Radikal-islamische Gruppe agiert von Mörfelden aus

In diesem Gebäude in der Waldecker Straße im Mörfelder Industriegebiet hat die Gruppe „Realität Islam" ihren Sitz. In dem Haus residiert auch der Zusammenschluss der islamischen Kulturvereine in Europa. Foto: Hans Dieter Erlenbach

Die Gruppe „Realität Islam“ mit Sitz in Mörfelden wird wegen ihrer radikal-islamischen Ausrichtung vom Verfassungsschutz beobachtet.

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MÖRFELDEN-WALLDORF. Im Rhein-Main-Gebiet agiert eine Gruppe unter dem Namen „Realität Islam“, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Während die Gruppe schon seit längerem in sozialen Netzwerken aktiv ist, trat sie mit der Unterschriftenaktion „Erhebe deine Stimme gegen das Kopftuchverbot“ in den vergangenen Wochen laut hessischem Verfassungsschutz in den Fußgängerzonen von Frankfurt, Offenbach, Hanau und Rüsselsheim verstärkt an die Öffentlichkeit. Ziel ist eine Petition an den Deutschen Bundestag, um ein Kopftuchverbot an Schulen zu verhindern.

In den Fußgängerzonen treten meist junge, modern gekleidete Männer auf, angetan mit einheitlichen T-Shirts mit dem Aufdruck „Erhebe deine Stimme gegen die Wertediktatur“. Ihren Sitz hat „Realität Islam“ in der Waldecker Straße in einem Industriegebiet in Mörfelden-Walldorf (Kreis Groß-Gerau). In dem schmucklosen Bau residiert unter anderem auch die Vereinigung türkischer Kulturvereine in Europa. Außer einem Klingelschild weist nichts auf die Organisation hin.

Angebliche Übergriffe auf muslimische Frauen

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Auf der Internetseite der Gruppe gibt es unter anderem Veröffentlichungen über einen angeblich in Deutschland bestehenden „Druck zum Händedruck“. Aber auch angebliche Übergriffe auf muslimische Frauen werden thematisiert. So wird ein angebliches Erlebnis einer jungen Muslimin beschrieben, die in einem Bus in Mainz wegen ihres Kopftuchs von einer älteren Frau und später von mehreren Insassen beschimpft und dann von einem Mann aus dem Bus gezerrt worden sein soll. Gefunden habe man den Bericht beim Islamischen Bildungszentrum in Mainz.

Auch von einer Muslimin, der ein Kreuz ins Gesicht geritzt worden sei, ist auf der Facebook-Seite von „Realität Islam“ die Rede. Liberale Muslime werden auf dieser Seite beschimpft, die Islamforscherin Susanne Schröter aus Frankfurt als „Rassenforscherin“ bezeichnet, Menschen, die ein Kopftuchverbot für Kinder unterstützen, seien „Drecksleute“ heißt es da. Zudem wird gefordert „Nonnen sollten auch eine neue Kleidung bekommen“. Der Verfassungsschutz wird als „Verfassungsschmutz“ tituliert.

Doch genau der hat inzwischen umfangreiche Kenntnisse über „Realität Islam“ zusammengetragen. In einer dreiseitigen Stellungnahme, die dieser Zeitung auf Anfrage zugesandt wurde, wird dieser Gruppe „ein hohes islamisches Radikalisierungspotenzial“ zugeschrieben. Bis zu 300 Personen gehörten zum direkten Umfeld, in den sozialen Netzwerken sei die Mobilisierung jedoch weitaus höher.

„Die Gruppierung mit Sitz im südhessischen Mörfelden-Walldorf lehnt Grundelemente der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ab und strebt nach einem Gottesstaat nach islamischen Recht“, so der Verfassungsschutz in Hessen. In einer von „Realität Islam“ 2016 veröffentlichten Publikation hat der hessische Verfassungsschutz inhaltliche Parallelen zu einer im Jahr 2002 erschienen Veröffentlichung der in Deutschland verbotenen Gruppe „Hizb ut-Tahrir“ gefunden, deren Ziel die Befreiung aller Muslime von ihrer Unterdrückung und ihre Vereinigung in einem weltweiten Kalifat sei. Die Gruppe halte das Recht auf „Selbstverteidigung mit allen Mitteln“ für legitim.

In der Stadt Mörfelden-Walldorf sei die Gruppierung bekannt, so ein Sprecher der Stadtverwaltung. Über die im Impressum des Internauftritts genannte Rufnummer und über E-Mails habe man versucht, Kontakt aufzunehmen, aber nie eine Antwort erhalten. Der im Impressum als verantwortlich genannte Raimund Hoffmann sei in der Stadt nicht gemeldet.

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Auf Anfrage dieser Zeitung meldete sich Hoffmann per Mobiltelefon, wollte Fragen jedoch nicht beantworten. Die sollten schriftlich eingereicht werden, Antworten gab es bisher nicht.

Die Stadt Rüsselsheim erklärte auf Anfrage, wenn die Gruppe in der Innenstadt aktiv war, sei dies ohne Genehmigung geschehen.