Türchen 10: Wie Muslime Weihnachten genießen

Adventszeit 2022

Bis zum 24. Dezember öffnen wir für unsere Leser täglich ein Türchen in unserem Adventskalender der Regionen. Die Geschichten sollen Freude bereiten und Ideen geben.

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Wiesbaden. Die warmen Lichter in der Stadt, der Duft von Zimt und Kardamom in der Luft, das freundliche(re) Miteinander, die Entschleunigung, die Filme und die fantasievollen Dekorationen allerorts: Es ist kaum möglich, sich nicht von der magischen vorweihnachtlichen Atmosphäre anstecken zu lassen – auch wenn man das Fest eigentlich nicht feiert. Das gilt zum Beispiel für Muslime: Die eingangs genannten Beschreibungen stammen von Wiesbadenern aus einer nicht repräsentativen Umfrage im muslimischen Bekanntenkreis des Autors. „Es macht den Winter einfach schöner“, fasst eine 40-Jährige zusammen.

Viele empfinden Weihnachten, entkoppelt vom Christentum, auch einfach als Familienfest. So nutzen die meisten Muslime die Feiertage ebenfalls, um mit ihren Liebsten zusammenzukommen. „Für mich ist das Fest auch mehr ein Teil der deutschen Kultur als der Religion“, erklärt eine 36-Jährige. Andererseits: Es wird ja der Geburtstag von Jesus gefeiert – und er gilt im Islam als einer der wichtigsten Propheten. Eine fantastische Ausrede, um sich die Zeit mit dem einen oder anderen Schoko-Nikolaus zu versüßen. Geht der ohnehin nicht zurück auf Nikolaus von Myra, also dem heutigen Ort Demre in der türkischen Provinz Antalya? Ein Grund mehr, zuzuschlagen.

Eltern in Erklärungsnot, warum sie nichts schenken

Bei allem Positiven beginnt mit der Adventszeit für muslimische Eltern aber auch eine Phase der Erklärungsnot. Andere Kinder werden beschenkt, ihre nicht. Um nicht zu pauschalisieren: Insgesamt wohnen in Wiesbaden laut einer städtischen Schätzung 30.000 Muslime, also rund zehn Prozent der Bevölkerung. Das Ausleben der Religion ist sehr unterschiedlich ausgeprägt, der Umgang mit anderen Traditionen ebenso.

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Zumindest unter den Befragten sagt die Mehrheit, dass sie ihren Kindern nichts zu Weihnachten schenkt. Vor allem Kleinkinder seien traurig, ihnen müsste man das näher erläutern, was sie aber durchaus irgendwann verstehen würden. Das kennen zum Beispiel auch Kita-Mitarbeiter: Sie müssen die Kinder trösten, weil der Weihnachtsmann nicht zu ihnen gekommen ist, obwohl sie brav waren. Das Wichteln sorgt immerhin für einen kleinen Ersatz.

Den Eltern hilft beim Trösten vor allem der Hinweis, dass ihre Kinder dafür zwei (islamische) Feste haben, an denen sie üppig beschenkt werden: das Opferfest, das auf die Opferbereitschaft Abrahams zurückgeht, und das Ramadanfest nach dem Fastenmonat. Wenngleich man Angst hat, dass die Feste wegen der Schenkerei „ähnlich wie Weihnachten“ kommerzialisiert werden. Andere dagegen begrüßen einfach den gesellschaftlichen Anlass, sich beschenken zu können. Einige wenige stellen einen Tannenbaum auf, und Kinder aus christlich-muslimischen Ehen werden gleich dreifach beschenkt.

Manche Traditionen wie der Adventskalender haben sogar Muslime hierzulande inspiriert: Die Frankfurterin Nadia Doukali hat vor ein paar Jahren den „Iftar Kalender“ erfunden (Iftar steht für Fastenbrechen). Es gibt 30 Türchen für alle Tage des Fastenmonats – mit schokoummantelten Datteln, eine übliche Speise im Ramadan. (Kinder müssen übrigens nicht fasten.) Die Türchen sind mit arabischen Wörtern beschriftet, sodass man auch was lernt. Es existieren mittlerweile diverse Versionen von verschiedenen Herstellern, auch mit Quiz oder Puzzle. Außerdem gibt es große Spielzeug-Häuschen, deren Türchen man selbst befüllen kann. Mit den Ramadan-Kalendern – unter dem Namen kennen Muslime weltweit eigentlich Kalender mit Uhrzeiten fürs Fasten – können sich Kinder (und Erwachsene) also auf ein Äquivalent zum Adventskalender freuen. Noch sind sie ein Nischenprodukt, aber in einigen Supermärkten werden sie schon geführt. Auch Wiesbadener Eltern haben sie bereits genutzt.

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Inspiriert vom Adventskalender: Der "Iftar Kalender" der Frankfurterin Nadia Doukali für den islamischen Fastenmonat Ramadan.
Inspiriert vom Adventskalender: Der "Iftar Kalender" der Frankfurterin Nadia Doukali für den islamischen Fastenmonat Ramadan. (© Nadia Doukali)

Etwas, das sich in beiden Religionen schon immer ähnlich war, ist das Beglückwünschen. Manche Muslime würden übrigens einen Wiesbadener Imam fragen, ob es in Ordnung sei, Christen zu Weihnachten zu gratulieren. Natürlich könne man das, sagt er, auch wenn man nicht mitfeiere. Ein frohes Fest zu wünschen, kann eben nie schaden.