Besser als Disneyland?

Stoßzeit: Ein Großraumflugzeug nach dem anderen rollt zur Startbahn. Foto: Marta Thor

Natürlich darf ein Journalist beglückt von einem Termin heimfahren. Dort muss er sich dann aber fragen: Habe ich mich blenden lassen? So ging es wohl manchem von uns, als wir...

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. Von Jonas Hermann

Dorthin geführt hatte uns das Jobtraining: Unter diesem Namen laufen die Weiterbildungsmaßnahmen für uns Volontäre der Rhein Main Presse. Dabei besuchen wir auch die größten Unternehmen der Region. Kaffeefahrten sind das keine, denn jeder Volontär wird früher oder später über eines dieser Unternehmen schreiben. Gut schreibt man über die Dinge, bei denen man auf Ballhöhe ist – und das funktioniert immer am besten, wenn man mal dort war. Nebeneffekt: Mancher schreibt nach so einem Besuch vielleicht etwas wohlwollender.

Das weiß man auch bei der Fraport AG, der Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens. Grund genug, uns dort den roten Teppich unter die Füße zu schieben. Fünf Fraport-Mitarbeiter empfangen uns zu einer Flughafenführung, wie sie spektakulärer kaum sein könnte. In schreiend gelb-grüne Warnwesten gepackt geht es aufs Vorfeld. Etwa 25 Meter vor uns rollen die Flieger zur Startbahn – Kerosingeruch, vielstimmiges Triebwerksurren, Fernwehanfälle. Ein Riesenwummer folgt dem nächsten: Boeing 747, Airbus A380. Auch der Siegerflieger rollt vorbei – eine Boeing 747, die damals die WM-Mannschaft heim flog und noch immer den entsprechenden Schriftzug über die Kontinente trägt.

„Das ist nicht Disneyland hier“, sagt jemand während der Führung mit mahnendem Unterton. Stimmt: Für Luftfahrt-Aficionados ist es besser als Disneyland, für alle Anderen zumindest lehrreicher. Journalistisch interessant wird es, als wir dem fauchenden Start einer Maschine von Lufthansa Cargo beiwohnen. Die McDonnell Douglas MD-11 der Lufthansa Cargo gelten in der Branche als hoffnungslos veraltet. Sie sind ungewöhnlich laut und deshalb kostspielig. Die Lande- und Startgebühren der Fraport bemessen sich auch nach der Lautstärke des Fluggeräts.

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Lärmschutz und Hauskauf

Und was bringt es den Fluglärmgeplagten, wenn Fraport mehr Geld für die Lärmschleudern kassiert? Einiges, denn Fraport finanziert nicht nur Lärmschutzmaßnahmen in den Gemeinden, die nahe am Flughafen liegen, sondern kauft auch den Menschen ihre Häuser ab, die mit dem Umzugswagen vor dem Fluglärm fliehen. Angeblich sogar zu dem Preis, den das Haus ohne das Fluglärmumfeld erzielen würde.

Das Triebwerksdröhnen ist heute leiser als früher (technischer Fortschritt), doch der Takt hat sich deutlich erhöht. Damals saßen vor allem Geschäftsleute und Betuchte regelmäßig im Flieger, heute düst Lieschen Müller für ein Party-Wochenende nach Mailand – und Herta Müller zum Weihnachtsshopping nach New York. Wegen der Zunahme des Flugverkehrs hat Fraport keinen leichten Stand. Die Fluglärmgegner fordern nicht weniger als eine drastische Verkleinerung des Frankfurter Flughafens. Fraport will ihn aber ausbauen – und hat mit dem Spatenstich für ein drittes Terminal kürzlich Fakten geschaffen.

Die Fluglärmgegner sind einer der Gründe, weshalb sich in der Pressestelle von Fraport niemand einen schlanken Fuß machen kann. Dieter Hulick (groß, Brille, akkurates Äußeres) ist einer der Pressesprecher dort. Mit Powerpoint-Präse und ruhiger Stimme erklärt er die Kommunikationsstrategie von Fraport. Mitunter ist Kommunikationsstrategie eine Worthülse, doch in der Fraport-Pressestelle beschreibt der Begriff exakt das, was dort geschieht. Alles ist durchdacht, für Notfallszenarien liegen Organisationspläne bereit und öffentlichkeitsgeile Pressearbeit gilt als Sakrileg.

Jemand ruft bei Fraport an, weil er vermeintlich Kerosin in der Frankfurter Innenstadt riecht? Dieter Hulick und seine Leute gehen der Sache ernsthaft nach, schalten Experten ein und melden sich dann wieder bei dem Anrufer.

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Eine große Zeitung behauptet, dass man durch ein Loch im Zaun ungehindert aufs Flughafengelände gelangen könnte? Wird geprüft, als Unsinn enttarnt und rasch mit einer Pressemitteilung gekontert. Juristische Schritte gegen die Zeitung ergreifen? „Nein, man will ja kein schlechtes Verhältnis“, sagt Hulick. Mit seiner unaufdringlich-sachlichen Art rückt er den Flughafen in ein warmes Licht. Es wäre eine gute Übung in puncto Selbstdisziplin, seinem Vortrag zu lauschen und dabei keinerlei Sympathien für den Flughafen zuzulassen.

Famose Vorfeldführung und ein brillanter Vortrag über die Pressearbeit des Flughafens, der zu einem Grundkurs über modernes PR-Handwerk geriet: Besser kann ein Jobtraining nicht sein. Und haben wir uns davon nun blenden lassen? Eher nicht, wie kritische Nachgespräche am Folgetag belegen. Aber geblinzelt, geblinzelt haben wir schon ein wenig.