Quattro Stagioni

Die Italiener haben vor dem EM-Finale gesungen. Immerhin. Und wir behalten den am schönsten frisierten Trainer.

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. "Das Phantom aus der Urknallmaschine", lesen wir als fette Überschrift in der "Welt". Es geht aber gar nicht um Seehofer, Magic Horst, wie wir ihn nennen. Obwohl: "Gottesteilchen" - angesichts der legendären bayerischen Selbsteinschätzung würde er das für sich wohl als angemessen betrachten. Aber das Gottesteilchen ist das sogenannte Higgs-Boson, von dem Physiker so gut wie fast sicher glauben, dass sie es jetzt endlich gefunden haben. Es hatte ihnen irgendwie gefehlt. Hatte sich wahrscheinlich versteckt, das dumme kleine Ding. "Eines der größten physikalischen Rätsel der Gegenwart ist gelöst", schreibt die "Rheinpfalz". Wir dachten auf diesem Rätsel-Niveau eigentlich eher an die Frage, wie Reiner Calmund aus dem Sessel wieder heraus und die FDP auf Bundesebene wieder über die Fünf-Prozent-Hürde drüber kommt. Angeblich ist dieses Teilchen die Ursache dafür, dass Materie Masse besitzt. Nun, wenn wir uns Reiner Calmund so anschauen, kämen wir eher auf den Gedanken, dass Pizza, Pasta, Schokolade und Bier die Ursache sind.

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Irgendwie ist uns dieser ganze Higgs-Trubel suspekt. Hatten die nicht neulich erzählt, irgendwas sei schneller als Licht? Wie meinen? Nein, nicht Philipp Lahm! Leute! Es gibt skeptische Stimmen zum Higgs-Boson. Carlo Rubbia sagt: "Der praktische Nutzen ist gleich null. Aber es gibt Dinge, die wichtig sind, weil sie unserem Wunsch entsprechen, zu wissen, woher wir kommen, wohin wir gehen." Wahnsinn. Der Mann ist trotz Namensähnlichkeit nicht etwa ein Verwandter der Berlusconi-Bunga-Doppelpartnerin Ruby, sondern ein veritabler Physik-Nobelpreisträger. Und Italiener. Daher dieser wunderbar melancholische Pragmatismus: "wohin wir gehen..."Manche gehen zu den Fischen, um dort zu schlafen. Wir nennen es das Luca-Brasi-Boson.

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"Jeder zweite junge Spanier ist ohne Job", lesen wir im Wirtschaftsteil der "Welt". Na und? Dann werden sie halt unter dem Namen Iker Casillas Fußball-Europameister und treiben weibliche Fans zwischen 13 und 93 in den Wahnsinn. Wie uns der Typ auf den Keks geht!!! Iker, allein schon der Name! Wir dachten zuerst immer an Ikea. Oder an Icke Häßler. Dabei hat Iker doch alles nur uns Deutschen zu verdanken. "Bodo ist ein absoluter Top-Torwart, von dem ich viel gelernt habe." Also sprach Casillas, Ikea, wie wir ihn nennen, im Jahr 2000. Gemeint war Bodo Illgner, seinerzeit Torwart bei Real Madrid, geboren in Koblenz, also fast einer von uns, 1990 Weltmeister. Wir lernen: Man muss den anderen nicht immer alles beibringen.

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Ach, richtig. Da war ja noch dieses Endspiel. Italien - Spanien 0:4. Wer das richtig getippt hat, bekam sicher Super Quoten. War da neulich nicht irgendwas? Kam nicht der italienische Torwart Buffon mächtig ins Gedränge, weil er einen Haufen Geld in ein Wettbüro getragen hatte? Wir wollen da natürlich überhaupt niemanden verdächtigen. So was liegt uns fern, gerade in diesem Fall. Machen wir niemals nicht. Gar nie nicht.

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Wobei diese "4" beim 0:4 eine hohe magische Symbolik hat, vor allem mit Blick auf die Italiener. Denken wir doch nur mal an "Quattro Stagioni". Wie meinen? Jaaa doch! Ihr denkt natürlich wieder an die Pizza! Banausen. Es gibt aber auch noch die "Vier Jahreszeiten" von Antonio Vivaldi. Ein Violinkonzert. Da läge jetzt der Gag nahe, dass die Italiener das Finale vergeigt haben. Aber solche Gags machen wir nicht, dazu sind wir zu zart besaitet. Oder denken wir an den Audi quattro. "Audi" kommt aus dem Lateinischen, ist also auch quasi italienisch. Heißt "hören, zuhören". Und "Horch" war vor dem Zweiten Weltkrieg in Sachsen auch mal eine Autofirma und hatte nix zu tun mit "Horch und Greif", also der Stasi. Audi und Horch waren einst zusammen in der "Auto Union"; die Firmengeschichte ist ein bisschen kompliziert. Jedenfalls übernahm 1966 VW die Auto Union GmbH, und dabei entstand das alte Volkslied: "Horch, was kommt von draußen rein?//Hollahi, hollaho,// wird doch nicht der Piëch sein//hollahiaho...Kleiner Scherz.

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Es hat sich dann Anfang der Woche Gott sei Dank herausgestellt, warum die Deutschen nicht ins Finale kamen: Weil die Spieler bei der Nationalhymne nicht mitsingen! Als leuchtendes Beispiel wurden die Italiener herausgestellt, weil die angeblich hingebungsvoll ihre Hymne mitschmettern, in der es unter anderem heißt: "Wir sind bereit zum Tod". Klar. Musst du als Italiener immer sein, in dieser unglaublich gefährlichen Welt von Luca Brasi, Ruby, Berlusconi und Iker. Da singst du schon aus Angst ganz kräftig mit.

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Dafür haben wir Deutschen mit Jogi nach wie vor den am schönsten frisierten Trainer mit den schönsten Pullis. Und was das Singen angeht: Vielleicht sollte man erst mal mit ein paar Liedern üben, die den Jungs leichter von den Lippen gehen sollten als die Nationalhymne. In Frage kommt da natürlich der Erfolgsklassiker von Franz Beckenbauer "Gute Freunde kann niemand trennen" (1966, Platz 31 der Charts). Gut für das Zusammengehörigkeitsgefühl ist bestimmt auch "Er gehört zu mir// wie mein Name an der Tür" (Marianne Rosenberg, 1975, Platz 7 der Charts). Und nicht zuletzt: "Gute Nacht, Freunde//es wird Zeit für mich zu gehn//Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Stehn." Entstand 1972, dem Jahr, in dem Deutschland erstmals Europameister wurde, und stammt von Reinhard Mey. Würde fußballerisch aber eher zu Mario Basler passen.