„Beginn der Ehrlichkeit“? – Bistum arbeitet Missbrauch auf

Die Sonne geht hinter dem Limburger Dom unter. Fast ein Jahr lang wurde der Umgang mit sexuellem Missbrauch im Bistum aufgearbeitet. Foto: dpa

Eine Analyse des Umgangs mit sexuellem Missbrauch im Bistum Limburg ist jetzt in Frankfurt vorgestellt worden. Ein Ergebnis: Frauen sollen in der Kirche mehr Einfluss bekommen.

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LIMBURG/FRANKFURT. - Eine Fachstelle für sexualisierte Gewalt und eine Ombudsstelle für Betroffene zählen zu den Vorschlägen, wie künftig im Bistum Limburg sexuelle Übergriffe und Missbrauch verhindert werden sollen. Mehr als 60 Maßnahmen schlagen Wissenschaftler, Kirchenvertreter und Betroffenen vor, die fast ein Jahr den Umgang mit sexuellem Missbrauch im Bistum analysierten. Am Samstag wurden die Ergebnisse des Projekts "Betroffene hören - Missbrauch verhindern" in der Frankfurter Paulskirche an Bischof Georg Bätzing und Ingeborg Schillai, Präsidentin der Limburger Diözesanversammlung, übergeben. Bätzing und Schillai waren die Auftraggeber des in neun Teilprojekte unterteilten Unternehmens.

Im Auftrag des Bistums hatten seit September 70 Fachleute Konsequenzen aus der Missbrauchsstudie der katholischen Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2018 erörtert. Sie hörten Betroffene an, sichteten Personalakten und erarbeiteten insgesamt 61 Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch.

Bätzing stellt Pläne vor

Schillai sprach am Samstag von einem "Beginn der Ehrlichkeit", nannte aber auch die Grenzen des Projekts: "Es wird nicht alles gut durch ein solches Projekt." Es mache keinen Missbrauch ungeschehen. "Wir werden die Maßnahmen umsetzen", versprach Bätzing. "Das schulden wir den Betroffenen."

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Die Pläne dafür stellte Bischof Georg Bätzing vor. Er werde vorerst für drei Jahre eine unabhängige diözesane Kommission berufen, verkündete er. Zwei der sieben Mitglieder würden von den 70 aus den Reihen der im Projekt beteiligten Externen gewählt, zwei würden vom Diözesansynodalrat bestimmt, zwei sollten aus dem Kreis der Betroffenen stammen und eine Person werde von ihm benannt. Um die Maßnahmen zu koordinieren und zu forcieren, werde er eine oder einen Bischöflichen Beauftragten berufen. Wenn auch nicht bei jeder Maßnahme die Umsetzung im Wortlaut möglich sei, dann doch dem Geiste nach, versprach er. "Wir werden auch als Bistum ehrlich sein: Wir werden benennen, was war", sagte der Bischof. "Und wir werden klar benennen, was wir tun werden. Wir werden Rechenschaft ablegen."

"Unbeschreiblich großes Maß an Elend und Leid"

Martin Schmitz, Sprecher der Missbrauchsopfer, berichtete zu Beginn, wie er als zehnjähriger Messdiener von einem Kaplan missbraucht worden war und unzählige Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung über sich hatte ergehen lassen müssen. Das habe sein ganzes Leben geprägt und vieles zerstört, sagte er. Wie groß sein Leid war, machten eindrücklich ein paar von ihm als Kind geschriebene Zeilen deutlich, die er vortrug. "Weil das Projekt eine Chance verdient hatte", habe er trotz anfänglicher Skepsis mitgearbeitet. Als Kritikpunkt nannte er, dass die Frage nach generellen Reformen in der Kirche die eigentliche Aufgabe, das Verhindern und Aufarbeiten sexuellen Missbrauchs, mitunter überlagert habe.

Die aus der Sicht vieler von Missbrauch Betroffener gewünschte öffentliche Nennung der Täter und Vertuscher könne es aus juristischen Gründen nicht geben, sagte der Jurist Josef Bill zur Aufklärung von 46 erfassten Missbrauchsfällen. Die Klarnamen der Kleriker könnten nur dem Bischof als Auftraggeber des Projekts genannt werden.

"Wir haben bei unseren Untersuchungen ein unbeschreiblich großes Maß an Elend und Leid der oft schwer traumatisiert zurückgelassenen Betroffenen feststellen müssen", sagte Bill und kritisierte das "Ausmaß fehlender Sensibilität und Ignoranz" der Personalverantwortlichen der Kirche, die immer wieder Priester nach sexuellem Missbrauch von Kindern oder Jugendlichen in andere Gemeinden versetzten, statt sie auch juristisch zur Verantwortung zu ziehen. Es habe lange gedauert, bis die Kirche damit angefangen habe, die Betroffenen deutlicher ins Blickfeld zu rücken. "Hier besteht ein gesteigerter Aufarbeitungsbedarf", sagte Bill.

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Kultur des Verschweigens soll durchbrochen werden

Nach den Worten der externen Beobachterin, der Wiesbadener Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller, hat das interdisziplinär und geschlechterparitätisch zusammengesetzte Projekt den "Aufbruch" begonnen und der harten Kultur des Verschweigens im Bistum Limburg seine Arbeitsergebnisse entgegengesetzt. In allen neun Teilprojekten seien Ergebnisse vorgelegt worden, die geeignet seien, "die autoritär klerikalen Strukturen der katholischen Kirche anzukratzen und zu verändern und das männerdominierte System gegen missbrauchsfördernde Strukturen zu immunisieren, da sie mit der Hilfe externer Expertise entwickelt wurden und sich das Bistum geöffnet hat."

Als im Implementierungskonzept enthaltene Instrumente für zukünftige Veränderungen nannte Burgsmüller unter anderem ein einzuführendes Beschwerdemanagement, verbunden mit einer Disziplinarordnung für Kleriker. Außerdem regte sie eine Gleichstellungsordnung, die ermöglichen solle, dass Frauen künftig in der Kirche und ihren Gremien mehr Einfluss ausüben könnten. Das Bistum solle sich außerdem zum Ziel setzen, die Kommunikation mit den Betroffenen "umzukehren", forderte sie. Weiterhin schlug sie die Errichtung einer Fachstelle für sexualisierte Gewalt, einer Stelle "Fachkraft für Kommunikation" und einer Ombudsstelle zur Stärkung von Kinderrechten vor.

Scharfe Kritik an der Zusammenarbeit mit den Betroffenen übte die Psychologiestudentin Lisa Scharnagel, die von einem schweren sexuellen Übergriff an einer katholischen Schule im Bistum Limburg, berichtete. Die Diskrepanz zwischen der "wirklich tollen Idee" des Projekts und dem tatsächlichen Umgang mit aktuell Betroffenen mache sie wütend. Missbrauchsopfer seien nur dazu dagewesen, "ein paar Gefühle und Emotionen einzubringen". Deren Rolle als Experten für Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt sei nicht ernstgenommen worden, und sie selbst sei als "zu jung und zu schwierig" abgekanzelt worden. "Hört auf zu glauben, dass das, worüber wir hier reden, in der Vergangenheit liegt", sagte Scharnagel.

Von dpa