Suche nach dem Jazz

Elliott Sharp (Gitarre) und Eric Mingus (Gesang) traten zu Beginn des Abends auf.        Foto: hbz/Harry Braun   Foto: hbz/Harry Braun

Gleich drei prägnante Daten feierte der Mainzer „Verein für zeitgenössische Kultur“, „Up-Art“, am Samstag mit seinem „Akut“-Festival im Frankfurter Hof. Vor 30...

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MAINZ. Gleich drei prägnante Daten feierte der Mainzer „Verein für zeitgenössische Kultur“, „Up-Art“, am Samstag mit seinem „Akut“-Festival im Frankfurter Hof. Vor 30 Jahren wurde dieses „Festival für Jazz“ im studentischen Umfeld gegründet, vor 25 Jahren ging es erstmals am derzeitigen Ort über die Bühne. Und in diesem Jahr fand es – ökonomisch begründeten Unterbrechungen geschuldet – zum 20. Mal statt.

Von Beginn an untersuchten die Organisatoren den Jazz auf seine aktuelle Konsistenz. In diesem Jahr wurde dieser Ansatz einmal mehr konsequent eingelöst. Wie klingt der Jazz des 21. Jahrhunderts? So könnte die Frage vor diesem vehementen Konzertabend gelautet haben. Mehr noch: Ist diese Musik mit dem Begriff „Jazz“ überhaupt noch zu fassen? Das 20. „Akut“ lässt sich auch als Aufforderung verstehen, eine neue Begrifflichkeit zu suchen.

Denn weder Armstrong noch Ellington, Davis oder Coltrane waren die Impulsgeber der drei Konzerte. Gleich zu Beginn machte der New Yorker Elliott Sharp deutlich, dass für ihn Apple, Google oder Facebook bei der ästhetischen Bearbeitung die entscheidenden Rollen spielen. In seiner „elektroakustischen“ Solo-Werkreihe „Tectonics“ überlässt er die Rolle der Rhythmusgruppe einem Laptop, das unablässig mächtige Patterns abstrahlt und Sharp die Grundlage für krachende Splittertöne legt, die immer wieder durch geradezu gestrig wirkende Rock-Licks gebrochen werden.

Als Konzertpartner hatte Sharp Eric Mingus, jüngster Sohn des legendären Bassisten Charles Mingus, mitgebracht, der unablässig Blues-Versatzstücke wahlweise sang, deklamierte oder schlicht aufsagte. Seine Performance wirkte in diesem Maschinenumfeld wie das klagende Rudiment des medial unterjochten Menschen.

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Ganz anders die Saxophonistin Angelika Niescier im Zusammenspiel mit den Italienern Simone Zanchini (Akkordeon) und Stefano Senni (Kontrabass). Hier sorgte schon die Instrumentierung für feine folkloristische Grundierung. Im Wechsel zwischen komponierten und improvisierten Passagen begegnete der Bebop einer Tarantella, vermischten sich delikate Unisono-Passagen mit geräuschhaften Einsprengseln, die so weit gingen, dass Zanchini mit den Registerschaltern seines Instruments perkussive Effekte erzielte.

Schließlich das Trio „Hang Em High“ mit dem österreichischen Drummer Alfred Vogel, dem Schweizer Bassklarinettisten Lucien Dubuis und dem polnischen Bassisten „Bond“. Es näherte sich eher als Doom-Metal-Band dem Jazz als umgekehrt. Kürzelhafte Riff-Abfolgen, eine dem Free Jazz abgelauschte Spielweise, wild und kreischend auf der Klarinette, dem geräuschhaften Drone auf dem Bass verpflichtet.

Nächstes Jahr könnte, so wurde gesagt, „Akut“ wieder zwei Tage dauern. Das wäre unbedingt wünschenswert. Denn derart komplexe Musik drei Mal in Konzertlänge hintereinander zu goutieren, stellt hohe Ansprüche ans Publikum, das sich bei „Hang Em High“ aus purer Ermüdung doch sichtbar lichtete.

Von Stephan A. Dudek