„Leser helfen”: Austausch auf Augenhöhe

Der ärztliche Leiter der Kinderintensivstation der Unimedizin Mainz, Professor Dr. Stephan Gehring (l.), und Kinderarzt Dr. Philip Koliopoulos mit einem hochmodernen Diagnosegerät, das bis zu 20 Erreger parallel aufspüren kann. Ähnliche Apparate sollen für eine Partnerklinik in Tansania entwickelt werden.

Die Kinder- und Jugendklinik der Mainzer Unimedizin kooperiert mit einem medizinischen Versorgungszentrum in Tansania. Warum das für beide Seiten wertvoll ist.

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Rheinhessen/Mainz. In Deutschland grassiert gerade eine RSV-Infektionswelle. Vor allem kleine Kinder leiden dadurch an Atemwegsinfektionen, Kliniken und Arztpraxen sind stark belastet. In den Ländern der Subsahara sind es hingegen durch Mücken übertragbare Fiebererkrankungen, die eine große Gefährdung darstellen und das medizinische Versorgungssystem an seine Grenzen bringen. Wie könnten hiesige Diagnosemethoden auch den Kollegen in Afrika helfen? Eine Fragestellung, die die Arbeitsgemeinschaft (AG) Pädiatrische Infektiologie neben anderen Themen beschäftigt. Die AG ist angedockt an die Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin. Sie kooperiert mit dem Bugando Medical Center (BMC) in Tansania.

„Wir haben langjährige Erfahrung mit der Diagnostik durch Geräte, die mehrere Erreger parallel aufspüren können. Über diese ,Point of care’-Apparate verfügen wir direkt auf unserer Station, was lange Wege und viel Zeit spart. Das kommt den Patienten zugute, die rascher genesen und gut behandelt werden können”, erläutert der ärztliche Leiter der Kinderintensivstation der Unimedizin Mainz, Professor Dr. Stephan Gehring. Dem Förderverein der Kinderintensivstation, Kikam, gilt wieder die AZ-Spendenaktion „Leser helfen”. So wie in hiesigen Gefilden mittels Nasenabstrich oder Lungensekret der Erkrankten nach Coronaviren und Streptokokken gesucht wird, sollen in Tansania die Erreger von Denguefieber oder Malaria ausgemacht werden. „Zwölf Doktoranden von uns haben schon mit den Kollegen in Tansania geforscht”, sagt Gehring. Ähnliche Projekte existieren in Kolumbien und Nepal.

Gehrings Kollege, Stationsarzt Dr. Philip Koliopoulos, hat am Austauschprogramm in Tansania in Mwanza nahe des Victoriasees teilgenommen. Sein Engagement im globalen Süden fand er sehr bereichernd. „Dort gibt es im ganzen Land nur eine Handvoll Kinderärzte. Die Kinder leiden extrem unter Malaria, die Sterblichkeit ist hoch. Doch die Ressourcen der Kliniken sind begrenzt”, berichtet er. Es sei schwierig zu diagnostizieren, welcher Erreger eine Fiebererkrankung auslöse, ob es sich beispielsweise um Denguefieber oder das West-Nil- oder Chikungunya-Virus handele. Hier kommt die Technik aus Deutschland ins Spiel. Gemeinsam entwickeln hiesige und tansanische Ärzte mit Herstellerfirmen Apparaturen, die ähnlich den Mainzer „Point of care”-Geräten auch die Erreger in Afrika identifizieren helfen sollen. „Nach einer präzisen Diagnostik könnten auch dort Arzneimittel gezielter verabreicht werden”, führt Koliopoulos aus. Ein Schnelltestverfahren für Malaria konnte durch die Kooperation bereits etabliert werden.

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Robuste, kostengünstige Geräte müssen für Mwanza her, weiß er, der während des Studiums und als ausgebildeter Arzt schon zweimal dort gearbeitet hat. Auf der Kinderstation im Medical Centre sehen die Ärzte täglich 80 bis 100 kleine Patienten. Die Palette der Erkrankungen sei riesig. „Sie reicht von Krebs und HIV über Knochenbrüche, Malaria bis zu Typhus”, nennt der Arzt Beispiele. Die Eltern seien stark involviert in den Heilungsprozess. Bedingungslose Unterstützung und Anteilnahme von Angehörigen, Bekannten, Nachbarn der Erkrankten hat er kennengelernt, das sei sehr beeindruckend gewesen. Allerdings sei die materielle Not „teilweise nur schwer zu ertragen” gewesen. Schon während seines freiwilligen sozialen Jahres nach dem Abitur war Koliopoulos in Tansania im Einsatz gewesen.

Ihm ist es wichtig, den Partnern am Victoriasee „auf Augenhöhe” zu begegnen, wechselseitig voneinander zu lernen. „Ich fand es beeindruckend, wie in Mwanza ganz pragmatisch mit den begrenzten Ressourcen etwa für Urintests umgegangen wird. Da die Testreifen nicht ausreichen, schneiden die Kollegen sie durch und können so zwei Proben statt nur eine untersuchen. Das funktioniert gut”, erklärt er. Einige tansanische Kollegen waren schon zum Austausch und zu Trainings in Mainz. In dem afrikanischen Land sei die mobile Technologie über Smartphones recht gut ausgebaut, hingegen sei die „Entwicklungsstufe PC” quasi übersprungen worden. Seit 2018 existiert die Partnerschaft zwischen Mainz und dem Medical Centre, die auch durch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt wird.

Die globale Kindergesundheit müsse verbessert werden. Schon mit kleinen Schritten sei viel zu erreichen, betont der junge Mediziner. Allzumal Mücken, die tropische Infektionskrankheiten übertragen können, durch den Klimawandel auch hierzulande heimisch werden. Und beispielsweise in Südostasien schon Resistenzen gegen alle verfügbaren Malariamittel entwickelt haben. „Das ist ganz ungünstig.”