Verein „Armut und Gesundheit“ feiert sein 20-jähriges...

Es waren die Erfahrungen in einem indischen Lepra-Hospital, Anfang der 90er, die Gerhard Trabert nachhaltig geprägt haben. „Dort fuhren die Ärzte in die Dörfer, um die...

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MAINZ. Es waren die Erfahrungen in einem indischen Lepra-Hospital, Anfang der 90er, die Gerhard Trabert nachhaltig geprägt haben. „Dort fuhren die Ärzte in die Dörfer, um die Menschen zu versorgen“, erzählt er. „Ihre Philosophie war: Wenn der Patient nicht zum Arzt kommt, dann muss der Arzt zum Patient kommen.“ Als Sozialpädagoge kannte er den Ansatz bereits durch die Arbeit auf der Straße. Als junger Arzt wollte er ihn auch auf der medizinischen Ebene in Deutschland etablieren, damit jeder sein Recht auf eine adäquate Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen kann.

Erstes Arztmobil durch Spende von der Caritas

Heute ist Trabert Vorsitzender des von ihm gegründeten Vereins „Armut und Gesundheit“, der zehn Mitarbeiter, rund 40 Ehrenamtler und 250 Mitglieder zählt. Am Samstag, 8. Juli, feiert der Verein sein 20-jähriges Bestehen.

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In Indien wurde Trabert mit extremer Armut konfrontiert. Doch ihm wurde bewusst, dass das Thema in seiner Heimat ebenfalls zur sozialen Realität zählt. „Wohnungslose Menschen sind nur die Spitze des Eisbergs“, sagt er. Zurück in Deutschland befasste sich Trabert in seiner Dissertation mit dem Thema „Gesundheitssituation und medizinische Versorgung von wohnungslosen Menschen“.

Doch es blieb nicht bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Inspiriert von einer Hospitation im Saint Vincent’s Catholic Medical Center New York gründete er 1994 das „Mainzer Modell“, eine medizinische Versorgungseinrichtung für wohnungslose Menschen am Barbarossaring. 1997 bekam er von der Caritas eine Spende in Höhe von 20 000 Mark. Damit konnte er sich ein „Arztmobil“ zulegen, mit dem in Mainz bestimmte Standorte aufgesucht werden können, um kostenlos ärztliche Hilfe anzubieten. Als erster Arzt in Deutschland bekam Trabert für diese Form der mobilen Praxis eine kassenärztliche Zulassung.

„Das Arztmobil war für mich ein wesentlicher Grund, den Verein zu gründen“, sagt er. Als Privatperson wäre ihm die Verantwortung für das Fahrzeug zu groß gewesen – er brauchte einen Träger. Gisela Bill gehört zu den sieben Gründungsmitgliedern und war ab 2002 bis 2015 Geschäftsführerin. Behauptungen wie die des CSU-Politikers Horst Seehofer: „Es gibt keine Armut, weil wir haben ja die Sozialhilfe“, machten die damalige Grünen-Landtagsabgeordnete aktiv. Denn für sie stand fest: „Die Abschaffung des Spitzensteuersatzes und die Einführung der Leiharbeit haben vielmehr die Armut verfestigt.“

Gesunder Imbiss, Spiele und ein offenes Ohr für Kinder

Längst hat sich das Angebot von „Armut und Gesundheit“ über die medizinische Versorgung und das Arztmobil erweitert, was auch der Anlass für den Umzug auf das Zitadellengelände (Bau F) war. Dazu zählt etwa die Soziale Beratung, die neben einer psychosozialen Hilfestellung, die Begleitung und Vorbereitung zur Rückkehr in das vorhandene Gesundheits- und Sozialleistungssystem beinhaltet.

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Mit dem „Street Jumper“-Wohnmobil sucht „Armut und Gesundheit“ seit 2008 regelmäßig Kinder und Jugendliche in benachteiligten Wohngebieten auf. Im Street Jumper gibt es einen gesunden Imbiss, Getränke sowie Sport- und Spielmöglichkeiten, körpertherapeutische Angebote und ein offenes Ohr. „Unsere Standorte sind die Gustav-Mahler-Siedlung, die Elsa-Brändström-Straße sowie der Layenhof“, informiert Gisela Bill, die das Projekt leitet. Seit 2015 wird auch die Flüchtlingsunterkunft Zwerchallee besucht.

In der Goetheschule hat der Verein einen Snoezelenraum eingerichtet, in dem die Widerstandsfähigkeit von Kindern durch Entspannungsübungen gefördert werden soll.

Und dann sind da noch die Projekte im Ausland, beispielsweise für die Gesundheitsversorgung von Menschen in Rumänien und Kenia. In den vergangenen Jahren hat Trabert zudem zahlreiche Hilfseinsätze in Kriegsregionen geleistet. Erst im Juni war er in Nordsyrien, im Juli ist er im Nordirak und im August wird er mit der Seawatch II unterwegs sein, die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer vor dem Ertrinken rettet. Mit diesem Engagement vor Ort will der 60-Jährige die Flüchtlingspolitik aller deutschen Parteien kritisch hinterfragen und ein eindringliches Statement gegen rechtspopulistische und fremdenfeindliche Äußerungen setzen.

Traberts Vision für die Zukunft? „Dass das Gesundheitssystem alle Menschen auffängt“, sagt er. „Denn eigentlich ist es ein Skandal, dass es uns geben muss.“ Bis dahin wird er nicht müde, zu erklären, dass Krankheit arm macht und Armut krank macht.