Rheinhessen: Ring von Bäumen rund um die Erde

Heike Frohnhöfer pflanzt in Saulheim eine Esskastanie für ihren Sohn Jan. Ideengeber Mario Dieringer hilft ihr dabei.Foto: photoagenten/Carsten Selak   Foto: photoagenten/Carsten Selak

Laufen, einen Baum pflanzen, weiterlaufen, pflanzen. Durch 60 Länder und über 75 000 Kilometer. Das hat Mario Dieringer sich vorgenommen. Um neues Leben entstehen zu lassen,...

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RHEINHESSEN. Laufen, einen Baum pflanzen, weiterlaufen, pflanzen. Durch 60 Länder und über 75 000 Kilometer. Das hat Mario Dieringer sich vorgenommen. Um neues Leben entstehen zu lassen, um die Erinnerung an Menschen wachzuhalten, die ihre Hoffnung und den Kampf gegen die Depression verloren und ihrem Leben ein Ende gesetzt haben, und um den Hinterbliebenen einen Kraft-Ort zu geben.

Ein Prozess des Loslassens

Und gleich die zweite Etappe seines gerade begonnenen Mammut-Projekts führte den 51-jährigen Journalisten und Dozenten aus Offenbach jetzt nach Rheinhessen: In Saulheim wurde am Ostermontag eine Esskastanie in Erinnerung an Jan gepflanzt. Denn deren Früchte mochte Jan, der sich 2015 im Alter von 26 Jahren das Leben nahm, sehr gern. Genau deshalb hat seine Mutter Heike Frohnhöfer mit ihrer Familie ein solches Gewächs ausgesucht, das nun an der Burgunderstraße dem Himmel entgegenwachsen soll. „Die Gemeinde war sehr kooperativ und hat uns den Boden hierfür zur Verfügung gestellt“, betont Mario Dieringer.

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Trees of Memory, Bäume der Erinnerung, so hat er sein Projekt genannt. Nachdem der Selbstmord seiner großen Liebe genau an Ostern 2016 „mein Leben in Millionen Stücke gerissen hat“, widmete er die zurückliegenden und „intensivsten anderthalb Jahre meines Lebens, Tag und Nacht“ der Idee, die sich ihm als „full package“, als komplett ausgeformter Geistesblitz, eingegeben hatte: Bäume der Erinnerung pflanzen „als sichtbares Andenken an großartige und liebevolle Menschen“.

Die diversen beruflichen Verpflichtungen an den Nagel gehängt, die Wohnung in Offenbach untervermietet, die Kleidung ans Obdachlosenheim gegeben, sich von allen Souvenirs aus den letzten 50 Jahren getrennt: „Ein Prozess des Loslassens vom jetzigen Leben“ sei dies gewesen, sagt Mario Dieringer, gleichzeitig eine Befreiung, aber auch ein Wechsel in die Zukunft auf etwas, „von dem ich noch nicht weiß, was es sein wird“.

Was es sein soll, davon hat er indes eine Vorstellung: „Ein Ring von Bäumen rund um die Erde, als Zeichen der Unendlichkeit des Lebens.“ 40 Baum-Termine weltweit hat er in seinem Kalender schon vorgemerkt, zunächst aber will er hier und in den deutschsprachigen Nachbarländern ein Fundament aufbauen. Allein in Deutschland sind es rund 20 Bäume und etwa 4000 Laufkilometer.

Jederzeit ist Mario Dieringer auch offen für kurzfristige Anfragen wegen einer Baumpflanzung, „meine Route ist variabel“ (Kontakt siehe Kasten). Nach dem Auftakt am Frankfurter Deutschherrenufer mit einem Lederhülsenbaum im Gedenken an David und der Pflanzung der Esskastanie für Jan in Saulheim ist Mario Dieringer gen Norden weitergezogen, um bei Eltville den Rhein zu überqueren und in der Nähe von Fulda den nächsten Baum zu pflanzen. Auf der Internetseite www.treesofmemory.com lässt sich seine Route übrigens täglich aktualisiert nachverfolgen.

Auch Heike Frohnhöfer wurde im Netz auf „Trees of Memory“ aufmerksam. Trauer, Schmerz und Wut der Hinterbliebenen, „lebenslänglich“ für die ganze Familie, die schiefen Blicke derjenigen Mitmenschen, die meinen, „das hast du doch wissen müssen“ – all das kennt sie.

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Dabei handle es sich bei Depressionen oft auch um eine reine Stoffwechselstörung im Gehirn. „Es gibt durchaus Möglichkeiten, aus dem Suizidal-Kreislauf herauszukommen“ – auch das, sagt Mario Dieringer, sei „eine große Message“ des Projekts.

500 Euro für eine Pflanzung

500 Euro sollten möglichst für eine Pflanzung zusammenkommen, erläutert er weiter – und das lasse sich per Sponsoring, mit Unterstützung von Freunden und anderen Wohlgesonnenen mit einem gewissen Vorlauf durchaus stemmen. Für Logistik, etwaige Genehmigungen, Tipps und praktische Umsetzung sorgt der Mann, der mit Rucksack und Wanderstöcken einen Fuß vor den anderen setzt. „Man kann die unmöglichsten Sachen machen“, beschreibt Mario Dieringer „mein persönliches Mantra“, sich selbst zu folgen – Stück für Stück, Schritt für Schritt.