Glossen schreiben ist kein Spaß

Im vergangenen Jahr bespielte Rathauspflanzenkunst den Sockel von Hans Arps "Stundenschläger".

Auf Knopfdruck Ironie und Polemik abfeuern? Gar nicht so einfach und kann ziemlich leicht danebengehen. In der Glosse müssen wir Volontäre aber genau das umsetzen – ein...

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. Von Danielle Schwarz

Die Glosse ist das Ü-Ei des Journalisten: Übertreiben, übertreten, übertragen und überraschen sollen wir darin. Wäre sie von Schokolade ummantelt, wäre sie perfekt. Und als Volontär würde man sie dann sicherlich auch mit mehr Enthusiasmus zu Papier bringen. Nicht, dass ich die Glosse nicht mögen würde, im Gegenteil. Aber sie ist nichts anderes als ein humoristischer Kommentar – und auf Zuruf witzig zu sein, das ist nun mal kein Spaß. Ein Glück, dass es für uns zu jedem Thema ein Seminar gibt: Ob Medienrecht, Crossmedia oder eben die journalistischen Darstellungsformen – ein Referent, der im besten Falle die Schokolade als Überraschung mitbringt, ganz egal ob in Eier-, Keks- oder Tafelform, hilft uns, einen Weg durch den Wörterwald zu finden. Beim Seminar in Saarbrücken durften wir kürzlich selbst Glossen zu einem selbstgewählten Thema schreiben. War es schwierig? Ja. Habe ich Schokolade dabei gegessen? Ja. Viel. Ist es witzig geworden? Entscheiden Sie selbst.

Mehr Dada für den Sockel

Der Sockel-Leerstand auf dem Jockel-Fuchs-Platz soll ein Ende haben. Nachdem das ausgewilderte Grünzeug aus dem Rathaus seinen künstlerischen Zweck durch sein jähes weil welkes Ende erfüllt hatte, ist bei Kulturdezernentin Marianne Grosse sodann eine Vielzahl nicht minder dadaistischer Vorschläge zur Bespielung des Postaments eingegangen. Die Vertreter der heiligen Meenzer Weck-Worscht-un-Woi-Trinität melden in Kooperation mit den Handkäs-Liebhabern unter dem Arbeitstitel „Mayence en gros“ und in Anlehnung an den Psychoanalytiker Jacques Lacan ein phallisches Triptychon aus Fleischworscht, zwei Meenzern von Bäcker Werner und einem Spritzer Spundekees an. Die Mainzer Startup-Szene sieht auf dem Plateau eine Gutenberg-Büste aus Wasabi-Rote Bete-Kreuzkümmel-Kumpir-Milchreiseis-Basilikum/Erdbeer-Aufstrich, die mit ihren regionalen, saisonalen, fair gehandelten, von glücklichen Bauern produzierten, so gut es geht veganen, beim Containern geretteten Bestandteilen einen Kommentar zur Mainzer Lebensmittelphilosophie darstellen soll. Die Fastnachter der Bohnebeitel geben jedoch zu bedenken, dass „enem eschte Meenzer Soggel“ nur närrische Kunst gerecht werde. Auf dem Postament sehe man daher niemand geringeren als Oberbürgermeister Michael Ebling in rosafarbener Fastnachtskluft. Auf Büttenpapier geschrieben reichten sie den folgenden Antrag ein:

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Redd doch net, des is adrett, de Ebling is ach net zu fett, die CDU hat nix degege, steht die SPD am Jockel-Fuchs im Rege, auch Günter Beck findets famos, die Strumpfhoos is ihm nur zu groß, als Flamingokunst soll er da stehe, genau des, des wolln die Meenzer sehe, Marianne, du weißt es ganz genau, darauf ein dreifach donnerndes Helau!

Bei der Vielzahl grandioser Vorschläge lehnte Marianne Grosse den Beitrag eines gewissen Hans Arp ab, ein vermeintliches Kunstwerk mit dem Titel „Der Stundenschläger“ dauerhaft zu installieren. Es sei ihr zu wenig biomorph, zu wenig „dada“.

Indes kann Umweltdezernentin Katrin Eder die Mainzer beruhigen: Dank einer Überzahl ungefragter Ratschläge älterer Damen auf dem Wochenmarkt ist ihr in einer dreistündigen Rettungsaktion die Wiederbelebung eines halbvertrockneten Ficus aus der künstlerischen Erstlingsgestaltung gelungen. Das traumatisierte Rathausgrün darf nun, frei von künstlerischer Inanspruchnahme und umsorgt von den lokalen Urban Gardenern, seinen Lebensabend zwischen Alraune und Fetthenne im Gartenfeld verbringen.