Beeindruckend Deckenmalereien in der Kräuterkirche...

Die Deckenmalereien der Kräuterkirche zeigen Pflanzen, deren heilende Wirkung schon Hildegard von Bingen bekannt war, und die auch heute noch der Linderung menschlicher Leiden dienen. Foto: Günter Schenk

Die Kräuterkirche in Bingen-Gaulsheim beeindruckt mit floralen Deckenmalereien. Welche Pflanze Magenbeschwerden lindert und Liebeslust fördert, wusste schon Hildegard von Bingen.

Anzeige

BINGEN. Als Kräuterkirche ist die Pfarrkirche im Binger Stadtteil Gaulsheim inzwischen bundesweit bekannt. Den Ruhm verdankt sie ihren in den 1970er Jahren entstandenen Deckengemälden. Sie zeigen rund 50 Pflanzen und Heilkräuter, die Jahrhunderte lang unsere Speisezettel und Hausapotheken bereicherten. Zu Mariä Himmelfahrt (15. August) bindet man sie traditionell zu einem Strauß, der zum Fest feierlich gesegnet und anschließend zu Hause getrocknet und aufbewahrt wird, um Blitz und Hagel abzuhalten.

Die Deckenmalereien der Kräuterkirche zeigen Pflanzen, deren heilende Wirkung schon Hildegard von Bingen bekannt war, und die auch heute noch der Linderung menschlicher Leiden dienen. Foto: Günter Schenk

Der romanische Turm aus dem 12. Jahrhundert trägt heute eine schicke barocke Haube. Er ist Kern der neugotischen Kirche mitten in Gaulsheim, wo wir mit Jan Frerich verabredet sind. Er ist Journalist, Buchautor, Chorleiter und Organisator von Einkehrtagen und Erlebniswanderungen. „Hildegard von Bingen“, empfängt er uns, „hat den alten Kirchturm bestimmt gesehen.“ Für die vielleicht bedeutendste Frau des Mittelalters, die hier in der Nähe zuhause war, waren die Pflanzen, die an der Decke der Kräuterkirche zu sehen sind, Füllhorn für ein gesundes Leben.

Das sieht auch Jan Frerich so, der ganz im franziskanischen Geist Besucher gern durch die Kirche führt. Fünf Jahre lebte er im Kloster, doch der Wunsch nach einer Familie war stärker. Als Mitglied des Dritten Ordens der franziskanischen Familie aber ist er noch immer eng mit den Ideen des Ordensgründers verbunden. Er spüre bei vielen Menschen eine tiefe Sehnsucht nach neuer Lebenserfahrung, sagt er. „Wir sollten mehr das Neue im Alten sehen, das Christentum wieder vom Kopf auf die Füße stellen.“ So wie die Pflanzen, schiebt er nach, die ihre Wurzeln im Boden haben, auch wenn sie oben die schönsten Blüten zeigen.

Anzeige

Im „Frauendreißiger“ segnet Maria die Erde

„Alles beginnt in der Natur“, sagt Frerich. „Sie ist die erste Bibel. Erst dann kommt die Heilige Schrift.“ Schon in vorchristlicher Zeit hätten die Menschen den Kräutern bestimmte Kräfte zugemessen. Später nutzte die Kirche dieses Wissen, schrieb die Heilkräfte aber Gottes oder Marias Fürsprache zu. Besondere Segenskraft maß das Volk den Kräutern im sogenannten Frauendreißiger zu, der Zeit zwischen den Festen Mariä Himmelfahrt und Mariä Namen (12. September), in der nach der Legende die Gottesmutter die Erde segnet. Die in dieser Zeit gesammelten Kräuter, so war sich ein Großteil des Volkes sicher, übertreffen mit Ausnahme der zur Sommersonnenwende gepflückten Johanniskräuter alle anderen an Kraft.

Auch heute boomt das Kräuterwesen, machen sich immer mehr Menschen auf die Suche nach alternativen Heilmethoden. Die Bilder gängiger Heilkräuter finden sich an Gaulsheims Kirchendecke. So wie die Schafgarbe, die sich dort neben Löwenmaul und Rainfarn findet. Im Volksmund galt sie als „Bauchwehkraut“, das bei Verdauungsbeschwerden ebenso half wie bei Blutungen. Ihre vielen kleinen Blättchen sollten zudem den im Volksglauben von unbändiger Zähllust besessenen Teufel verleiten, sich ständig zu verzählen und so all seine Niedertracht zu vergessen. Zur Teufelsvertreibung diente einst auch das Johanniskraut. Dem Fürst der Finsternis entstammten angeblich die kleinen Löcher in seinen Blättern, der sie aus Wut über die Macht, die man dem Kraut im Kampf gegen ihn zusprach, mit Nadeln zerstochen habe. Die antidepressive und blutdrucksenkende Wirkung des Johanniskrauts schätzt man bis heute.

Das Tausendgüldenkraut findet man zwar ebenfalls an der Kirchendecke, in den Kräutersträußen mittlerweile jedoch immer seltener – es steht heute unter Naturschutz und darf nicht mehr gepflückt werden. Auch sind traditionelle Kräuter wie Baldrian oder Kamille angesichts des Klimawandels zu Mariä Himmelfahrt oft schon verblüht. Kein Wunder, dass sich in manchem Kräuterstrauß, dem sogenannten Würzwisch, immer mehr Gartenblumen finden. Vielen Kräutern, vor allem denen, die als Unkraut gelten, hat man ihren Lebensraum genommen. „Wenn man ihnen aber keinen Platz mehr gibt“, weiß der Franziskaner Frerich, „verschwinden sie endgültig.“

Anzeige

Liebstöckel hilft dem Magen und fördert die Lust

Die meisten der Pflanzen an der Decke der Kräuterkirche hat schon die Heilige Hildegard zur Linderung von Schmerzen und Krankheiten genutzt. So kam in ihrem Kloster Wermut, der die Durchblutung fördert, häufig zum Einsatz. Auch saftige Braten wurden zur Verdauungsförderung mit einem Bündel Wermut bestückt. Ein anderer Küchenhelfer war Liebstöckel, im Volksmund noch heute als Maggikraut bekannt. Mit Mehl, Fenchel und Brennessel verbacken, tischte ihn Hildegard als Brot bei Magenbeschwerden auf. Zudem glaubte die Heilige, dass Bäder mit seinen Blättern die Lust der Frauen anrege, woran der Name „Luststock“ noch immer erinnert.

Genau in der Mitte der Kirche steht die große Königskerze, die man traditionsgemäß mitten in den Kräuterstrauß einbindet. Zwischen all den anderen Pflanzen weist sie den Weg zum Himmel, wo nach christlicher Auffassung das Paradies zu finden ist. Die ganze Natur, gibt uns Jan Frerich mit auf den Heimweg, sei der Ort der Gegenwart Gottes. „Leider ist dieses Bewusstsein verloren gegangen oder zumindest ganz stark eingeschränkt“, sagt er. „Jedes Jahr verschwinden zahllose Pflanzenarten, die so für immer verloren sind. Dann können sie auch die Existenz Gottes nicht mehr vermitteln.“ So betrachtet ist Gaulsheims Kräuterkirche ein aktuelles Mahnmal christlichen Glaubens – eines, das so Frerich, das „heilige Feuer“ neu entfachen könnte.