Ist ein Ende der kassenfinanzierten Homöopathie in Sicht?

Die Zeiten der kassenfinanzierten Homöopathie könnten bald vorbei sein.

Karl Lauterbach will die Finanzierung von Globuli und Co. durch Krankenkassen stoppen. Trotz mangelnder Fakten schwören viele auf die Mittel. Spaltet die Debatte die Gesellschaft?

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Rhein-Main. Dass Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) kein Freund der Homöopathie ist, machte er schon mehrfach deutlich. Bereits 2010 forderte er – damals noch als SPD-Obmann im Gesundheitsausschuss des Bundestages – den Krankenkassen zu verbieten, die Homöopathie zu bezahlen. „Viele Patienten glauben, die Kassen zahlen nur das, was auch nachweisbar hilft“, sagte Lauterbach damals dem „Spiegel“. Die Krankenkassen würden mit ihrem Vorgehen eine „Wundermedizin wie die Homöopathie auch noch adeln“.

Nun hat der Minister kürzlich wieder in einem „Spiegel“-Interview angekündigt, die Finanzierung homöopathischer Behandlungen durch gesetzliche Krankenkassen überprüfen zu lassen. Obwohl diese vom Ausgabenvolumen nicht bedeutsam seien, hätten sie in einer wissenschaftsbasierten Gesundheitspolitik keinen Platz. „Deshalb werden wir prüfen, ob die Homöopathie als Satzungsleistung gestrichen werden kann.“

Einige Krankenkassen bieten die Erstattung homöopathischer Arzneimittel als sogenannte Satzungsleistung an. Es handelt sich dabei um Leistungen, die die Krankenkassen zusätzlich zu den gesetzlich festgeschriebenen Leistungen gewähren können.

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Dass es keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit von homöopathischen Arzneimitteln jenseits des Placebo-Effekts gibt, darüber sind sich viele Wissenschaftler einig. Placebo bedeutet, dass eine Besserung eintritt, wenn man nur denkt, man habe etwas Wirksames eingenommen. Auch die Ärztin Natalie Grams-Nobmann, die selbst einmal Homöopathin war, kritisiert, dass Globuli nur aus Zucker bestehen würden. Alles, was wirken könnte, sei herausverdünnt, sagte sie in einem Interview im „Tagesspiegel“. Grams-Nobmann hat ein Buch geschrieben, in dem sie die Homöopathie eigentlich verteidigen wollte. Durch die Recherche wurde sie dann allerdings zur Gegnerin und gab ihre homöopathische Tätigkeit in Heidelberg auf. Sie kritisiert, dass Homöopathie oft als die „sanfte Alternative“ gesehen werde. Das sei aber nicht wahr, Homöopathie sei nicht sanft, sondern schlichtweg unwirksam. Das, was wirke, sei psychologisch: Der Patient bekomme durch die homöopathische Therapie mehr Zeit und Wertschätzung. „Die Menschen fühlen sich gesehen, haben das Gefühl, mehr Zuwendung zu erfahren.

Mehr als ein psychologischer Effekt?

Diese psychologische Komponente allein könne nicht der Grund dafür sein, warum homöopathische Behandlungen wirken, sagt hingegen Sybille Freund. Bei der Ärztin aus Nierstein, die einst Kritikerin der Homöopathie war, lief es genau umgekehrt. Schon während ihres Medizinstudiums wollte sie beweisen, dass diese gar nicht funktionieren kann. Um „aus dem System heraus kritisieren zu können“, machte Freund vor knapp 25 Jahren eine dreijährige Homöopathie-Ausbildung. Als sie das Gelernte an ihren eigenen Kindern und an Tieren ausprobierte, stellte sie fest, dass das Gelernte nachvollziehbar und logisch war und tatsächlich funktionierte.

Dafür, dass nicht allein der Placebo-Effekt der Grund dafür sein könnte, warum homöopathische Arzneimittel wirken, spreche, dass es viele Studien dazu gebe – auch an Pflanzen oder Tieren. Untersucht wurden beispielsweise Wasserlinsen, die mit Arsen „vergiftet“ wurden. Durch die Gabe homöopathischer Arzneimittel konnten sich die geschädigten Wasserlinsen wesentlich besser regenerieren als die Kontrollgruppe. Das ist ein spannendes Ergebnis, da bei Wasserlinsen ja davon auszugehen ist, dass es bei ihnen keinen Placebo-Effekt gibt, sagt Freund und sie ergänzt: „Wir wissen noch nicht, wie die Homöopathie funktioniert, aber wir wissen, dass sie funktioniert.“

