Wie erlebt der TV-Zuschauer "Mainz bleibt Mainz"? Ein Abend...

Hans-Peter Betz alias Guddi Guddenberg bei "Mainz bleibt Mainz". Foto: Sascha Kopp

Es gibt sie, diese Abende, an denen man bei der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht“ nicht von der Couch kommt. Im Guten wie im Schlechten. Doch war...

Anzeige

MAINZ. Es gibt sie, diese Abende, an denen man bei der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht“ nicht von der Couch kommt. Im Guten wie im Schlechten. Im Guten, wenn Jürgen Wiesmann alias Ernst Lustig erzählt, wie er zwangsverreist wird und der kleine Justus Aurelius ihn mit Sand paniert. Wer jetzt aufsteht und in der Küche noch ein Stück Fleischwurst holt, verpasst `nen Gag. Und im Schlechten klebe ich auf der Couch, als Thorsten Ranzenberger sich als Stimmungssänger und Eisbrecher müht oder Andy Ost singt, dessen Musikparodien nicht so originell rüberkommen, wie sie vielleicht geplant waren. Zeit, mal im Smartphone zu stöbern, ob die Netzwelt das auch so sieht.

Insgesamt sind sie deutlich mehr Spaß als Langeweile, diese knapp vier Stunden vorm Ersten. Aber: die Macher vom SWR haben uns und unseren Freunden auf der Couch ein unberechenbares Programm hinterlassen. Zwischen Begrüßungssekt und warmer Fleischworscht überraschen uns Christian Schier und Michael Emrich als „Die zwei Alten im Komitee“ – die Idee aus der Muppet-Show ist zwar nicht ganz frisch, passt hier aber gut in den Ablauf.

Und auch die Schnorreswackler, die ihren Auftritt „getarnt“ im Saal beginnen, überraschen uns im positiven Sinn. Ebenso wie die kurzfristig aktivierte Margit Sponheimer, deren Auftritt wir uns zum Spundekäs schmecken lassen. Die Hofsänger lange nach dem letzten Kreppel bringen mich und meine Mitgucker am Fernsehen in Zugzwang. Ist das jetzt gut, weil es schon immer so war oder muss denn wirklich alles so sein wie immer? Die Tagesthemen-Regie war wohl auf der kritischen Seite. Der Sitzung wird noch vorm ausgedruckten Programmheftende die Luftschlange abgeschnitten. Das Lied „Meenz bleibt Meenz“, das der Sitzung immerhin ihren Namen gab, bleibt auf der Strecke. Schade. Ob die Hamburger ARD-Verantwortlichen das auch mit dem Shanty-Chor von Ina Müller gemacht hätten?

Anzeige

Betz "keilt" auch aus

Aber freuen wir uns über das, was uns zuvor an die Couch gefesselt hat. Die drei Weisen aus der Bütt zum Beispiel. Hans-Peter Betz alias Guddi Gutenberg beim letzten Auftritt in seiner Paraderolle. Er hat grandiose Ideen, für die ihn sein Publikum liebt – daneben aber auch mal Stellen, in denen er überzieht. Nicht inhaltlich, aber bei der Wortwahl. Austeilen muss nicht Auskeilen sein.

Lars Reichow lässt auch uns andächtig lauschen. Seine Fastnachtsthemen und die „Schaltgespräche“ zum Außenreporter Riesling mischen prima lokale und Bundesthemen. Etwas weniger Pathos am Ende, etwas weniger Oberlehrer hätte mir noch besser gefallen. Der dritte, der (auch) Politik aus der Bütt bewertet, tut mir an diesem Abend leid: Obermessdiener Andreas Schmitt ist sichtlich krank, kämpft mit Husten, Heiserkeit und Schnupfennase. Fast braue ich mir statt des Espresso einen Kamillentee aus Solidarität. Unter diesen Umständen macht Andreas Schmitt seine Sache noch überraschend gut. Und seine Schimpftirade auf Türken-Präsident Erdogan ist schon lange vor der TV-Sitzung bekannt im ganzen Land. Für seinen Vortrag holt er sich Standing Ovations ab, gleiches gilt für seinen Vorsitz im Komitee als Sitzungspräsident.

Ein Gruß geht an die Ehefrau

Eingeengt von Grippe und Zeitkorsett ist Schmitt zwar nicht so spontan wie bei anderen Sitzungen, aber dennoch souverän. Kaum noch überrascht das Millionenpublikum, dass er neben der Politikerprominenz seine Ehefrau Jutta grüßt. Weshalb er aber einen unbekannten AfD-Politiker aus Niedersachsen willkommen heißt, das verstehe ich nicht. Und auch die Gäste im Schloss reagieren entsprechend: mit Buhrufen. Das schmälert nicht das Gesamturteil: Ein Hoch auf Andreas Schmitt!

Anzeige

Schon Erhard Grom als Protokoller spürt, dass das Schloss nicht voller Populisten steckt. Das Ergebnis: viel Beifall für seine Spitzen gegen die AfD und Trump. Detlev Schönauer dagegen, einer, der auch für politische Fastnacht steht, lässt mir Zeit, mal eine zweite Runde Winzersekt auszuschenken. Die Schulstunde von Lehrer Schönauer packt mich ähnlich wie damals die Ionenbindung in der 10. Klasse. Ich hab danach Chemie abgewählt. Will noch jemand Spundekäs?

Ja, wolle mer roilasse – genau wie das Sahnehäubchen der Sitzung: Frank Brunswig als Donald Trump und Thomas Becker als dessen Bruder aus der Pfalz. Klar – die „Trumps aus de Pfalz“ drängen sich als Lied förmlich auf, aber das Zwiegespräch davor ist einfach umwerfend komisch.

Die Tanzeinlage wird zur Toilettenpause

Zum Glück kommt dann das Ballett. Ich muss dringend auf die Toilette. Als ich zurückkomme: ein buntes Bild, die Showtanzgruppe „Fantasy“ vom TSV Schott tut viel für die Optik, lässt Griechenlands Götterwelt aufleben. Die Jury auf der Couch findet kein einstimmiges Urteil. Vielleicht hat der pompöse Auftritt ja Modemacher Harald Glööckler überzeugt, der unter den Zuschauern ist.

Acht von acht Daumen hoch dagegen für zwei Nummern aus der Rubrik Kokolores: Alexander Leber als Mainzer Polizist bringt uns zum Lachen, Christian Schier und Martin Heininger bei ihrer eigenen Version der Fastnachtsposse fast zum Weinen – zum Weinen vor Lachen. Die beiden beweisen: es gibt keine dummen Witze, sondern nur schlecht erzählte: „Treffen sich zwei Kerzen. Fragt die eine: Ist Wasser gefährlich? Antwortet die andere: Davon kannste ausgehen.“

Bei uns gehen sie kurz nach Mitternacht aus. Wir haben nicht geschunkelt, aber viel gelacht. Und ein bisschen Spundekäs ist auch noch übrig.