Interview mit dem Mainzer Forscher Nico Nassenstein über den...

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Für die einen ist Heimat ein Sehnsuchtsort, für die anderen ein Zurückziehen aus den immer komplexer werdenden Prozessen der Globalisierung. Heimat kann Gemeinschaft...

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MAINZ. Für die einen ist Heimat ein Sehnsuchtsort, für die anderen ein Zurückziehen aus den immer komplexer werdenden Prozessen der Globalisierung. Heimat kann Gemeinschaft stiften, aber auch ausgrenzen. Und Heimat muss es nicht nur im Singular geben. Wie Sprache und Heimat miteinander verwoben sein können, erklärt Dr. Nico Nassenstein, Juniorprofessor für Afrikanistik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Er forscht im Bereich der Soziolinguistik.

Herr Nassenstein, ist Heimat mit all seinen Bedeutungen ein Begriff, den es so nur in der deutschen Sprache gibt, wie das oft gesagt wird?

Die Mischung an Assoziationen ist, denke ich, in der Tat unübersetzbar. Mit dem deutschen Heimatbegriff einher geht besonders Nostalgie und Gemütlichkeit. Aber es gibt auch Pendants in anderen Sprachen. Im Kinyarwanda, der Hauptsprache Ruandas, bedeutet das Wort „Urugo“ so viel wie Zuhause. „Urugo“ kann dabei als Haushalt verstanden werden. Dazu gehört die Familie, das Grundstück, eventuell das Vieh, aber auch das Land Ruanda. Es kommt darauf an, in welchem Kontext darüber gesprochen wird.

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Durch die zunehmende Globalisierung verändert sich die Art, wie Sprache genutzt wird. Wir werden ständig mit anderen Dialekten und fremden Sprachen konfrontiert. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Wir schnappen überall unterschiedliche Sprachen auf und haben so ein sprachliches Patchwork-Repertoire. Der eigene Dialekt ist eine sprachliche Option unter vielen. Gerade im kulinarischen Bereich wird Sprache gezielt vermarktet. Diese Vermarktung hat mit der sprachlichen Globalisierung zugenommen. Die Präsenz der italienischen Sprache beim italienischen Restaurantbesitzer um die Ecke ist zum Beispiel Teil einer Marketingstrategie. Aber gleichzeitig sprechen Menschen beim Italiener, der selbst schon lange in Deutschland lebt, die paar Brocken Italienisch, die sie können, um für sich eine bestimmte „Stimmung“ zu reproduzieren.

Sprachliche Heimat schafft also Gemeinschaft und kann positiv behaftet sein. Doch gleichzeitig kann sie auch Ängste auslösen, oder?

Heimat hat mit Inklusion und Exklusion zu tun, und gerade sprachliche Heimat schafft Gemeinschaft, also Community. Man pflegt Brauchtum und gemeinsame Tradition. Manche Communitys formulieren ihren vermeintlichen Auftrag falsch. Sie wollen Sprache und Kultur bewahren, wenn sie sich zu wandeln droht. Sprache wandelt sich immerzu, und sie hat es schon immer getan. Häufig wird das als Verlust wahrgenommen, doch eigentlich, denke ich, wird man diverser und reicher.

Warum wird aufgrund von Sprache ausgegrenzt?

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Das kann am Klang der Sprache liegen. Der arabische Dialekt von Migranten aus Nordafrika zum Beispiel ist sehr konsonantisch und weniger vokalisch und klingt für viele deshalb hart und bedrohlich. Andersherum hat aber auch Deutsch für viele im Ausland einen harten Klang, weil man damit immer noch Filme aus der Nazi-Zeit verbindet, die durch den Geschichtsunterricht immer noch bekannt sind. Andererseits ist Deutsch für viele Außenstehende auch die Sprache von Goethe und Schiller und dadurch positiv behaftet. Es gibt also immer zwei Seiten der Medaille. Auch beim Arabischen, da gibt es zum Beispiel wunderschöne Lyrik und Lieder, die viele schätzen. Sprachliche Heimat ist dabei nicht der Stein des Anstoßes, sondern die Angst vor fremden Sprachen. Auch das Prestige von Sprachen spielt dabei eine Rolle.

Was bedeutet Sprache, wenn es darum geht, dass Neuankömmlinge sich eine neue sprachliche Heimat schaffen?

Menschen, die zu uns kommen, haben viel zurückgelassen, aber es bedeutet nicht nur, dass sie etwas verloren haben und Deutsch noch nicht können. Bei uns wird in Schulen und Universitäten oft ein Konzept von Sprache gelehrt, dass Sprache nur funktional ist, wenn Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung korrekt sind. Die Angst, etwas falsch auszusprechen, hindert uns deshalb an der Kommunikation. In vielen afrikanischen Ländern, aber auch anderen außereuropäischen Ländern ist Sprache an Interaktion von Menschen geknüpft. Sprache auszuprobieren und kreativ mit ihr umzugehen, ist etwas, das Migranten uns vielleicht voraushaben. Dabei entstehen viele hybride Formen von Sprache.

Das heißt, man kann davon ausgehen, dass es nicht die eine sprachliche Heimat oder Muttersprache gibt?

Muttersprache ist ein Konstrukt, das durch die Nationalsprachen in Europa entstanden ist. Doch es ist schwierig, die Muttersprache zu bestimmen, wenn jemand aus dem Kongo oder Nigeria mehrere Sprachen spricht. Häufig wird Menschen eine Muttersprache auch über ihren Kopf hinweg zugeschrieben. Sprachliche Heimat wird auch gezielt produziert und ist dabei an Macht und Ungleichheit gebunden.

Für viele Menschen ist Heimat ein Ort. Ist das im Kontext der Globalisierung noch ein sinnvolles Konzept?

Heimat an einen Ort zu binden, ist schwierig. Denn jemand, der geflohen ist oder aus beruflichen Gründen schon lange nicht mehr langfristig an einem Ort lebt – was ist für ihn Heimat? Sprache an einen Ort zu binden, ist ein historisches Konzept. Sie funktioniert losgelöst von einem Ort. Heimat kann auch in sozialen Medien wie Facebook oder Whatsapp verortet sein. Darüber bleiben Menschen weltweit in Kontakt.

Das Interview führte Anna-Lena Stauder.