Es hat sich ausgesummt: Auch in Rheinhessen bemerken Experten...

Eine tote Wespe - davon gibt es immer mehr. Foto: D.Pietra - stock.adobe

Insektenkundler aus Krefeld sind sicher, dass die Zahl der Insekten in manchen Regionen in den vergangenen 27 Jahren um 75 Prozent zurückgegangen ist. In Rheinhessen gelten 60...

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RHEINHESSEN. Wenn er von seinen Bienen erzählt, gerät Manfred Axtmann (64) ins Schwärmen. „Das ist Musik für mich“, sagt der Ingelheimer Hobbyimker, wenn er wieder einmal einen seiner Bienenstöcke besucht und die bis zu 50.000 Bienen darin brummend und summend bei der Arbeit beobachtet hat. Seit 30 Jahren betreibt Axtmann die Imkerei. Derzeit hat er sechs Völker, die rund um Ingelheim herum in Stöcken hausen. Doch inzwischen brummt und summt es immer weniger.

Dass es deutlich weniger Insekten gibt als zum Beispiel noch vor 20 Jahren, belegen Daten von Insektenkundlern des Entomologischen Vereins in Krefeld. Sie haben seit 1989 an 63 unterschiedlichen Standorten in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg Insektenfallen aufgestellt und die Biomasse gewogen. Das Ergebnis: In den letzten 27 Jahren ist die Gesamtmasse an Insekten an den Standorten um mehr als 75 Prozent gesunken.

„Jedes Jahr werden die Bienen weniger“

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Rainer Michalski, Leiter der regionalen Geschäftsstelle des Naturschutzbundes (Nabu) Rheinhessen-Nahe, hält die Studie trotz vielfacher Kritik zur Art der Erhebung für wertvoll. Seit Jahren ist laut Michalski zu beobachten, dass zum Beispiel die Population an Schmetterlingen abnehme. Zahlen, wie sich die Insektenpopulation in der Region Rheinhessen entwickelt hat, sucht man jedoch vergebens. „Es ist sehr aufwendig, solche Zahlen zu erheben“, erklärt Michalski. Auch welche Arten besonders betroffen sind, lässt sich nur schwer bestimmen. „Ein Kilo Insekten sind etwa 100.000 Individuen, da hat man es leicht mit ein paar 100 Arten zu tun“, so Michalski. Fakt ist aber, dass die Anzahl an Wildbienen in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen ist. „60 Prozent aller Wildbienenarten sind vom Aussterben bedroht“, so Michalski. In Deutschland gebe es allein 560 Arten.

Auch Imker Axtmann bemerkt: „Jedes Jahr werden die Bienen weniger.“ Bisher hat das noch keine Auswirkungen auf seine Honigernte gehabt. Er pflanze für seine Bienen aber viel selbst an. Deshalb pflügt Axtmann ein 7.000 Quadratmeter großes Stück Land aus seinem Besitz stets erst Ende März um, sodass Taubnessel und Vogelmiere für die Bienen ungehindert wachsen können. „Das sieht zwar nicht schön aus“, sagt er, aber: „Wieso soll ich es wegmachen?“

Das Massensterben hat viele Gründe

Gründe für den Rückgang der Insekten gibt es laut Nabu-Regionalstellenleiter Michalski viele. Durch den Autoverkehr entstehen Stickoxide, die den Blumen schaden, also der Nahrung der Insekten. Oft würden auch die Straßen- und Wegesränder in Rheinhessen abgemäht. Viele Gärten hätten sich inzwischen in „Steinwüsten“ verwandelt. Auch der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft sei laut Michalski ein gravierender Faktor: „Das ist aber nicht zur Vollständigkeit untersucht“.

Imker Axtmann glaubt, dass die Landwirtschaft einen großen Anteil am Insektensterben hat. Häufig würden ganze Äcker gespritzt, Landwirte würden ihre Felder bis zum letzten Stück umpflügen, sodass an Blühstreifen gar nicht zu denken ist. Aber auch das Aufkommen des Bienenfressers, einer Vogelart, die eigentlich eher in Asien oder Afrika anzutreffen ist, sei für die Bienenpopulation nicht zuträglich. „Die fressen ein ganzes Bienenvolk in einem Monat weg“, so Axtmann. Zuletzt müssten sich Imker auch an die eigene Nase greifen. Durch immer neue Züchtungen entstünden mitunter „verhätschelte“ Bienen, so Axtmann. „Früher haben Bienen ganz andere Abwehrkräfte gehabt“, meint der Imker, „sie waren wie Wölfe, heute sind es eher Zwergkaninchen.“

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Insekten stehen ganz unten in der Nahrungskette

Die Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz warnt davor, den Landwirten pauschal den schwarzen Peter zuzuschieben. „Es wird sehr schnell ein Zusammenhang zwischen Pestiziden und dem Rückgang der Insekten hergestellt“, heißt es in einer Stellungnahme. Dafür gebe es aber nach wie vor keinen Nachweis. Nichtsdestotrotz habe die Landwirtschaft eine Mitverantwortung. Deswegen regt die Landwirtschaftskammer zum Beispiel bei den Landwirten und Winzern an, freiwillig Blühstreifen anzulegen.

Insekten stehen ganz unten in der Nahrungskette, werden somit von vielen Tieren, zum Beispiel Vögeln, Fledermäusen oder Igeln gefressen. „Sie alle leiden darunter“, sagt Michalski. Der Rückgang vieler Vogelarten wie der Schwalbe sei laut Michalski unter anderem durch den Rückgang von Insekten bedingt. Auch für den Menschen birgt das Insektensterben Probleme. Denn die Bienen tragen einen großen Teil zum Erfolg der Obsternte bei, weil sie Apfel-, Pfirsich- und Pflaumenblüten überhaupt erst bestäuben.

„Uns ist es wichtig, dass immer etwas auf dem Feld wächst“

Dass Insektenschutz und Landwirtschaft auch zusammen funktionieren, beweist Erdbeerbauer Markus Kirn aus Ingelheim. Der 37-Jährige setzt auf einen naturintegrierten Anbau. Das heißt, er verwendet bei seiner Arbeit vermehrt Nützlinge. Anstatt gegen Spinnmilben zu spritzen, setzt er seine natürlichen Gegner auf’s Feld – und die Natur erledigt den Rest. Außerdem säen Kirn und seine Frau neben ihren Feldern Blühstreifen ein und pflanzen Zwischenfrüchte, also Getreide, Gemüse oder Obst, das zeitlich zwischen den eigentlichen Früchten angebaut wird. „Uns ist es wichtig, dass immer etwas auf dem Feld wächst“, sagt er. Viele Landwirte handelten in Sachen Schädlingsbekämpfung noch nach der Devise: „Das haben wir immer so gemacht“. Dennoch verändere sich in dieser Hinsicht aktuell viel, sagt Kirn. Es sei wichtig, dass mehr aufgeklärt werde, zum Beispiel über neue Methoden.

Was kann angesichts des Massensterbens noch getan werden? „Nicht die Flinte ins Korn werfen“, meint Michalski, sondern auf allen Kanälen gegensteuern. Das heißt konkret: Mehr Pflanzen blühen lassen, weniger aufräumen an Straßen- und Wegesrändern und mehr Blühstreifen aussäen. Erdbeerbauer Kirn plädiert dafür, dass Imker und Landwirte den Dialog suchen und Anreize für Landwirte geschaffen werden. „Damit werden wir zwar nicht die Welt retten“, sagt Kirn, „aber jeder Hektar zählt.“