Breidenbachs Woche: Wohin neigt sich die Raute?

Die Raute. Foto: dpa

Viel Episches, diese Woche. Und dann auch noch Gauland. Gebrochen hat er mal wieder, alle Regeln des Anstands. Man könnte von gebrochenem Deutsch reden, von Herrenmenschen-Deutsch.

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. Aydan Özoguz, Merkels Staatsministerin für Integration, könne „in Anatolien entsorgt“ werden, hat Gauland erklärt. Herrenmenschen-Deutsch. Nun, Aydan Özoguz ist in Hamburg geboren, hat die deutsche Staatsbürgerschaft, studierte Anglistik und legte ein Magisterexamen ab. Das heißt, Erdogan würde sie gar nicht reinlassen nach Anatolien. Irgendwie erinnert uns die Szenerie an einen alten „Schimanski“-Tatort. Schimanski trifft sich morgens um 6 in Duisburg aus dienstlichen Gründen mit einem deutschen Zuhälter in einer leeren Bar. Nur die Reinemachefrau ist da. Der Zuhälter geht auf sie zu, und weil sie ein Kopftuch trägt, sagt er: „Du jetzt hier nix putzen, du weggehen.“ Die Frau schaut zu Schimanski, deutet mit dem Kopf auf den Zuhälter und sagt akzentfrei: „Das Arschloch kann noch nicht mal richtig Deutsch.“

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Die Schlussfolgerung, wir würden Gauland mit einem Zuhälter vergleichen, weisen wir zurück. Das ist er sicherlich nicht. Wir trafen ihn kürzlich zum Interview in Bad Dürkheim. Unter vier Augen. Er hatte sechs Stunden Autofahrt hinter sich, aber: diszipliniert bis in die Knochen. Aber, so der Eindruck, auch reaktionär bis in die Knochen. Verärgert reagierte er auf die Frage, warum er damals sagte, niemand wolle Jérome Boateng zum Nachbarn, und auf unseren Hinweis, nun sei ja noch ein Boateng, Jéromes Halbbruder Kevin-Prince Boateng, wieder in Deutschland, raunzte Herr Gauland: „Ich kenne Herrn Boateng nicht.“ Äußerungen dahingehend, die Boatengs sollten im Herkunftsland ihres Vaters, Ghana, entsorgt werden, hat sich Gauland bislang verkniffen. Das ist auch gut so. Gerade Kevin-Prince Boateng gilt als völlig humorlos gegenüber Widersachern.

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Die armen Leute in Texas. Verwüstungen ohne Ende. Dann denken sie, sie haben das Schlimmste vielleicht überstanden – und dann kommt er doch, der amerikanische Präsident Donald Trump. Er besuchte die Stadt Corpus Christi, er wandelte nicht übers Wasser, verwandelte es auch nicht in Wein, aber zumindest sprach er Worte für die Ewigkeit: „Es ist historisch, es ist episch.“ Jau. Wir entnehmen der Internetseite „wortwuchs.net“, dass „episch“ in der Jugendsprache mitunter in der Bedeutung „geil, unglaublich, super“ verwendet wird. Also gut, ein epischer Präsident, quasi. Und dann sagte er noch: „Texas wird mit allem fertig.“ Wir sagen: mit dem Tropensturm Harvey vielleicht. Aber mit Trump?

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Unser aller Kanzlerin trat in Berlin wieder einmal vor die Weltpresse. In Fachkreisen wird das laut böser Zungen auch „Sommer-Rauten-Fest“ genannt. Sie sagte aufreizende Dinge. Zum Beispiel: „Wir stehen vor großen Herausforderungen.“ Und: „Schauen Sie, ich übe mein Amt mit Freude aus.“ Da ist die Reihenfolge jetzt äußerst wichtig. Man stelle sich vor, sie hätte gesagt: „Ich übe mein Amt mit Freude aus. Wir stehen (also) vor großen Herausforderungen.“

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Im Übrigen wird es immer verrückter mit der Diesel-Sache. Früher gab es Hexen-Verbrennungen, heute gibt es Diesel-Verbrennungen. So weit ist es schon gekommen. Lästermäuler behaupten zudem, Diesel werde aus der gemeinen Diesel-Raute gewonnen, einer hässlichen Schwester der domestizierten Seiden-Raupe. Letztere häutet sich, entnehmen wir Wikipedia, viermal und neigt farblich nach der ersten Häutung teils ins Gelbliche. Wohin sich die Raute neigt, nach dem 24. September, werden wir sehen.