Liebe ist kein Tourismus

Nicht alle Liebespaare haben derzeit die Möglichkeit, sich von Angesicht zu Angesicht zu sehen.Foto: dpa

Corona: Seit Monaten sind etliche Paare getrennt, weil einer der beiden Partner außerhalb der EU lebt. Am Samstag demonstrieren Betroffene in Frankfurt.

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. Darmstadt. Eigentlich wollte Maria Barcelo im August nach Brasilien ziehen, zu ihrem Freund. Stattdessen sitzt die junge Frau in Darmstadt fest, wo sie studiert. Schon seit Weihnachten hat sie ihren Paulo nicht mehr gesehen. Schuld daran ist Corona. Seit die EU-Außengrenzen im März geschlossen wurden, können Bürger aus Drittstaaten nicht mehr einreisen.

"Ich wollte zu Paulo nach São Paulo ziehen und dort weiter studieren. Ich war an der Uni angenommen und hatte ein Stipendium, aber das alles wurde wegen der Pandemie abgesagt", erzählt Maria. Jetzt bleibt den beiden nichts anderes übrig, als jeden Tag zu telefonieren. Das ist schon allein aufgrund der Zeitverschiebung nicht leicht.

Dieses Problem kennt auch Robin Sievers aus Eschborn im Taunus. Die 28-jährige Juristin hatte schon alle notwendigen Dokumente für die Heirat mit ihrem Verlobten Alexander zusammen. Doch dann kam Corona und machte einen Strich durch die Rechnung, denn der US-Amerikaner lebt auf Hawaii. "Seit November haben wir uns nicht mehr gesehen", sagt die junge Frau. Robin hofft, dass sich Deutschland der steigenden Zahl an Ländern anschließt, die die Einreise von Partnern mit dem sogenannten "Sweetheart"-Visum ermöglichen.

Der Partner oder auf Englisch "Sweetheart", mit dem ein EU-Bürger eine dauerhafte Beziehung hat, solle von den Einreisebeschränkungen ausgenommen werden, forderte EU-Innenkommissarin Ylva Johansson unter dem Hashtag #loveisnottourism (Liebe ist kein Tourismus).

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Einreiserecht trotz Corona-Beschränkungen für unverheiratete Menschen in einer binationalen Partnerschaft fordert auch die SPD-Bundestagsfraktion. In einem Schreiben an Innenminister Horst Seehofer heißt es, eine zunehmende Anzahl europäischer Länder habe bereits entsprechende Regeln für Drittstaatsangehörige. Auch die FDP hatte Anfang Juli ein Ende der Einreisebeschränkungen für binationale Paare gefordert. Doch bisher lehnt das Bundesinnenministerium eine Lockerung ab. "Es macht wenig Sinn, Regelungen nur in einzelnen Mitgliedstaaten umzusetzen, weil es dann sofort zu Ausweichbewegungen kommen kann", sagte ein Sprecher. Bis wann eine Lösung gefunden werden kann, ließ er offen.

Betroffen sind aber nicht nur unverheiratete Paare, sondern auch Eltern oder Großeltern, deren Kinder und Enkel. So kann zum Beispiel Robins Verlobter Alexander auch seine Mutter nicht mehr besuchen, die ebenfalls in Deutschland lebt. Und es betrifft auch nicht nur junge Menschen. "Ich bin mit einem Niederländer verlobt (Alter 77 und 70), getrennt durch die Pandemie. Wir müssen zusammen sein. Das Leben ist kurz", schreibt eine Susan Partner auf Twitter.

In den Foren auf Facebook und Twitter tauschen sich Betroffene aus. Innerhalb kurzer Zeit hat sich so eine weltweite Bewegung geformt, die fordert, dass die coronabedingten Reisebeschränkungen für Paare gelockert werden. Wie das gehen könnte, haben Dänemark, Österreich und Norwegen vorgemacht. Dort dürfen die Partner einreisen, wenn sie offiziell erklären, dass sie in einer dauerhaften Beziehung leben. Zudem müssen sie einen negativen Covid-19-Test vorlegen oder in 14-tägige Quarantäne gehen.

"Mit uns wird dagegen kein Dialog geführt", ärgert sich Michael Hess. Im Februar hatte der Gau-Algesheimer seine russische Freundin zum letzten Mal gesehen. Claudia lebt im fast 3000 Kilometer entfernten Krasnodar. Um auf die Probleme unverheirateter Paare aufmerksam zu machen, organisiert Michael eine Kundgebung, die an diesem Samstag um zwölf Uhr auf dem Frankfurter Opernplatz stattfindet. "Das Schlimmste ist die Ungewissheit, wann man sich wiedersieht", sagt er und dann erzählt er, auf welche Weise Betroffene nach Schlupflöchern suchen. "Claudia darf jetzt im August in die Türkei reisen und auch ich werde dann dahinfliegen, sodass wir uns wenigstens dort sehen können. Aber das ist mit einem Risiko verbunden, denn es gibt ja noch immer eine Reisewarnung."

Robin kennt weitere Schlupflöcher. Da gibt es zum Beispiel "webwed", eine Plattform zur Online-Heirat. "Aber man kann nicht sicher sein, ob solche Ehen anerkannt werden", sagt sie. Eine andere Möglichkeit sei Proxy-Marriage, eine Trauung per Stellvertreter, die vollzogen wird, obwohl einer der Brautleute nicht anwesend ist.

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Für Maria und Paulo sind das keine Optionen. "Ich weiß, dass sich andere Paare in anderen Ländern treffen, aber wir können uns das finanziell nicht leisten", sagt Maria. Die Studentin aus Darmstadt ist gebürtige Mallorquinerin und sie ärgert sich sehr über die deutschen Touristen, die in ihrer Heimat wilde Partys gefeiert haben. "Ich finde das so respektlos, nachdem so viele Menschen in Spanien gestorben sind. Es ist schlimm, dass die Türen innerhalb Europas für solche Art von Tourismus geöffnet sind und ich dagegen meinen Partner seit sieben Monaten nicht mehr sehen darf."