Wenn die Schulmedizin versagt

Neben dem Wissen aus Studien sei vor allem auch die Praxiserfahrung sehr bedeutsam, um gut therapieren zu können. Denn Studien würden meist punktuell nur eine Fragestellung untersuchen, einen Rezeptor beispielsweise. Dann wird geschaut, wie ein Medikament darauf wirkt, nennt Freund ein Beispiel. Dass dieses Medikament aber mannigfaltige Veränderungen im ganzen Organismus auslösen könne, werde nicht weiter untersucht. Und hier kommt die Erfahrung ins Spiel. Sybille Freund nennt ein Beispiel: Bei einigen Patienten würden manche der in den schulmedizinischen Leitlinien empfohlenen Medikamente einfach nicht wirken. „Zum Beispiel wirken Schmerzmittel manchmal bei Migräne, Mittelohrentzündung oder Gelenkschmerzen nicht. Wir haben in unserer Praxis aber die Erfahrung gemacht, dass wir diese gut mit Homöopathie behandeln können. Was spricht also dagegen, das zu tun“, fragt die Medizinerin, die sich aber auch von der Schulmedizin nicht ganz abgewendet hat. „Ich behandele gerne zuerst homöopathisch, weil es dabei keine toxischen Nebenwirkungen gibt. Wenn ich jedoch sehe, dass ich damit nicht weiterkomme, dann setze ich auch Schmerzmittel oder ein Antibiotikum ein.“

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Reine Glaubenssache

Homöopathie sei eine Glaubenssache, sagen Kritiker. Und dennoch setzen sehr viele Menschen in Deutschland darauf. In einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Homöopathie Union gaben 2021 rund 54 Prozent der Befragten an, schon einmal Erfahrung mit homöopathischer Behandlung gehabt zu haben. Über 60 Prozent von ihnen waren mit der Wirksamkeit zufrieden. Dieses Ergebnis zeige, dass Homöopathie eine „der Säulen der Medizin in Deutschland ist“, sagt die Homöopathin. Sie hält es für einen großen Fehler, die Finanzierung homöopathischer Arzneimittel abzuschaffen. „Dann würde die Spaltung der Gesellschaft, die wir ja jetzt schon haben, noch stärker werden, wenn sich die Menschen Homöopathie nicht mehr leisten können“, sagt Freund.

Wenn sich Menschen Homöopathie nicht mehr leisten können, wird die Spaltung der Gesellschaft, die wir jetzt schon haben, noch stärker werden.

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 Sybille Freund Ärztin und Homöopathin

Kritiker der Homöopathie halten es aber auch für gefährlich, wenn sich schwer kranke Menschen in ihrer Verzweiflung allein alternativen Heilmethoden zuwenden und damit unter Umständen tatsächlich helfende Behandlungen verpassen. „Ist es deshalb richtig, diese Heilmethoden zu verbieten“, fragt die Homöopathin. „Homöopathie wird in Deutschland professionell von Therapeuten verordnet, die profunde medizinisch ausgebildet sind. Wie bei jeder ärztlichen Behandlung ist es Aufgabe des Behandlers, solche Gefahr durch Unterlassung zu erkennen und davor zu warnen. Besser wäre es doch für Transparenz zu sorgen, für Qualitätskontrolle und Standards in der Ausbildung.“

„Globuli als Arznei sind ethisch nicht vertretbar”

Homöopathie-Kritikerin Grams-Nobmann findet es ethisch nicht vertretbar, Globuli als Arzneimittel anzupreisen. In anderen Ländern wie Großbritannien, Frankreich und Spanien seien diese als Kassenleistung bereits gestrichen und zum Teil auch kein Arzneimittel mehr. Die Nachfrage danach hätte deutlich nachgelassen, sagte sie dem „Tagesspiegel“.

Laut einer Umfrage der „Zeit“ in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut Infas befürworten hierzulande jedoch knapp zwei Drittel der Bürger, dass Krankenkassen die Kosten für Homöopathie übernehmen. 75 Prozent der Frauen und 48 Prozent der Männer wollen Homöopathie auf Rezept.

Viele Krankenkassen würden Globuli vor allem deshalb bezahlen, um Mitglieder zu werben, lautet eine häufig genannte Kritik. „Wir konkurrieren mit der privaten Krankenversicherung und müssen immer schauen, wie wir es schaffen, Menschen in der gesetzlichen Krankenkasse zu halten“, sagte beispielsweise Jens Baas, Chef der Techniker-Krankenkasse im „Spiegel“-Interview. Dazu müssten bestimmte Leistungen angeboten werden. Baas wies aber darauf hin, dass die Ausgaben für Homöopathie sehr gering seien.

Tatsächlich haben die gesetzlichen Krankenversicherungen im Jahr 2021 sieben Millionen Euro für homöopathische Arzneimittel ausgegeben. Das sind 0,012 Prozent der gesamten Arzneimittelausgaben, schrieb Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes auf Twitter. Er wies darauf hin, dass diese Kosten in etwa 43 Minuten der stationären Versorgung entsprechen würden. Und er ergänzte, dass man gerne über ein Pro und Contra der Homöopathie diskutieren könne. Es sei aber nicht die Scheinlösung des 17-Milliarden-Euro-Problems der gesetzlichen Krankenkassen.