Magie und Mythen – Hinkelsteine in Rheinhessen

Die Nackenheimer haben einen Hinkelstein am Ortsausgang Richtung Lörzweiler. Foto: Günter Schenk

Es ist ein spiritueller Ort, an dem der Menhir von Saulheim zu finden ist. Der Kalksteinriese ist einer von einem Dutzend in Rheinhessen amtlich registrierter Menhire.

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SAULHEIM. Es ist ein kleines Plätzchen bei Saulheim direkt neben der Landesstraße, die Wörrstadt und Nieder-Olm verbindet. Ein Plätzchen, dessen Schönheit freilich häufig leidet. Denn immer wieder nutzen schamlose Zeitgenossen das grüne, von Büschen umsäumte Fleckchen Erde inmitten Rheinhessens zur Müllentsorgung oder gar als Last-Minute-Toilette. Dabei ist es einer der kulturell interessantesten Plätze im Land. Ein spiritueller Ort, von dem der Blick weit ins Land reicht.

Die Nackenheimer haben einen Hinkelstein am Ortsausgang Richtung Lörzweiler.
Mitten im Laubenheimer Ried bei Mainz findet sich ebenfalls ein Menhir.
Eine Detailaufnahme zeigt eine christliche Symbolik im Saulheimer Hinkelstein.
Ein Menhir mitten im Dorf: der „Dicke Stein“ von Dexheim.
„Langer Stein“ heißt der Menhir, volkstümlich Hinkelstein, in Saulheim.

Vom Odenwald bis zum Taunus säumen Berge den Horizont. Die Sicht ringsum lässt ahnen, was die bewegte, die sich hier einst trafen. Fast zugewachsen ist die Tafel, die an diese Zeiten mahnt: „Sie stehen hier an einem religionsgeschichtlich bedeutsamen Ort. Schon vor 4000 Jahren beteten und opferten hier Menschen“.

„Langer Stein“ nennt sich das Juwel in der Mitte des Platzes: ein mehr als drei Meter hoher Kalkstein, 160 Zentimeter breit und rund 80 Zentimeter tief. Eine gewaltige Säule mit abgerundeter Spitze, die viele Vögel – wie die weißen Flecken überall ahnen lassen – als Ruhesitz schätzen. „Von Westen aus“, hat das Internet-Lexikon Wikipedia den Saulheimer Menhir anatomisch seziert, „wirkt der Stein sehr phallisch, die Nordseite hingegen erinnert eher an weibliche Formen.“ Schon im Mittelalter trafen in seiner Nähe wichtige Verbindungswege quer durch Rheinhessen aufeinander, war der „Lange Stein“ in der Grenzregion zwischen Franken und Alemannen ein beliebter Treffpunkt. Einer Urkunde von 1274 zufolge gab es hier sogar lange Zeit einen Gerichtsort.

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Der Kalksteinriese ist einer von einem Dutzend in Rheinhessen amtlich registrierter Menhire. „Oberflächlich sichtbare Denkmäler“ nennen sie die Archäologen. Es sind Jahrtausende alte Zeugen menschlicher Kultur, die volkstümlich Hinkelsteine heißen. „Der Name ist eine missverstandene Ableitung des Wortes „Hünenstein“, also Riesenstein, über „Hühnerstein“ zum mundartlichen „Hinkelstein“, weiß Detert Zylmann, der beim Landesamt für Denkmalpflege Rheinhessens Menhire einst fachmännisch unter die Lupe genommen hat.

Asterix und Obelix, die beiden gallischen Kämpfer gegen die Römer, haben den Hinkelsteinen, die schon im Mittelalter so genannt wurden, weltweite Popularität verschafft. Doch kulturgeschichtlich sind die steinernen Riesen viel, viel älter. Vom fünften bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend datiert die Wissenschaft die meisten Menhire, in denen manche erste Zeugnisse architektonischer Gestaltung erkennen wollen. So weit will Zylmann nicht gehen, von Menschen bewusst aufgerichtet und zum Großteil auch bearbeitet aber seien alle rheinhessischen Menhire. „Damals hatte man viel Zeit“, weiß der Archäologe, dem die logistische Leistung, die der Aufstellung eines Hinkelsteins zugrunde lag, noch heute Respekt abverlangt.

Bis heute rätselt man, welche Funktion diese steinernen Kolosse einst hatten. Für die meisten Archäologen sind sie kultisch-religiöse Zeugen einer Zeit, in der man noch keine Schrift kannte. In der die Denkmäler Treffpunkt und Ort kultischer Rituale waren wie heute noch im englischen Stonehenge. Sicher ist nur, dass sie die ersten Christen nicht gern sahen. Synoden wie in Mainz suchten deshalb schon in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends die im Schatten der Steinkolosse betriebenen heidnischen Kulte zu bekämpfen. Da aber trotz Kirchenstrafen sich immer wieder Menschen um die Menhire sammelten, entschied sich die Kirche, diese Treffpunkte – wenn immer möglich – zu christianisieren.

So wie in Saulheim, wo man schon im Mittelalter höchstwahrscheinlich eine Nische in den Steinkoloss schlug und ein Heiligenbild hineinstellte. Heute ist es ein Marienbild im Holzrahmen, dessen Farbe an manchen Stellen längst abgeblättert ist. Ein Bild, das an eine Ikone erinnert.

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Trotz aller Christianisierungsversuche aber hielten sich rund um Rheinhessens Hinkelsteine heidnische Vorstellungen und Bräuche. „Schon im 13. Jahrhundert wurde erwähnt, dass sich einige Menhire zu hohen Feiertagen drehten. Legte man das Ohr an sie, waren Weh- und Klagelaute zu vernehmen“, weiß Zylmann. „Man glaubte, diese Steine seien nicht das Werk von Menschen, sondern gehörten in die Welt von unsichtbaren Wesen mit übernatürlichen Kräften.“ Kein Wunder, dass sich auch um Saulheims Hinkelstein im Lauf der Jahre immer wieder neue Sagen und Geschichten entwickelten. Eine erzählt von einem Teufel am Donnersberg, den der Zorn gepackt habe, als er erfuhr, das im heute Alzeyer Stadtteil Dautenheim eine Kirche gebaut werden sollte. Voller Wut schleuderte er einen Steinblock Richtung Alzey, der sein Ziel aber verfehlte und bei Ober-Saulheim landete. Deshalb ist der Menhir im Volksmund auch als Teufelsstein bekannt.

Eine andere Geschichte kündet von einem Wörrstädter Geizhals, der sein Geld unter dem Stein versteckt habe, es aber nicht mehr fand, sodass er sich erhängte.

Ende des 19. Jahrhunderts beflügelte dieser Sagenstoff manchen Zeitgenossen, nach dem angeblichen Schatz zu graben. Bei einem dieser Versuche zu Weihnachten 1883 fiel der erst drei Jahre später wieder aufgerichtete Menhir um und erschlug zwei Männer. Ein Ereignis, das den Mythos um den „Langen Stein“ bis heute weiter genährt hat.