Elternzeit 1990: Intensive Zeit mit der Tochter

Peter Wilhelm (58), Redakteur,  seit 37 Jahren bei der VRM und Vater einer inzwischen 27-jährigen Tochter, hat 1990 für drei Monate Elternzeit genommen.    Foto:

Herr Wilhelm, wie haben Sie die Elternzeit zwischen Ihrer Partnerin und sich selbst aufgeteilt?Nach ein paar schlaflosen Nächten und ebenso vielen vollgekritzelten...

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. Herr Wilhelm, wie haben Sie die Elternzeit zwischen Ihrer Partnerin und sich selbst aufgeteilt?

Nach ein paar schlaflosen Nächten und ebenso vielen vollgekritzelten Zahlenkolonnen blieben für mich aus finanziellen Gründen gerade einmal drei Monate übrig.

Was waren Ihre Beweggründe?

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Da muss ich vor allem allen deutschen Talk-Shows ein besonders herzliches Dankeschön sagen. Da hieß es immer wieder: „Ich habe meine Kinder nur leider nicht aufwachsen gesehen, das hat alles meine Frau gemacht.“ Nein, nein und dreimal Nein. DAS wollte ich auf keinen Fall!

Wie waren die Reaktionen im Umfeld (Vorgesetzte/Kollegen/Familie/Freunde)?

Grundsätzlich wären wohl Fahrrad fahrende Fische weniger auffallend und verwirrend gewesen: Selbst im engeren Familienkreis war das Kopfschütteln und/oder das komplette Unverständnis deutlich, wenn auch meist vor allem von blanker Unkenntnis gespeist. Die Kommentare reichten bis zu solchen, die heute verächtlich „Frauenversteher“ lauten würden – ein Begriff, den es damals indessen noch nicht gab... Immerhin: Meine Chefs reagierten neutral bis gelassen. Tiefer ins Mark traf es meinen Arbeitgeber, der so perplex war (war ich womöglich der erste Mann, der in dem damals rund 1000-Mitarbeiter großen Unternehmen Elternzeit machen wollte?), dass er einfach mein Gehalt weiterzahlte. Später erklärte er mir, er wolle das mit Urlaubs- und Weihnachtsgeld verrechnen. Gute Idee! Genau das hatte ich mir als finanzielle Überbrückungsmöglickeit vorgestellt – aber mich nicht zu fragen getraut. Deshalb noch heute an meinen Arbeitgeber: DANKE!

Wie haben Ihre Partnerin und Sie sich die Erziehung nach der Elternzeit aufgeteilt?

Es hat sich natürlich über alle Maßen gelohnt. In der Erziehung blieben wir jedenfalls so dicht es eben ging dabei: Nach meiner Elternzeit setzte meine Frau ihr Studium für die weitere Betreuung aus und wechselte später gar die Stelle, um als Erzieherin in einem Kindergarten anzufangen, wohin sie unsere Tochter mitnehmen konnte. Ich habe Jahre später eine ausgesprochen zeitintensive (und besser bezahlte) Stelle freiwillig aufgegeben, auch um mehr Zeit für meine Tochter zu haben. (Sie ist inzwischen eine 27 Jahre alte Studentin und wohnt – vermutlich zwecks weiterer Erziehung – noch immer im Haus ihrer Eltern.)

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Was hat Ihnen an Ihrer Elternzeit besonders gut gefallen, was weniger? Würden Sie sie wieder so machen?

Als hätte ich es geahnt: Unsere Tochter kam als Frühchen mit rund 1500 Gramm auf die Welt und war zunächst einmal ein ganz besonderer Pflegefall mit speziellem Betreuungsbedarf: So wurde ich plötzlich für gut sechs Wochen zum rollenden Milchmann: Sechsmal am Tag (und Nacht) durfte ich mich mit gut 20 Milliliter Muttermilch auf den rund 30 Kilometer langen Weg zur Klinik machen, um für die bestmögliche Versorgung des „Handvoll Kind“ zu sorgen.

Ich jedenfalls glaube fest, dass diese Zeit ein besonders inniges Band zu meiner Tochter geschmiedet hat, ebenso wie die ersten Wochen zuhause. Ganz abgesehen davon, dass für uns Eltern Sorgen und Nöte so eng zu zweit leichter zu verkraften waren. Im Rückblick bedaure ich lediglich, nicht länger in Elternzeit gegangen zu sein