Alsfeld: DHL sticht Amazon im Kampf um den Standort aus

Alsfelder Stadtpolitik entscheidet sich für die DHL und gegen Amazon. Foto: Jan Woitas/dpa

Stadtverordnete stimmen mehrheitlich dem Verkauf an DHL-Express zu. Das Unternehmen möchte in Alsfeld ihren neuen Deutschland-Hub errichten. Amazon geht leer aus.

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ALSFELD. Der neue Deutschland-Hub von DHL-Express kann kommen. Mit großer Mehrheit entschieden sich die Alsfelder Stadtverordneten am Donnerstagabend für den Verkauf von 140 000 Quadratmetern an das deutsche Unternehmen. In Alsfeld plant DHL-Express im neuen Industriegebiet "Am Weißen Weg" laut eigener Aussage nicht weniger als ihren neuen zentralen Knotenpunkt, ihren Deutschland-Hub. Die Entscheidung der Stadtpolitik pro DHL ist gleichzeitig eine gegen Amazon. Auch das amerikanische Unternehmen hatte um den Standort am Homberg gebuhlt, geht letztlich aber leer aus.

Für die Ansiedlung von Amazon stimmte keiner der Stadtverordneten, sechs Stimmen (vier von der ALA, zwei von der SPD) fielen auf die Variante "kein Verkauf", weder an Amazon noch an DHL. Die übrigen 28 Stadtverordneten sprachen sich für DHL aus.

Mit DHL und Amazon hatten zwei weltweit agierende Großkonzerne um den gleichen Standort im Alsfelder Industriegebiet "Am Weißen Weg" konkurriert. Von Beginn an war klar: Für beide unternehmerische Schwergewichte reicht die Fläche nicht aus.

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Die Deutsche Post DHL Group möchte auf einer Fläche von 140 000 Quadratmetern - und somit auf mehr als einem Viertel des gesamten ausgeschriebenen Industriegebiets am Homberg - einen neuen Knotenpunkt in ihrem DHL-Express-Netzwerk schaffen. Alsfeld sei dafür der ideale Standort und könne für das Unternehmen der zentrale Umschlagplatz, der "Deutschland-Hub", werden, sagte das Unternehmen bei ihrer Vorstellung in Alsfeld im Juli dieses Jahres. Der Verkehr solle direkt von der Bundesstraße 62 auf die Autobahn 5 geleitet werden, wobei mit einem Großteil des Verkehrs in den Nachtstunden zu rechnen sei. Zu Beginn - DHL möchte nach den derzeitigen Plänen 2024 beziehen - rechnet das Unternehmen mit 200 Lkw und Transportern in der Nacht. Bis 2040 werde sich die Anzahl etwa verdoppeln. Hauptverkehrszeit werde zwischen 21 und 23 Uhr sein, wenn die Waren angeliefert werden, sowie zwischen 1 und 3 Uhr, wenn die Sendungen rausgehen.

Am Standort sollen zu Beginn 350 Menschen arbeiten, die meisten von ihnen würden von einem anderen Standort nach Alsfeld umziehen. Später sollen bis zu 700 Mitarbeiter in Alsfeld beschäftigt sein, davon rund 500 Hallenarbeiter, 100 Bürokräfte, 60 im Management sowie 30 Mechatroniker. Dabei setze das Unternehmen langfristig auch auf die Rekrutierung von neuen Mitarbeitern aus der Region. Zum Start sollen auch zahlreiche Mitarbeiter aus anderen Standorten nach Alsfeld umgesiedelt werden. Zu Beginn sind auch fünf Auszubildende vorgesehen, später 15. DHL setzt sich nach eigenen Angaben in einem Nachhaltigkeitsfahrplan das Ziel, bis 2050 klimaneutral zu sein. Das betreffe Gebäude, Lieferketten und Produkte. In Alsfeld plane man mit Fotovoltaik, Erdwärme, Smart-LED-Beleuchtung und Luft-Wärme-Pumpen.

Amazon hatte ebenfalls vor, in Alsfeld einen neuen Standort und ein Sortierzentrum zu errichten - einen Umschlagplatz auf einer Fläche von insgesamt 182 000 Quadratmetern, von dem die Pakete auf die weitere Reise zu Verteilzentren gehen. Anders als DHL wäre Amazon Logistik dabei nicht als Eigentümer auf, sondern als Mieter aufgetreten - zunächst für 15 Jahre plus weitere Optionen. Einige Stadtverordnete sahen das kritisch. Gebäudeeigentümer sollte die US-Immobilien- und Investmentfirma Scannel Properties werden.

Die DHL lag in der Gunst der Stadtverordneten bereits seit der Sommerpause vorne. Ausschlaggebende Punkte waren unter anderem die Anzahl der Arbeitsplätze sowie der Ausbildungsplätze, das bessere Lohnniveau, das Alleinstellungsmerkmal eines Deutschland-Hubs, die ökologischen Ziele sowie der geringere Flächenverbrauch.

Kritik am Gewerbegebiet prinzipiell äußerte als einzige Fraktion von Beginn an die ALA. Alsfeld übernehme sich damit, so ihr Vorsitzender Michael Riese in der Vergangenheit. Dabei sei seine Fraktion nicht allgemein gegen neue Industrie- oder Gewerbegebiete. "Wo sollen die ganzen Arbeiter herkommen? Wo sollen sie wohnen?" Diese Fragen stelle sich die ALA und halte daher die Ausweisung der landwirtschaftlichen Flächen nicht nur unter ökologischen, sondern ebenso unter ökonomischen Gesichtspunkten für falsch.

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Kritik am Gewerbegebiet gab es sowohl von Umwelt- als auch von Landwirtschaftsverbänden. Der mögliche Verlust von 40 Hektar Ackerfläche in Alsfeld für den Bau eines Industrie- und Gewerbegebietes schafft ein eher ungewöhnliches Bündnis zweier Interessenvertretungen. Zwar geht es konkret um Alsfeld, ihre Kritik ist aber durchaus generell zu sehen: Sowohl der BUND Vogelsberg (Bund für Umwelt und Naturschutz) als auch der Kreisbauernverband Vogelsberg sehen die Pläne für das Gebiet am "Weißen Weg" kritisch, forderten gegenüber unserer Zeitung sogar die Aufgabe der Bebauungspläne der Stadt Alsfeld. Die Versiegelung und damit Vernichtung von Flächen könne und dürfe in diesem Maß nicht weitergehen.

Trotz solcher Bedenken: Das Gros der Alsfelder Stadtverordneten befürworten die Ansiedlung von DHL-Express. Damit ist auch klar: Es rollt etwas Großes auf die Stadt zu.

Einen ausführlichen Bericht lesen Sie im Laufe des morgigen Tages online sowie in unserer Samstagsausgabe.