„Zeitenwende” ist das Wort des Jahres

Andrea-Eva Ewels ist Geschäftsführerin der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden hat jetzt das Ranking der zehn wichtigsten Begriffe für 2022 bekannt gegeben - vom „Doppel-Wumms” bis zu den „Klimaklebern”

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Wiesbaden. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden hat „Zeitenwende” zum „Wort des Jahres” gewählt. Aus Sicht der Sprachwissenschaftler spiegelt sich darin sowohl der Ukraine-Krieg und die Klimadebatte als auch die Energiekrise wider. „Wenn Sie in zehn Jahren zurückschauen und dann dieses Wort hören, werden Sie feststellen, dass alles in diesem Begriff zusammengefasst ist,“ erläutert Peter Schlobinski, Vorsitzender der GfdS, bei der Bekanntgabe in Wiesbaden. Die GfdS kürt das „Wort des Jahres“ seit 1977 durchgehend. Der jeweilige Begriff lässt das Jahr Revue passieren und soll vor allem rückblickend gesehen den Zeitgeist abbilden.

Auch ein Zitat von Bundeskanzler Scholz zum Ukraine-Krieg

Von allen Zusendungen in diesem Jahr sei die „Zeitenwende“ am häufigsten genannt worden, erläutert GfdS-Geschäftsführerin Andrea-Eva Ewels. Über 2000 Einsendungen hat es diesmal gegeben, auch die GfdS selbst sammelte markante Begriffe. Die Jury arbeitet sich bei der Entscheidungsfindung durch lange Listen vorwärts: Auf der ersten standen 120 Wörter zu relevanten Themenkomplexen, zuletzt waren es 15, dann zehn, über die schließlich für den jeweiligen Platz im Ranking diskutiert wurde. Für „Zeitenwende“ auf dem ersten Platz habe es einen breiten Konsens in der Jury gegeben, so Schlobinski. Dabei sei das „ein ganz einfaches, bekanntes deutsches Wort“, so Schlobinski. Als Übergang in eine neue Ära habe es zuerst Bundeskanzler Olaf Scholz verwendet: Der russische Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 markiere eine „Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinentes“. Bundespräsident Steinmeier sprach in dem Zusammenhang von einem „Epochenbruch“

Auf dem zweiten Platz landet ein Wort, das in Ableitung eines Romantitels von Tolstoi direkt Bezug auf den Krieg in der Ukraine nimmt: „Krieg um Frieden“. Eine Wortkombination, die laut GfdS zunächst widersinnig anmute. Hier gehe es darum, Kriegsmittel einzusetzen, um Frieden zu erlangen. Auch in politischen Parteien mit pazifistischer Tradition verbreite sich die Ansicht, dass die Ukraine mit Waffen unterstützt werden.

  1. Zeitenwende

  2. Krieg um Frieden

  3. Gaspreisbremse

  4. Inflationsschmerz

  5. Klimakleber

  6. Doppel-Wumms

  7. Neue Normalität

  8. 9-Euro-Ticket

  9. Glühwein-WM

  10. Waschlappentipps

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Die „Gaspreisbremse“ belegt den dritten Platz in der Zehner-Liste der GfdS. Mit diesem Instrument, auch Gaspreisdeckel genannt, versuche die Bundesregierung auf die eklatanten Preissteigerungen in vielen Lebensbereichen zu reagieren. „Inflationsschmerz“ kommt auf den vierten Rang. „Inflation ist ja ein seit langem bekanntes Wort, aber das, was es jetzt bewirkt, ist die persönliche Betroffenheit vieler Menschen“, erläutert GfdS-Geschäftsführerin Ewels. Die Wortbildung geht auf die Teuerung zurück, die große Teile der Bevölkerung in der schwersten Krise seit 50 Jahren hart trifft. „Wenn Sie die ersten vier Begriffe im Ranking lesen, dann hängt alles miteinander zusammen“, so Schlobinski.

Platz fünf bezieht sich auf die öffentlich sehr kontrovers diskutierten Aktionen der Klima-Protestgruppe „Letzte Generation“, die jetzt wieder in München den Flughafen behinderten: „Klimakleber“. Auf Bundeskanzler Scholz geht auch der Platz sechs des Rankings zurück: Die comichafte Wortkreation „Doppel-Wumms“ meint neben der Gaspreisbremse auch die Strompreisbremse. Dazu die Erläuterung der GfdS: „Die kraftbetonte Bild- und Lautlichkeit, erkennbar dazu gedacht, möglichst große Bevölkerungskreise anzusprechen, empfanden manche eher als unangemessen flapsig“.

In einer Fußball-Nation wie Deutschland wollten wir auch auf aktuelle Weltmeisterschaft in Katar eingehen.

Andrea-Eva Ewels Geschäftsführerin, Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden

Nachdem sich das „Wort des Jahres“ in den vergangenen zwei Jahren auf Corona bezogen hatte – „Corona-Pandemie“ 2020 und „Wellenbrecher“ 2021 – landet diesmal ein Begriff im Zusammenhang mit Covid auf dem siebten Platz: Die „neue Normalität“. „Das ist von den beiden Kontrasten neu und normal her sprachlich interessant und umschreibt gleichzeitig den geübten Umgang mit Maskenpflicht und Abstandsregelungen“, so Schlobinski.

Die „Waschlappentipps” kamen von Winfried Kretschmann

Auf Platz acht kommt ein Wort, das laut Andrea-Eva Ewels im vergangenen Sommer für viele Pendler sehr wichtig war: Das hoch subventionierte „9-Euro-Ticket“ machte den öffentlichen Personennahverkehr attraktiv. Lange diskutiert habe man über einen Begriff zum Thema Sport: „In einer Fußball-Nation wie Deutschland wollten wir aber auch auf aktuelle Weltmeisterschaft in Katar eingehen“, so die Geschäftsführerin der GfdS. Hier entschied man sich schließlich für die „Glühwein-WM“, um auch später deutlich zu machen, dass sie 2022 im Winter stattgefunden hat. Aus Sicht vieler deutscher Fußballfans würden Public Viewing und Weihnachtsmarkt nicht zusammenpassen.

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Platz zehn hat „eine humorvolle Komponente“, meint Sprachwissenschaftler Peter Schlobinski: Die kuriose Wortfindung „Waschlappentipps“ bezieht sich auf die Empfehlungen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann, wie man Energie sparen kann. Man müsse ja nicht immer duschen, so Kretschmann seinerzeit: „Auch der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung.“