen im eigenen Klub.

Damit kann man sich unabhängiger machen vom ausufernden Marktgetöse. Nur noch ein letztes Beispiel. Die 05er hatten als Nachfolger für Park drei Kandidaten auf der Liste. Einer davon: Marcel Halstenberg vom FC St. Pauli. Der verkaufsunwillige Pauli-Manager Thomas Meggle forderte drei Millionen Ablöse für den jungen Linksverteidiger, in der Annahme, das bezahlt sowieso kein deutscher Klub. Der Mainzer Kollege Christian Heidel stieg aus. Dann kam RB Leipzig und legte vier Millionen auf den Tisch. Jetzt kickt Halstenberg in Leipzig, immer noch in der Zweiten Liga. Und der wesentlich günstigere Gaetan Bussmann vom französischen Zweitliga-Spitzenreiter FC Metz spielt beim Mainzer Bundesligisten. Man sieht: Die Klubs haben immer eine Wahl, man muss nicht jeden Wahnsinn mitmachen.