Louis van Gaal wird Sieger an der Taktiktafel

Elfmetertöter Tim Krul (re.) kam erst kurz vor Schluss rein und hielt dann zwei Dinger. Foto: dpa

Die Niederlande erledigt die Pflichtaufgabe Costa Rica im Schnelldurchgang: Nach sieben geschossenen Elfern ist Schluss. Weil Bondscoach van Gaal kurz vor Schluss statt eines...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Nun gibt es sie doch, die großen Duelle im WM-Halbfinale. Das vom Gastgeber erhoffte Spiel gegen Deutschland, das auch ohne Superhoffnung Neymar - an dieser Stelle gute Besserung nach Brasilien - und Abwehrchef Thiago Silva sicherlich ein Fußballfest werden wird. Und Argentinien gegen die Niederlande.

Alle vier Halbfinalisten haben in diesem Turnier noch nicht richtig überzeugt, alle vier Mannschaften sind weder dem Anspruch der Öffentlichkeit noch den Wünschen der Fans gerecht geworden. Einzig Deutschland gegen Portugal oder der Niederlande gegen Spanien gelangen im ersten Vorrundenspiel Offensivfeuerwerke.

Ein Dutzend Mal im Abseits

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Auch die Niederlande hat im Viertelfinale gegen erneut aufopferungsvoll kämpfende Defensivkünstler aus Costa Rica gezeigt, das Taktik vieles, wenn nicht alles ist. Van Gaals Devise ging voll auf, nur das Nötigste riskieren, stets nach hinten absichern, selbst gegen den Ein-Mann-Sturm Campbell bzw. später Urena. Auch wenn das in der Verlängerung einem Spielertypus wie Arjen Robben überhaupt nicht passte. Robben, ein stetiger Unruheherd, Antreiber, Vorbereiter, Außenstürmer, so viel agiler als Robin "Ich stehe eigentlich immer im Abseits oder werde von Robben angeschossen" van Persie. Und doch in das taktische Korsett eines erfolgshungrigen Louis van Gaal gezwängt, der doch so gerne als Weltmeister auf dem Chefstuhl von Manchester United Platz nehmen möchte.

Ergebnisorientierter Langweilerfußball war das teilweise, was die Niederländer, aber in den vorherigen Viertelfinals auch schon Argentinien, Brasilien oder Deutschland gezeigt haben. Erfolgreich, aber eines Weltmeisters würdig? Möchte man einen angehenden Weltmeister nicht kämpfen sehen, soll er nicht alles geben, laufen bis zum Umfallen, alle möglichen Register ziehen, die eigenen Möglichkeiten voll ausreizen und auch taktisch für jede Situation gerüstet sein.

Dreimal Aluminium

Costa Rica ist der eigentliche Sieger dieses WM-Viertelfinals, auch wenn es die sympathischen Mittelamerikaner trotz Trainerfuchs Jorge Luis Pinto nicht unter die letzten Vier geschafft haben, letztlich die konsequente Defensive viel zu spät in überraschende Angriffe umgeschaltet wurde, und das Quäntchen Glück, das gegen die Griechen bis zum letzten Schuss reichte, diesmal schon nach 120 Minuten aufgebraucht war. Pfosten, Latte und mit vereinten Kräften erneut das Quergestänge, dazu ein abermals überragender Keeper Keylor Navas - viel hat nicht gefehlt zur Sensation, aber auch ohne den Erfolg hat Costa Rica gezeigt, was möglich ist, wenn mit Leidenschaft, mit Teamspirit, mit Flexibilität, mit einem bescheidenen Arbeiter auf der Linie vieles zusammenkommt.

Immerhin eines darf sich Bondscoach Louis van Gaal auf die Fahne schreiben, was vor ihm in diesem Turnier noch keinem gelungen ist - dem Kolumbianer Pinto in förmlich letzter Sekunde ein Schnippchen zu schlagen. Indem er in der letzten Minute der Verlängerung den Sieg einwechselt. Nein, nicht einen treffsicheren Elfmeterschützen. Sondern einen abgezockten Elfmeterkiller.

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Zwei Augen zu gedrückt

Klar, es ist sehr frech, was Tim Krul macht, auf die Schützen der Ticos einzureden, ständig vor dem Tor auf und ab zu gehen und alles zu machen, was ein fairer Sportsmann auch in einer solchen Spielsituation gefälligst zu unterlassen hat. Doch Krul allein die Schuld an diesem kleinen bitteren Beigeschmack zu geben - immerhin hat der Niederländer zwei Elfer gehalten und so seinem Team das Halbfinale doch noch gesichert - wäre zu einfach. Das ansonsten meist richtig liegende Schiedsrichtergespann zeigte gegen Ende der regulären Spielzeit, aber auch in der Verlängerung Schwächen. Menschlich, dass Ravshan Irmatov aus Usbekistan erst bei Diaz' zweitem gelbwürdigen Foul beide Augen zudrückt und dann nach einer halben Tätlichkeit auch Oranje-Verteidiger Bruno Martins Indi auf dem Feld belässt. Doch es ist die Aufgabe eines Schiris, für klare Ansagen auf dem Platz zu sorgen. Ermahnen, ins Tor schicken, fertig.

Tim Krul hat der Niederlande - auf gut Deutsch gesagt - den Arsch gerettet. Doch zu sehr darf sich die Elftal nun auf diesem Pflichtsieg nicht ausruhen, will sie mehr erreichen als 2010, als im Finale Spanien eine Nummer zu groß war. Das Gute: Spanien ist schon lange nicht mehr dabei. Das Schlechte: Ein egoistischer Robben, ein Snijder, der nur bei Standards stark ist, ein abseitiger van Persie und eine dahinter eher maue Restmannschaft werden nicht reichen gegen Argentinien. Es sei denn, van Gaal greift erneut in die Taktikkiste - und überrascht alle.