Für eine Handvoll Zeilen

Multitasking ist für Volontärin Silvia Bielert kein Problem

Große Politiker müssen sich ihr stellen, Volontäre ziehen ihre eigene schonungslos einfach selbst: Die 100-Tage-Bilanz. Auch hierbei gilt natürlich der Pressecodex einer...

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. Ein lustiges Spiel der Journalisten ist es, hundert Tage, nachdem ein sehr wichtiger Mensch ein Amt übernommen hat, Bilanz zu ziehen. Warum das so ist? Nun, Journalisten wollen wohl nachschauen, ob etwa die Kanzlerin gleich nach Amtseinführung fleißig war oder ihren Hintern auf dem Chefsessel parkte. Das Volk muss schließlich wissen, ob seine Steuern gut angelegt sind.

Aber auch die Politik selbst zieht gern mal Bilanz. Meist geht es dann darum, "selbstkritisch" zu zeigen, was in so kurzer Zeit an Großartigem erreicht wurde. Wie viele Gegner man aus dem Amt gejagt, wie viele oppositionelle Highlights man gesetzt, wie viele hochtrabende politische Forderungen man gestellt hat, die man dem Gegner zuletzt noch um die Ohren gepfiffen hatte.

Schonfrist? Gab es die überhaupt?

Ich bin nun seit hundert Tagen Volontärin beim Wiesbadener Kurier. Bisher hat mir noch niemand damit gedroht, meine Zeit hier im Haus zu bilanzieren. Und weil ich weiß, dass Journalisten ganz schön unbequem sein können, finde ich das in diesem Fall sogar gut. Meine Schonfrist ist jetzt allerdings vorbei, wenn es überhaupt je eine gegeben hat. Warum also nicht eine eigene 100-Tage-Bilanz aufmachen? Natürlich bemühe ich mich im Folgenden redlich um objektive und wahrheitsgemäße Darstellung:

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Ich verfolgte live, wie Ärzte dem Gesundheitsminister den Marsch bliesen, kraxelte todesmutig und ohne Gefahrenzulage auf das höchste Gebäude der Stadt und versuchte, mit Vogelspinnen und Skorpionen in den Urlaub zu fahren. Ich absolvierte die Tour d'Aar und zerbrach mir den Kopf darüber, was Männer an Sportlerinnen wohl faszinieren mag. Ich suchte Menschen, die sich bis zu ihrem 32. Lebensjahr mit 67 Kusspartner beschäftigten und lief Gefahr, von Kruschels kleinsten Fans überrannt zu werden. Ich beschäftigte mich trotz meiner postpubertären Phase "tiefporend" mit Pickeln, traf einen Mann, der ehrlich eine Meise hat und suchte hitzeresistente Helden in Uniform. Ich lief davon beim Marathon (Ja das reimt sich, ist Absicht!) und erkannte, dass Interviews in der Fußgängerzone einer Hatz recht nahe kommen, wenn man die falsche Frage stellt. Selbst den Schlimmsten Anzunehmenden Umstand (SAU) habe ich in den heiligen Räumen des Wiesbadener Pressehauses hinter mich gebracht. Ich wurde zum zweiten Mal 29. (Bitte, kein Mitleid! Tröstende Worte hat ja noch nicht mal der Chef gefunden.)

Noch Fragen?

Ergebnis: Meine Bilanz sieht doch gar nicht so schlecht aus - so ganz objektiv betrachtet. Was tut man nicht alles für eine Handvoll Zeilen? Trotzdem hatte ich immer zwei äußerst hartnäckige Begleiter: Versuch und Irrtum. Doch weil nur der, der nichts macht, nicht nur nichts lernt, sondern auch nichts falsch machen kann, wird nur der, der was macht, nicht nur viel lernen, sondern auch mal was unrichtig machen. Nichts machen, macht zwar nichts, ist aber trotzdem falsch. Alles klar?

Silvia Bielert