Wer tict zuerst?

Das Stück „Chinchilla Arschloch, waswas“ rund ums Tourette-Syndrom lässt das Publikum nachdenken – und lachen. Foto: Robert Schittko

„Was passiert, wenn man Tourette eine Bühne gibt? Was passiert, wenn es machen darf, was es will?“ Das fragt das Theaterstück „Chinchilla Arschloch, waswas“ die...

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MAINZ. „Was passiert, wenn man Tourette eine Bühne gibt? Was passiert, wenn es machen darf, was es will?“ Das fragt das Theaterstück „Chinchilla Arschloch, waswas“ die Zuschauer im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters als Auftaktstück des Festivals „Grenzenlos Kultur“. Die Antwort findet man in der Produktion der mehrfach ausgezeichneten Dokumentartheatergruppe Rimini Protokoll nach 90 Minuten oder 28 Szenen, die fein säuberlich als Maßband über den Köpfen der Protagonisten schweben.

Die Protagonisten, das sind die Berliner Elektropopmusikerin Barbara Morgenstern, Christian Hempel und Benjamin Jürgens, der etwas später mit einem Freund auf die Bühne radelt und sich zwanglos in das Geschehen einreiht. Das Textbuch fest in der Hand: „Sie wollen, dass ich den Text lerne, ich nicht“. Fast zum Schluss taucht Bijan Kaffenberger auf. Er kommt von einer Parteiveranstaltung aus dem Hessischen, hat immer noch seinen lichtblauen Anzug an und freut sich, dass er es noch geschafft hat, seinen Part zu spielen. Bijan möchte nicht, dass man seine Tics hoch hängt, er möchte als der hessische Landtagsabgeordnete gesehen werden, der sich das Thema Digitalisierung auf die Fahnen geschrieben hat.

Die drei Protagonisten konfrontieren gleichzeitig die Zuschauerinnen und Zuschauer mit sich selbst, indem sie das Tourette zum Thema und den Zuschauer zum Voyeur machen, der sich die Frage stellen muss, wie viel „nautische Nutte“ und Stinkefinger halte ich aus – oder verfolge ich ein Stück Kunst?

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Entlang dieser Frage bietet der Abend überwiegend komische Szenen, die den Szenenapplaus wie Medaillen blinken lässt. Das Schöne dabei: Hier wird miteinander gelacht. Ein Höhepunkt ist das Duell „Wer tict zuerst?“. Ein kurzes Nachdenken im Zuschauerraum: Ach ja, da gibt es doch das Kinderspiel „Wer blinzelt zuerst?“ Jürgens und Hempel stellen sich dazu voreinander auf und versuchen, nicht zu zucken oder sonstwie aus der Rolle zu fallen, was zu herrlichen Verrenkungen und unvorhersehbaren Pointen führt. Als Schiedsrichterin fungiert Barbara Morgenstern, die mit ihren Liedern und ihrer Musik die Protagonisten immer wieder zusammenführt.

„Draußen bin ich Störung, hier drinnen Attraktion“

Dass Musik eine beruhigende Wirkung hat, beweist auch Jürgens, der mit dem Rücken zum Publikum singt. Markant und sehnsuchtsvoll, begleitet von Morgenstern und nicht von unkontrollierten Tics. Wie viel Wortkunst im Einzelnen steckt, beweisen sie, wenn sie ihrem Tourette freien Lauf lassen. Unmerklich wickeln sie die Zuschauer ein, übernehmen die Kontrolle über den Abend und beweisen, dass die Welt an sich ein Theater ist und dass die Schollen des Bühnenbildes, auf denen jeder einzelne schwimmt, sich zu einer Einheit zusammenfügen lassen – und die Losung des Abends „Dort draußen bin ich eine Störung, hier drinnen bin ich eine Attraktion“ frenetisch gefeiert wird.

Die 21. Ausgabe von Grenzenlos Kultur fragt danach, was „Heimat(en)“, das Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz, heute bedeutet – auch und gerade für Menschen mit Behinderung. In Rimini Protokolls „Chinchilla Arschloch, waswas“ erzählt Christian Hempel auch davon, dass seine Nachbarn damit drohten, ihm das Jugendamt auf den Hals zu hetzen, weil sie seine Tourette-bedingten Schimpfwörter persönlich nahmen.