Eine muss es ja machen

Julija Tymoschenko - eine muss es ja machen... Archivfoto: dpa

Ein Woche-Übergangsnachfolger in Urlaubstagen ist gefunden. Dabei wie überhaupt gilt: Ob auf der Autobahn oder in der Liebe - im Leben ist alles eine Frage des sauberen Timings.

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. Einer muss es ja machen.

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Das wird sich vermutlich auch der bislang eher unbekannte Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Torsten Albig, gedacht haben, als er zur sofortigen Rettung der angeblich gefährlich maroden Infrastruktur einen "Schlagloch-Soli" forderte. Lieber Herr Albig, dazu ist ja schon viel gesagt worden. Deswegen von uns nur noch Folgendes: Wie so vieles im Leben sind auch solche Versuche, Schlagzeilen zu machen, vor allem eine Frage des sauberen Timings.

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Sie fragen sich, verehrter Herr Ministerpräsident, vielleicht, wie wir das meinen. Nun, wenn zeitgleich zu Ihrem Vorschlag Verkehrsminister Dobrindt an der Pkw-Maut tüftelt und Finanzminister Schäuble mal wieder Steuereinnahmen auf Rekordniveau vermeldet, dann kommt der Ruf nach einer weiteren Abgabe schon ziemlich schräg rüber. Wir verleihen Ihnen daher hiermit auf Probe den Ehrentitel "Abzock-Albig".

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Ob diese Bezeichnung dauerhaft Eingang in das Vokabular dieser Kolumne findet, wird die Redaktion wie die SPD ganz demokratisch regeln: Einer sagt basta. Also Kollege Breidenbach, sobald er wieder im Dienst ist.

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Die Kollegen von "Spiegel Online" hat der eiskalte Soli-Konter aus dem hohen Norden zu kreativen Höhenflügen inspiriert. Als Prototyp eines neuen Formats - des gesungenen Tageskommentars - hat der weithin bekannte Berliner Musiker Tammo Sachs Albigs Abzock-Attacke zum "Schlagloch-Blues" verarbeitet.

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Wir finden: Das ist ausbaufähig. Unter dem Motto "Gesungenes Leid ist halbes Leid" hätten wir noch ein paar Vorschläge. Erstens: "Renten-Roulette", gewidmet Andrea Nahles, dargeboten von den Vereinigten Mitarbeiterchören der Spielbanken Wiesbaden und Mainz. Zweitens: "Kein Plan auf der Autobahn". Gewidmet allen Politikern, die nach wie vor parteiübergreifend den Ausbau schneller Datenleitungen verschnarchen, dargeboten von der Interessengemeinschaft "ISDN muss weiterleben!". Und drittens: "Wind of Change" im "Extended Ukrainian Remix", gewidmet uns allen. Dargeboten von - nein, nicht den Scorpions, das trauen noch nicht mal die sich. Nein, kein Geringerer als Wladimir Putin, der größte Demokrat aller Zeiten (GröDaZ), erklärt uns in diesen Tagen, woher mal wieder der Wind der Geschichte weht.

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Als GröDaZ hat Putin einen ziemlichen Lauf im Moment: Krim eingesackt, Ukraine kurz vor dem Zerfall, Obama malt wie manisch rote Linien, die außer ihm keiner ernst nimmt - für so was verehren die Russen ihren Chef. Aber ist das alles imLeben? In der maliziös lächelnden GröDaZ-Gesichtsfassade taten sich kürzlich unübersehbare Risse auf: Sein Volk mag ihn lieben, aber Putin fehlt die wahre, einzige Liebe.

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Wie sonst wär die einfach nur herzzerreißende Antwort des GröDaZ auf die Frage zu erklären, wann es denn wieder eine russische First Lady gebe? Erst einmal müsse er sich darum kümmern, dass seine Ex-Frau nicht allein bleibe. Erst danach könne er an sich denken.

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So viel Fürsorglichkeit lässt selbst kampferprobten Veteraninnen der Geschlechter- und sonstiger Kriege ein Lächeln ins Gesicht rutschen. Und genau deshalb könnte dem GröDaZ jetzt ein kritischer Fehler unterlaufen sein.

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Nach härtesten Recherchen, über deren Umstände wir hier schweigen müssen, können wir nämlich vermelden, dass auch Julija Tymoschenko gelächelt hat. Sie wissen schon, das ist die ukrainische Ausgabe von Johanna von Orleans, die dem GröDaZ noch bis vor Kurzem mit der Maschinenpistole ein bisschen Wind of Change...

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Vorbei, vorbei. Gemäß Berichten aus gewöhnlich schlecht unterrichteten Kreisen haben sich die beiden bereits getroffen. Und dabei entspann sich ein Dialog von unfassbarer Tiefe. Er: "Julija, mir gehört ja jetzt die Krim. Also, sie gehörte mir ja schon immer. Aber jetzt so richtig, mit Fahnen und Soldaten und so." Sie: "Und wie lange willst du deine neue Lieblingshalbinsel über See versorgen müssen?" Er: "Ja, ganz schön blöd, so ohne Landverbindung nach Russland. Und eine Brücke über See ist so teuer. Wenn die Merkel meinGas nicht mehr bezahlt, kann ich mir die eh nicht mehr leisten."

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Und an diesem Punkt trafen sich dann ihre Augen. Sie: "Mein armer, kleiner GröDaz. Ich werde dir und deinen Leuten immer Transit-Visa besorgen. Das ganze Panzergerassel, das muss doch nicht ein." Er: "Danke, meine Julija. Dafür dürft ihr dann weiter souveräner Staat spielen." Ende gut? Wir werden sehen. Experten aus führenden Talk-Shows halten es allerdings jetzt schon für möglich, dass dieses Szenario als "Dnjepr-Liebe" in die Geschichte eingehen wird.

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Eine muss es ja machen.

Heute - urlaubsbedingt - von Lars Hennemann